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Landkreis Dillingen

27.09.2020

Binswanger Demenzberater erklärt: Was tun, wenn Oma dement wird?

Der Demenzberater und Humortherapeut Markus Proske aus Binswangen hat über 20 Jahre hinweg viele Erfahrungen in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen gesammelt. Sein Wissen gibt er in Büchern und Ratgebern weiter.
Bild: GKU Donauwörth

Plus Demenzberater Markus Proske aus Binswangen erklärt, wie man die Krankheit erkennt, welches Umfeld für die Erkrankten wichtig ist und warum sich pflegende Angehörige Wissen aneignen sollen.

Demenz und Humor – das ist für Markus Proske kein Widerspruch. Der 54-Jährige aus Binswangen bringt diese beiden Begriffe spielerisch zusammen. Der Demenzberater und Humortherapeut hat über 20 Jahre lang viele praktische Erfahrungen in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen gesammelt. Anlässlich des Weltalzheimertages vor einigen Tagen haben wir mit ihm über diese Krankheit gesprochen. Proske erklärt, wie man Demenz erkennt, was Alzheimer mit einer offenen Hose zu tun hat und warum Erkrankte manchmal Gebiss oder Geld wegwerfen.

Herr Proske, wie erkennt man als Laie den Unterschied zwischen Altersgebrechlichkeit und Demenz?

Markus Proske: Dieser Unterschied ist gar nicht so einfach zu erkennen, denn es ist ein fließender Übergang. Kurz gesagt: Vergesslich ist derjenige, der seine Hose nach dem Pinkeln nicht zumacht. Dement ist derjenige, der sie vorher nicht aufmacht.

Also ist Demenz mehr als nur ein bisschen Vergesslichkeit?

Markus Proske: Bei einer Demenz kann jede kognitive Leistung betroffen sein. Die Krankheit verläuft sehr unterschiedlich und zeigt sich bei jedem Menschen individuell.

Im Zweifel an den Arzt wenden

Und wo liegt der Unterschied zwischen Demenz und Alzheimer?

Markus Proske: Der Überbegriff all dieser Krankheiten, die diese Symptome zeigen können, ist die Demenz. Alzheimer ist eine von vielen Formen. Grundsätzlich unterscheidet man primäre und sekundäre Formen der Demenz.

Was verbirgt sich dahinter?

Markus Proske: Primäre Demenz hat ihren Ursprung im Gehirn und ist nicht heilbar. Bei der sekundären Demenz ist der geistige Verfall oft Folge einer anderen Erkrankung, wie beispielsweise einer Depression oder einer Borreliose. Aber auch Wechselwirkungen von Medikamenten oder Mangelernährung können dazu führen. Die sekundäre Demenz kann man somit umkehren, sprich heilen.

Was raten Sie Angehörigen, die befürchten, dass die Großmutter oder der Großvater dement geworden ist?

Markus Proske: Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Immerhin gibt es Studien, die zeigen, dass ein großer Teil der Alzheimer-Diagnosen nicht stimmt. Man kann zum Beispiel zum Hausarzt gehen und diesen fragen, ob er sich mit dem Krankheitsbild und der Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Demenz auskennt. Das heißt, der Mediziner muss bereit sein, sich die verschiedenen Faktoren, die eine Demenz auslösen können, genau anzusehen. Dem Patienten nur eine Uhr aufzeichnen zu lassen, ist meiner Meinung nach zu wenig. Eine andere Möglichkeit ist, sich an die Hessing-Klinik in Augsburg zu wenden oder an einen Profi, wie beispielsweise einen Neurologen oder Gerontologen. Letztere befassen sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem Thema Altern. Allerdings haben wir das Problem, dass es zu wenig Gerontologen gibt.

Angehörige von Demenzpatienten werden oft mit ihren Problemen allein gelassen

Das klingt alles nicht so einfach.

Markus Proske: Genau das ist das Problem. Wenn sich Betroffene nicht schlaumachen, kann die ganze Sache schieflaufen. Doch die Angehörigen von Erkrankten werden oft mit ihren Problemen allein gelassen. Das ist eine gesellschaftliche Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Ich habe oft den Eindruck, dass Demenzkranke nicht ins heutige Weltbild passen. Denken Sie nur mal an die Schlagworte jung, dynamisch, erfolgreich.

Wie könnte man das Problem angehen?

Markus Proske: Wir müssen dafür Verantwortung übernehmen, dass Demenzkranke unter uns leben. In diesem Punkt sind viele Kommunen aber schlecht aufgestellt. Wo gibt es schon im Zentrum eine Wohnungsgemeinschaft für Demenzkranke? Warum gibt es nicht Veranstaltungen, wie eine Woche der Demenz oder Schulungen für die interessierte Öffentlichkeit?

Wie können Angehörige unterstützt werden, die einen Demenzerkrankten pflegen?

Markus Proske: Mein Mantra dabei lautet: „Wissen hilft Pflegen.“ Die Angehörigen müssen sich mit den verschiedenen Auswirkungen und Aspekten der Krankheit auskennen. Wichtig ist, dass sich der Betroffenen angenommen und integriert fühlt. Dafür braucht es einen Bernhardiner und keinen Pinscher.

Demenzkranke müssen merken, dass sie noch etwas wert sind

Wie kann man sich das vorstellen?

Markus Proske: Ein Bernhardiner steht für Ruhe, Stärke, Ausgeglichenheit und Zuverlässigkeit. Auf Menschen übertragen heißt das, man sollte im Umgang mit Demenzkranken langsam und deutlich sprechen. Ein Pinscher ist das Gegenteil davon - hektisch, unstet und gestresst.

Und außerdem?

Markus Proske: Man könnte auch auf das Sprichwort „Leut, tuts langsam, es pressiert“ zurückgreifen. Wenn es schnell gehen soll, muss man mit dem Erkrankten langsam machen. Außerdem geht es um Hilfe zur Selbsthilfe. Die Betroffenen müssen spüren, dass sie noch was wert sind. Sie können beispielsweise noch einen Apfel schälen oder dabei helfen, die Wäsche zusammenzulegen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Demenzkranken zu den schwächsten Gliedern der Gesellschaft zählen. Angst und Trauer ist oft deren Begleiter.

Sie haben ihre Erfahrungen in dem Buch „Der Demenz Knigge“ zusammengefasst. Nun haben Sie aktuell den „Reiseführer Demenz“ zusammengestellt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Markus Proske: Ich wollte ein ganz niederschwelliges Angebot schaffen. Deshalb habe ich all mein Wissen in 40 Videos gepackt (www.reisefuehrer-demenz.de). Mir geht es darum, dass die Krankheit verstanden wird und Angehörige Hilfe bekommen, um den gemeinsamen Alltag besser meistern zu können.

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