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Dillingen

14.06.2019

Allein unter Männern: Eine Dillinger Soldatin beim Orientierungslauf

Yvonne Ruß (links) und Sabrina Garn (rechts) sind Soldatinnen im IT-Bataillon in Dillingen. In diesem Quartal durchlaufen sie gemeinsam mit fünf weiteren Frauen die Grundausbildung der Bundeswehr. In wenigen Tagen steht ihre Abschlussprüfung an.
Bild: Tanja Ferrari

Plus Frauen bei der Bundeswehr sind noch immer ungewöhnlich. Eine Dillinger Soldatin erzählt von ihrer Entscheidung und den Herausforderungen des Jobs.

Sie hält einen Papierschnipsel in der Hand und dreht ihn nachdenklich von links nach rechts. Die Sonne brennt ihr ins Gesicht, als sie die gepunkteten und gestrichelten Linien auf dem Blatt sorgfältig mit dem Finger nachzieht. Sabrina Garn runzelt ihre Stirn und dreht sich dann schwungvoll zu ihrer Gruppe um. „Ich weiß, wo wir lang müssen“, sagt sie aufgeregt.

Wie in Zeitlupe bewegen sich die Augen ihrer drei Kollegen langsam weg von den Zettelausschnitten in ihren Händen und richten sich gespannt auf sie. Obwohl sie das Gelände bereits kennen, fällt es der Gruppe schwer, sich zu orientieren. Die vier haben sich aber nicht etwa bei einem Ausflug im Wald verlaufen, sondern absolvieren bei knapp 30 Grad Celsius einen Teil ihrer Grundausbildung bei der Bundeswehr am Standort Dillingen.

Bei der Grundausbildung absolvieren die Soldaten einen Orientierungslauf

„Als wir heute Morgen mit dem Bus in der Kaserne abgeholt wurden, hatten wir keine Ahnung, was auf uns zukommt“, erzählt Garn. Zwei Kilometer muss die Gruppe anschließend durch den Wald laufen, bis sie an einem Knotenpunkt ihren Auftrag erhält: Ein Orientierungsmarsch steht auf dem Programm. Mit Kompass und Kartenschnipsel ausgestattet, geht es los. Ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd werden die Soldaten in verschiedene Trupps eingeteilt und müssen sich gemeinsam möglichst schnell orientieren und ein Ziel erreichen.

Dort erwarten sie versteckte Aufgaben, die sie lösen müssen, um den Auftrag abzuschließen, erläutert Ausbildungsleiter Philipp Bastineller, der die Übung betreut. Insgesamt gibt es für jede Gruppe neun Aufträge, davon sollten die Soldaten so viele wie möglich erfolgreich abschließen.

Mit Kartenausschnitten müssen beim Orientierungslauf Ziele gefunden werden.
Bild: Tanja Ferrari

Für Sabrina Garn ist es schon die zweite Grundausbildung bei der Bundeswehr. Vor sechs Monaten ist die Ulmerin schon zum Informationstechnik-Bataillon 292 nach Dillingen gekommen. Krankheitsbedingt kann sie allerdings im ersten Versuch nicht die ganzen drei Monate an den Übungen teilnehmen. Deshalb holt sie diese in einem zweiten Anlauf nach. „Vieles weiß ich schon und kann deshalb den anderen Kameraden helfen“, sagt sie stolz.

Sabrina Garn landet über Umwege bei der Bundeswehr

Bis sie sich im vergangenen Jahr in München zu einem Einstellungstest anmeldet, führt die 33-Jährige ein ganz normales Leben. Sie arbeitet als Bäckereifachverkäuferin. Die Bundeswehr habe sie allerdings schon immer interessiert, erzählt sie mit Begeisterung in der Stimme. Ob sie sich das alles so vorgestellt habe, kann sie gar nicht richtig beantworten. Strukturen und Routinen der Bundeswehr, die zu Beginn noch ungewohnt sind, lernt sie schnell kennen und gewöhnt sich daran. Auch Heimweh sei kein richtiges Problem.

Garn betont: „Durch die Kameradschaft und das gemeinsame Ziel, die Grundausbildung zu bestehen, ist der Zusammenhalt in der Kaserne sehr hoch.“ Inzwischen habe sie schon viel geschafft. Bis zu ihrer Abschlussübung am 17. Juni bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit. Neben dem sechs Stunden langen Orientierungsmarsch steht an diesem Tag auch noch eine Schusseinheit bei Nacht auf dem Übungsplan. „Ein sehr langer Tag, wenn man bedenkt, dass wir schon seit 5 Uhr morgens auf den Beinen sind“, sagt die 33-Jährige bekümmert.

Vier Mal im Jahr kommen Rekruten in die Dillinger Kaserne, um ihre Grundausbildung zu absolvieren. Als Ausbildungsleiter weiß Hauptmann Bastineller, dass verschiedenste Menschen zur Bundeswehr finden. Er sagt: „Unterschiede werden keine gemacht – egal ob groß oder klein, Mann oder Frau.“ Gepäck, Aufgaben und Anforderungen seien für alle gleich.

Die dreimonatige Grundausbildung beispielsweise sei beim IT-Bataillon anders als beim klassischen Heer für alle gleich, erläutert er. Da die Zeit sehr knapp bemessen ist, könne bei den Übungen keine Rücksicht auf das Wetter genommen werden. „Nur bei Sturm oder Gewitter brechen wir eine Einheit ab“, informiert er und beobachtet eine schwitzende Gruppe, die ausgelaugt von ihrem Auftrag zurückkommt.

Wie hoch der Frauenanteil bei der Bundeswehr wirklich ist

Das heiße Sommerwetter macht auch Garn zu schaffen, die inzwischen unter einem Tarnnetz Platz genommen hat. „Es gibt immer irgendetwas zum Meckern, aber die Hitze ist besonders schlimm“, sagt sie und streift sich erschöpft die Handschuhe ihrer Uniform ab. Die knapp 15 Kilogramm Gepäck, die aus Rucksack, Waffe und einem Gürtel bestehen, werden gefühlt mit jedem Marsch in der Sonne schwerer.

Ausnahmen gibt es keine, auch nicht für Frauen. Garn ist eine von vier Soldatinnen, die in diesem Quartal die Grundausbildung in Dillingen mitmachen und gehört damit zum zwölfprozentigen Frauenanteil in der Bundeswehr. Obwohl es seit 2001 für Frauen möglich ist, sich für alle Sparten der Truppe zu verpflichten, sind es eher die Sanitäts- und Personalbereiche, die davon profitieren, wie die Bundeswehr auf ihrer Webseite mitteilt.

Inzwischen ist eine Verpflegungsstation für die Soldaten aufgebaut. Neben dem Schweißgeruch legt sich der Duft von Fleischbällchen in die Luft, und Garn reiht sich mit ihrem Essgeschirr in die Warteschlange ein. Auch wenn die Soldaten von der Hitze keinen richtigen Hunger hätten, müssten sie neue Energie tanken, erläutert Ausbilder Bastineller. Für unterwegs packt sich Garn noch schnell eine Banane ein und sucht sich anschließend mit ihrer Gruppe einen Platz im Schatten.

Auch für Verpflegung ist beim Orientierungslauf gesorgt. Fleischbällchen mit Nudeln sollen Energie für den restlichen Nachmittag liefern.
Bild: Tanja Ferrari

Als sie ihren Helm abnimmt, kommen ihre plattgedrückten, nassen Haare zum Vorschein. Zwischen zwei Bissen erklärt sie: „Wir begegnen uns hier alle auf Augenhöhe.“ Viele Frauen hätten vielleicht Angst vor einer Karriere bei der Bundeswehr, weil es doch eher ein klassischer Männerberuf sei. Als sie ihren Eltern von ihrem Plan erzählt hatte, sei die Besorgnis groß gewesen, erinnert sich die 33-Jährige. „Erst als sie beim Gelöbnis alles anschauen konnten, haben sie meine Entscheidung richtig akzeptiert.“

Als sie mit dem Essen fertig ist, steht die Ulmerin widerwillig auf und wäscht ihr Geschirr ab. Dann geht es weiter. Die Gruppe macht sich auf den Weg zu ihrem nächsten Ziel. Unterhalten sollten sich die Soldaten während der Übung nicht, stattdessen ist Konzentration gefragt. „Wir müssen alles im Blick haben“, sagt Garn. Beim Marschieren muss die vierköpfige Truppe an jeder Kreuzung anhalten und ihren Kartenausschnitt überprüfen. Gehen sie falsch, koste es wertvolle Zeit. „Je länger wir in der prallen Sonne sind, desto schwieriger ist es, aufmerksam zu bleiben“, betont die Soldatin.

Nach einer Stunde endlosen Laufens ist es geschafft. Die 33-Jährige entdeckt einen Sack, der in den Bäumen über ihren Köpfen hängt. Schnell wird die Stelle gesichert und die Beute inspiziert. Im Inneren befinden sich Aufgaben, die die Gruppe lösen muss. „Wie lauten die Namen von Bundeskanzler und Bundespräsident“, liest ein Kamerad vor.

Am Ziel erwarten den Trupp verschiedene Fragen und Aufgaben.
Bild: Tanja Ferrari

Dann geht alles ganz schnell. Noch bevor die Fragen beantwortet sind, taucht ein Auto im Sichtfeld der Gruppe auf. Blitzschnell hechten sich die vier Soldaten in die Büsche, die Rucksäcke lassen sie in der Aufregung zurück. „Das darf nicht passieren“, weiß Garn. In einer richtigen Einsatzsituation würde die Gruppe damit ihren Aufenthaltsort verraten und ihr Leben gefährden. Nach mehreren Stunden in der Hitze nimmt jedoch die Konzentration immer mehr ab und Unachtsamkeiten schleichen sich unweigerlich ein.

Warum Aufgeben keine Option ist

Resigniert macht sich der Trupp auf den Rückweg. Mit jedem Schritt sinkt die Stimmung merklich. Die Mittagssonne knallt rücksichtslos auf den Rücken der Soldaten. Im Lager angekommen, lässt sich Garn erschöpft in das kühle Gras fallen. „Mit jedem Schritt wird man kaputter“, haucht sie komplett außer Atem und lächelt müde.

Langsam tut jeder Knochen in ihrem Körper weh und auch Blasen an den Füßen machen sich bemerkbar. Ihre Schuhe zieht die 33-Jährige deshalb gar nicht mehr aus, aus Angst, ihre Füße anschließend nicht mehr hineinzubekommen. Noch drei Aufgaben muss der Trupp lösen, um die Übung zu beenden. Aufgeben ist keine Option für die Ulmerin. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es weiter. Schließlich möchte Garn heute Nacht stolz auf sich sein, wenn sie geschafft, aber glücklich in ihrem Bett liegt.

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