Gundelfingen/Antalya

21.03.2016

Ausgerechnet Antalya

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Tolga und Petra Canan sind am 16. März 2006 in die Türkei ausgewandert, nachdem der heute 37-jährige Ulmer in Deutschland keinen Job gefunden hatte. In der neuen Heimat mussten beide die Sprache lernen – sie komplett und er die aktuelle Form. Denn seine Eltern, nach Deutschland ausgewandert, sprachen eine ältere Variante.
Bild: Familie Canan

Petra Canan aus Gundelfingen lebt seit zehn Jahren in der Türkei. Besuche in der Heimat schlagen ihr auf den Magen

Niemand war begeistert, als Petra Canan, geborene Fritsche, vor genau zehn Jahren beschloss, in die Türkei auszuwandern: die Familie nicht, die Freunde nicht und sie selbst auch nicht, erinnert sie sich. Aber Ehemann Tolga, ein Ulmer, Sohn türkischer Einwanderer, fand keine Arbeit, als seine Firma damals ihren Sitz in die Türkei verlegte. Heute erinnert sich die 43-Jährige immer noch daran, wie viele Tränen sie vergoss. „Ich war gerade im Erziehungsurlaub, als die Entscheidung fiel. Am meisten Angst hatte ich vor dem Heimweh.“ Erst plante die Mutter zweier Söhne, einfach regelmäßig in die Türkei zu fliegen. Länger als drei Stunden dauert das nicht. Dann zog sie mit dem vierjährigen Luca und dem damals ein Jahr alten Sinan für ein halbes Jahr nach. Alles, was in den Schränken war, sogar die Weihnachtskugeln, kam mit. Die Möbel blieben zurück. Und die Schlitten. Ein Fehler.

Inzwischen bekommt Petra Canan eigenen Angaben zufolge richtige Bauchschmerzen, bevor es zurück nach Deutschland geht. So gut hat sie sich inzwischen in ihrer neuen Heimat in Antalya ganz im Süden der Türkei eingelebt. Trifft sie ihre Freunde im Landkreis Dillingen wieder, sei das aber vorbei. Trotzdem: Zurück nach Oberbechingen, wo die 43-Jährige lange lebte, will sie nicht. Ihre alleinstehende Mutter wohnt mittlerweile im Haus gegenüber. Dank ihr und einer Freundin haben Canans auch ihre Schlitten wieder. Die braucht man, wenn 120 Kilometer vom eigenen Haus in den Bergen im Winter Schnee liegt. Die Weihnachtskugeln, die das Zuhause dann schmücken, sind inzwischen neu gekauft; in der Türkei. Ganz Antalya verwandle sich im Advent in eine Weihnachtsstadt, erzählt Petra Canan. Auch deutsche Spezialitäten bekommt sie vor Ort: Brezen, Laugenstangen, Krapfen, Nutella, alles da. Nur der Ikea ist so weit weg, dass die Gundelfingerin dort immer zuerst vorbei muss, wenn sie in Deutschland ist. Und als Veganerin, die erfolgreich eigene Kochbücher herausbringt, genießt sie die große Auswahl an alternativen Lebensmitteln.

Eine Wohnung hatte das Ehepaar beim Umzug in die Türkei rasch gefunden – es gab anfangs vor allem sprachliche Probleme: Die Eltern des 37-jährigen Ehemanns sprechen in Deutschland Türkisch wie vor vielen Jahren, erklärt Petra Canan. „In der Arbeit haben sie zu ihm gesagt, er spräche ‚gotisches‘ Türkisch“, erzählt sie und lacht. Als Beispiel nennt sie Begriffe wie „Fräulein“ im Deutschen, das sei auch ein veralteter Begriff. Die Schwäbin selbst ging in die Sprachschule, während die beiden Söhne ganztags den Kindergarten besuchten, und arbeitete in einem Café. So lernte sie die Sprache so gut, dass sie sich inzwischen unterhalten kann, einen türkischen Film verstehe sie aber nicht. Inzwischen habe sie einen großen Freundeskreis, zumal sie über die Kinder auch gleichaltrige deutsche Frauen kennengelernt hat, die ebenfalls ausgewandert sind. Außerdem sind die vier in ein Haus mit Garten gezogen, damit die Söhne draußen spielen können. Den Strand vor der Haustür, schon im März bis zu 20 Grad, keine Müllgebühr, niedrige Steuern, gute Schulen, viele Arbeitsmöglichkeiten – und dennoch wollen alle Flüchtlinge, die die Türkei erreichen, weiter nach Deutschland. Dabei könnten sie laut Petra Canan in der Türkei direkt arbeiten. „Aber sie denken vermutlich, dass sie in Deutschland für noch mehr Geld noch weniger arbeiten müssen.“

Die 43-Jährige hat Kleidung und Spielsachen für Flüchtlinge gespendet und verfolgt die politische Situation in der Türkei sehr aufmerksam. Doch vor allem die wirtschaftliche Situation vieler Freunde macht ihr Sorgen. Viele arbeiten im Tourismus, die ersten sind bereits arbeitslos. Nach den Anschlägen bleiben die Urlauber bislang aus – ausgerechnet jetzt, wo in Antalya ab 23. April die Weltausstellung Expo stattfindet und viel Geld in neue Straßen und Straßenbahnlinien gesteckt wurde. Ganz wohl bei dem Gedanken, die große Messe mit dem Motto „Kinder und Blumen“ oder Einkaufszentren zu besuchen, ist auch Petra Canan nicht. Dabei hat sie mit ihrer Familie bislang ausschließlich Urlaub in der Türkei gemacht. Das Land sei so vielfältig – „eigentlich hat man alles außer Kokospalmen“. Jetzt ist Indonesien geplant. In Antalya fühlt sie sich nach wie vor wohl. „Ich bewege mich frei. Und hätte ich Urlaub gebucht – würde ich auch nicht stornieren.“

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