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Landkreis Dillingen

07.08.2020

„Alltagsrassismus kommt auch im Landkreis Dillingen vor“

Der Lauinger Alexander Baumgärtner hält den Alltagsrassismus für ein weitverbreitetes Phänomen – auch im Landkreis Dillingen. Er hofft, dass sich die Vernunft durchsetzt, und weist darauf hin, „dass 17 Millionen Menschen in Deutschland Migrationshintergrund haben“.
Bild: Martin Volkmar

Plus Der Lauinger Alexander Baumgärtner hat eine dunkle Hautfarbe. Deshalb hat er schon viele unliebsame Erfahrungen machen müssen. Es sind nicht die offenen Anfeindungen, die ihn schmerzen.

Fast drei Monate nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einer brutalen Festnahme durch die Polizei in Minneapolis wird auch in Deutschland nach wie vor viel über Rassismus diskutiert. Der Lauinger Alexander Baumgärtner verfolgt diese Debatten genau, denn der 38-Jährige hält den „Alltagsrassismus“ für ein immer noch weitverbreitetes Phänomen in der Gesellschaft. Und der komme „auch bei uns im Landkreis“ vor, stellt der Unternehmer fest.

Mutter stammt von den Bahamas

Baumgärtners Vater ist ein Gundelfinger, seine Mutter stammt von den Bahamas. Von Integration zu reden, ist bei dem 38-Jährigen unsinnig, denn der Lauinger steht mitten in der Gesellschaft. Er ist selbstständig, hat in München internationale Wirtschaft studiert und betreibt in Günzburg eine Allianz-Agentur. In der Gundelfinger Stadtkapelle machte Baumgärtner Musik, bei der Lauinger Stadtkapelle gab er gelegentlich Gastspiele als Sänger. Von 2002 bis 2010 saß der einstige Albertus-Abiturient im Gundelfinger Stadtrat. Der Vater dreier Töchter ist demnach ein Schwabe, wie er im Buche steht.

Dennoch hat Baumgärtner wegen seiner dunklen Hautfarbe gelegentlich auch seltsame Erfahrungen gemacht. Die heftigste liegt fast zwei Jahrzehnte zurück. Als etwa 19-Jähriger besuchte Baumgärtner mit vier Freunden ein Fest in Binswangen, auf dem Coverrock gespielt wurde. Da sei er von zwei Gästen mit Springerstiefeln und Bomberjacke grundlos angegriffen worden. „Die rammten mich, und zwar einzig und allein aus einem Grund – und der war meine Hautfarbe“, sagt Baumgärtner. Um einer Eskalation aus dem Weg zu gehen, habe er mit seinen Freunden regelrecht flüchten müssen.

Bild des Neonazis

Dies sei eine Ausnahme gewesen. Der Lauinger weist aber auf eines hin: „Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist im Jahr 2020 die Thematik des Rassismus gegenwärtiger denn je. Zwar nehmen hier die offenen Anfeindungen und Übergriffe mit dem damit verbundenen Bild des Neonazis eher ab, jedoch verwurzelt sich ein Zwei-Klassen-Begriff von ‚Die‘ und ‚Wir‘ immer tiefer in der Gesellschaft, dem kaum noch entgegenzutreten ist“, sagt Baumgärtner. Die Beispiele dafür seien schier endlos.

Vor nicht allzu langer Zeit sei es ihm beispielsweise passiert, dass ihn eine Kundin mit den Worten begrüßte: „Na wenigstens sind Sie kein Türke.“ Baumgärtner, der angesichts seiner Eloquenz sonst nicht nach Worten suchen muss, war zunächst einmal sprachlos. „Diese Einteilung von Menschen in erste, zweite und dritte Klasse“ habe ihn schwer verletzt. Strafrechtlich sei es sinnlos, darüber nachzudenken, ob hier ein Vergehen vorliegt. „Die Frage aber, ob dies als alltagsrassistisch anzusehen ist, kann in diesem Zusammenhang nur mit Ja beantwortet werden“, sagt der Lauinger.

Auch Behördenbesuche werden für Baumgärtner immer wieder zu einer unliebsamen Erfahrung. Wenn er nicht erkannt werde, werde er meist mit einer überdeutlichen und langsamen Artikulation angesprochen, so, als verstünde er die Amtssprache nicht. „Wer mich nicht kennt, der sieht bei mir erst einmal die Hautfarbe“, stellt Baumgärtner fest. Auf Dauer führe dies zu einem tiefen Frust. „Es reicht mir schon, zu wissen, dass im Kopf meines Gegenübers ein Schubladendenken stattfindet.“

Kinder würden früh falsch geimpft werden

Zu unliebsamen Höhepunkten werden mitunter Besuche beim Arzt. Da werde immer wieder die Frage „Aua wo?“ gestellt. Dabei sei auch ihm mit seinem unterschiedlichen Aussehen die Frage, wo er denn Schmerzen habe, durchaus zuzumuten, sagt Baumgärtner. Eine Tatsache schmerze ihn als Familienvater besonders: Eltern würden ihren Kindern oft schon früh das Zwei-Klassen-Denken einimpfen. Ihm sei bewusst, dass Kinder verstehen wollen, warum ein Mensch anders aussieht als ein anderer. Wenn die Antworten lauten: „Der ist halt schwarz“, „Das ist einer von diesen Asylanten“, „So sind halt Neger“, dann münde das im Erwachsenenalter in ein Denken, dass es eben Menschen zweiter Klasse gebe. Kritisch sieht Baumgärtner die Alternative für Deutschland (AfD). Die Partei sei nicht die Ursache für Rassismus und schwelenden Alltagsrassismus. „Aber mit ihrer Agitation und ihrer Argumentation schürt sie ein Feuer an, das eigentlich einmal schon längst erloschen war“, stellt der Lauinger fest. Die AfD, so SPD-Mitglied Baumgärtner, trage zur Verbreitung von Hass gegen Menschen mit Migrationshintergrund bei. Dies finde aber nicht aktiv statt, denn diese Partei handle nicht gesetzeswidrig. „Sie gehen in eine Grauzone und ermutigen Brandstifter“, sagt Baumgärtner.

Negativer Coronatest

Nach der Randale von Asylsuchenden, die in der Lauinger Gemeinschaftsunterkunft trotz eines negativen Coronatests unter Quarantäne stehen, hat es im Facebook-Auftritt unserer Zeitung einige verletzende Kommentare gegen Flüchtlinge gegeben. Baumgärtner überrascht dies nicht. Juristisch sei das wohl in den meisten Fällen maximal eine Beleidigung. „Aber hier drückt sich genau dieser Alltagsrassismus aus, den ich kritisiere“, sagt er. Der Lauinger hofft auf die Zukunft und die Vernunft. Er weist darauf hin, dass 17 Millionen Menschen in Deutschland Migrationshintergrund haben. Bei ihnen sei demnach wenigstens ein Elternteil nicht in der Bundesrepublik geboren. Deshalb müsse auch das Ausgrenzen und das Denken in zwei Klassen enden. „Der offene Rassismus ist der gewalttätigere“, sagt Baumgärtner. Es sei aber „der Alltagsrassismus unter der Oberfläche, der dauerhaft mehr wehtut“.

Bei der Polizei gibt es keine Angaben

Ob der von Baumgärtner genannte Alltagsrassismus zugenommen hat, darüber gibt es bei der Polizei keine Angaben. „Wir haben dazu kein belastbares Datenmaterial“, sagt Michael Jakob, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Nord in Augsburg. Wenn es zu Beleidigungen oder Körperverletzungen komme, werde die Motivation der Täter für die Delikte nicht erfasst, so Jakob. Deshalb könne er dazu auch keine Einschätzung abgeben. Statistisch erfasst werde dagegen die politisch motivierte Kriminalität.

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