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Historie

09.01.2014

Als ein Streit um Bissingen den Papst beschäftigte

Vor 550 Jahren eskalierte ein Streit in der Pfarrei Bissingen so sehr, dass er sogar bis nach Rom gemeldet wurde.
Bild: Herreiner

550 Jahre alte Aufzeichnungen in den Annalen der Gemeinde

Bissingen Aufzeichnungen über einen Streitfall bezüglich der Pfarrei Bissingen, der bis nach Rom gemeldet wurde, finden sich in den Annalen der Gemeinde. Vor genau 550 Jahren eskalierte eine Auseinandersetzung um die Kirchengefälle, die jährlichen Einkünfte, aus dem Pfarrsprengel der Bissinger Pfarrei. Bissingen bildete wohl seit den Jahren der Christianisierung unseres Landes die sogenannte Urpfarrei des unteren Kesseltales, von der aus die Glaubensverkündigung in diesem Gebiet ihren Ausgang nahm. Auch das Kirchenpatrozinium St. Peter und Paul weist auf ein hohes Alter hin. Der Pfarrsprengel ist weitläufig und umfasst heute neben Bissingen selbst die Orte Buggenhofen, Kesselost-heim, Unterbissingen, Hochstein, Göllingen, Gaishardt sowie die Weiler Buch am Rannenberg und Kallertshofen. Bis zur Reformation gehörte auch Oppertshofen noch zur Pfarrei Bissingen, und der Nachbarort Stillnau mit der ehemaligen Wallfahrtskirche St. Alban wurde erst im Jahre 1847 aus dem Pfarrverband Bissingen herausgelöst und zu einer eigenen Pfarrei erhoben.

Einkünfte weckten Begehrlichkeiten

Neben den beiden Kirchen in Bissingen, der Pfarrkirche und der Friedhofskirche, wurden und werden von der Pfarrei Bissingen aus auch die weithin bekannte Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Buggenhofen sowie die heute noch bestehenden Filialkirchen in Unterbissingen, Gaishardt und Hochstein betreut. Dass die Einkünfte aus dieser Pfarrei im Jahre 1464 Begehrlichkeiten weckten, geht aus den Aufzeichnungen im Archiv der Marktgemeinde Bissingen hervor. Damals war die Pfarrei Bissingen eine sogenannte „ecclesia quartana“ und der Bischof der Diözese Augsburg hatte zu ihr den „accessus“. Dies bedeutete, dass der Bischof in jedem vierten Jahr, dem Schaltjahr, alle Kirchengefälle aus dem gesamten Bissinger Pfarrsprengel bezog. Zurück ging diese Regelung möglicherweise bis zur ursprünglichen Verteilung und Verwendung des Kirchenguts, wie sie beim Einrichten der Pfarrei im ersten nachchristlichen Jahrtausend geregelt worden war. Dieser Bezug des Augsburger Bischofs und Kardinals Peter wurde diesem jedoch vor 550 Jahren, im Schaltjahr 1464, durch den Commenthur Johann von Sachsenheim aus Erdlingen streitig gemacht und vorenthalten.

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Im heutigen Kleinerdlingen, unweit der Stadt Nördlingen im Ries und damit gut drei Gehstunden entfernt von Bissingen gelegen, bestand seit dem 13. Jahrhundert eine Niederlassung des Johanniterordens. Der Komturei der Johanniter wurden für ihren Unterhalt üblicherweise Einkünfte aus Kirchen- und Klostervermögen übertragen. Und in diesem Zusammenhang wollte der Komtur Johann von Sachsenheim offensichtlich auch die nach Augsburg gehenden Einkünfte aus der Pfarrei Bissingen kassieren. Darüber nun führte Bischof Peter Klage beim Heiligen Stuhl in Rom. Daraufhin bestellte Papst Paulus II. am 27. März 1465 den Bischof der Nachbardiözese Eichstätt als Richter in dieser Angelegenheit. Bischof Wilhelm von Eichstätt wiederum subdelegierte seinen Weihbischof Leonhard, episcopus Microcamienesis, zum Rechtsprecher in diesem Streitfall. In seinem Spruch vom 5. Dezember 1467 anerkannte der Weihbischof die Rechte des Bischofs von Augsburg und wies das Ansinnen des Komturs Johann aus Erdlingen ab. Ausdrücklich wurde von Weihbischof Leonhard aus Eichstätt erlassen, dass dem Bischof von Augsburg in allen Schaltjahren sämtliche Einkünfte aus der Pfarrei Bissingen mit ihren Kirchenzehnten, dem Ertrag der Widdumsgüter und anderen Gefällen zustünden. Unter „Widdum“ verstand man nach der mittelalterlichen Rechtsprechung das unbewegliche Vermögen von Pfarrei und Pfarrhof. Nachdem der Komtur aus Kleinerdlingen jedoch trotz der in Eichstätt gefällten Entscheidung, wie es heißt, „widerspenstig blieb“, wurde er von Bischof Wilhelm aus Eichstätt am 9. Juli 1468 mit der Exkommunikation, dem Ausschluss von allen kirchlichen Sakramenten, belegt. Ungeachtet dieses Urteils muss sich der Streit noch eine Weile hingezogen haben.

Vergleich zwischen den beiden Parteien

Endgültig geschlichtet wurde die Auseinandersetzung mit einem weiteren Schiedsspruch am 25. Mai 1473. Das Übereinkommen lautete, dass von der Commenthurei Kleinerdlingen jährlich 20 Gulden an das bischöfliche Siegelamt in Augsburg zu entrichten seien. Von der Schaltjahresregelung rückte man damit ab und fand offensichtlich einen Vergleich, dem beide Streitparteien zustimmen konnten, denn dieses Kirchengült wurde von 1473 bis zur Aufhebung der Commenthurei Kleinerdlingen im Zuge der Säkularisation im Jahre 1802 ohne weitere Unstimmigkeiten nach Augsburg bezahlt. Den Gläubigen rund um Bissingen wird es allerdings weniger wichtig gewesen sein, wohin das von ihnen oft in mühseligem Tagwerk erwirtschaftete Geld floss.

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