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Höchstädt

27.02.2016

Damit sie sich nicht mehr fremd fühlen

Samira Mussa ist seit November an der Grund- und Mittelschule Höchstädt angestellt. Auch der 16-jährige Jan Schrell kümmert sich in seiner Mittagspause freiwillig um Flüchtlingskinder.
Bild: Simone Bronnhuber

Immer mehr Flüchtlingskinder kommen in unsere Grundschulen. Wie das funktioniert und an was es fehlt

Die Geschichten, die ihr die Kinder erzählen, kann sie nicht fassen. So hat sie ihr Land, das sie vor zwölf Jahren verlassen hat, nicht in Erinnerung. „Sie haben Leichen gesehen, Blut, Gewalt, Krieg. Sie hätten jede Minute sterben können. Was sie gesehen und erlebt haben, kann man nicht glauben. Sie haben in ihrem jungen Alter schon ein hartes Leben hinter sich“, sagt Samira Mussa und schüttelt den Kopf. Deshalb könne sie verstehen, dass die Kinder, die sie an diesem Vormittag in der Grund- und Mittelschule in Höchstädt unterrichtet, so sind wie sie eben sind. „Es ist nicht einfach für sie, ihr gewohntes Verhalten abzulegen und trotzdem machen sie richtig gut mit. Sie machen schnell Fortschritte.“

Samira Mussa ist 35 Jahre, hat drei Kinder und lebt in Dillingen. 2004 ist sie von Syrien ausgewandert – um in Deutschland zu studieren. Zwischenzeitlich hat sie in einem Supermarkt oder als Schneiderhelferin gearbeitet, um Geld zu verdienen und die Sprache schnell zu lernen, wie sie erzählt. In der Großen Kreisstadt hat sie dann eine Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht, ein Jahr war sie Praktikantin an der Grundschule in Dillingen und seit vielen Jahren ist sie gefragte Dolmetscherin. Außerdem arbeitet sie als Lehrerin beim bfz in Dillingen. „Ich bin überall“, sagt die junge Frau und lacht. Denn seit Mitte November ist sie zusätzlich auch noch an der Grund- und Mittelschule in Höchstädt angestellt – jeweils am Montag- und Freitagvormittag nimmt sie rund 20 Flüchtlingskinder, die aktuell in der kleinen Donaustadt gemeldet sind, aus dem Regelunterricht und beschult sie. Dies ist nur möglich, weil die Höchstädter Firma Nosta die Kosten für Samira Mussa übernimmt. Vorerst. Denn das Geld reicht noch maximal einen Monat. Dann kann Schulleiter Georg Brenner nicht mehr auf die 35-Jährige zurückgreifen. „Und das wäre ein großer Verlust. Sie hilft uns so sehr. Am liebsten wäre es mir, sie würde noch mehr Stunden bekommen und fest bei uns angestellt sein“, sagt er.

In der Schule in Höchstädt sind laut Brenner hauptsächlich Kinder aus Syrien und Afghanistan. Weil Samira Mussa fließend deutsch, englisch und arabisch spricht, ist sie ein großer Gewinn – für die Kinder und die Schule. „Sie kann sich schlichtweg mit ihnen unterhalten. Gerade am Anfang ist das so wichtig. Die Kinder kommen zu uns und können nichts“, so Brenner weiter. Über seine Frau habe er Samira Mussa zufällig kennengelernt und ganz unkonventionell eingestellt. „Das gefällt mir, dass wir nicht groß fragen müssen. Wir brauchen noch mehr solcher Menschen.“ Denn in erster Linie, so der Schulleiter weiter, würde sich Samira Mussa um Sprache und Kultur kümmern. Sie bringt ihnen die Grundkentnisse bei, um im Regelunterricht einigermaßen mithalten zu können. „Wichtiger ist aber, dass dadurch unsere Lehrer wieder mehr Freiraum haben“, so Brenner. Für ihn als Schulleiter sei wichtig, dass seine Lehrkräfte den Unterricht nicht auf zwei oder drei Kinder konzentrieren, sondern auf den anderen Großteil. „Auch, wenn das natürlich nicht immer umzusetzen ist.“ Zusätzlich hat Georg Brenner noch Förderlehrer eingesetzt, die sich um die Flüchtlinge kümmern, andere Lehrer hätten ihre Stunden aufgestockt. Eine weitere Besonderheit in Höchstädt sind die sieben Mittelschüler, die sich einmal in der Woche freiwillig und in ihrer Freizeit um die Kinder kümmern. Einer von diesen Tutoren ist der 16-jährige Jan Schrell. Er erzählt: „Das macht Spaß und wir reden viel. Ich lerne so auch Wörter von ihrer Sprache. Ich finde auch, dass sie schnell lernen.“

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Auch Georg Brenner erzählt, dass die Kinder sehr umgänglich sind, dass gerade die Buben schnell Kontakt zu anderen Schülern finden und Freundschaften aufbauen. Die Mädchen würden sich schwertun und eher unter sich bleiben. „Wir haben auch über die Sache mit Kopftüchern gesprochen. Sie tragen sie, aber nicht komplett vermummt. Momentan haben sie alle Pudelmützen auf. Mir ist wichtig, dass sie uns auch entgegenkommen, dafür machen wir woanders auch mehr Zugeständnisse – sei es beim Schwimm-unterricht.“ Für die Flüchtlingsmädchen ein großes Problem, so der Schulleiter. Samira Mussa sagt, dass sie einst auch ein Kopftuch getragen habe, das sie aber in Deutschland abgelegt hat. „Ich erkläre den Kindern die Kultur hier, und warum, was bei anderen nicht gut ankommt. Ich kann verstehen, wie sie sich fühlen. Sie fühlen sich fremd und das überall. Deshalb will ich ihnen helfen.“ Momentan ist Samira Mussa die einzige „Nicht-Lehrerin“, die an einer Grundschule bei der Flüchtlingsbeschulung hilft. Dennoch, so erläutert es Schulamtsdirektor Wilhelm Martin, gibt es an allen Einrichtungen im Landkreis Aufstockungen. Martin: „Wir haben zusätzliche Lehrer eingestellt, die sich nur um die Sprachkenntnisse der Kinder kümmern und wir haben unsere Förderlehrer auch noch.“ Außerdem hätten vereinzelte Lehrkräfte mehr Stunden, wie in Höchstädt, und aktuell gibt es zwei Rentner, die für ein paar Stunden in der Woche die Schulen unterstützen. Permanent würden nun Lehrer eingestellt, wenn es diese dann laut Martin gibt. Ganz aktuell habe das Ministerium beschlossen, dass aus dem Vollen geschöpft werden kann. Das gefällt auch Georg Brenner: „Ich hoffe, dass ich so unsere Frau Mussa behalten kann.“

Insgesamt sind momentan laut Martin rund 60 Flüchtlingskinder an den Grundschulen im Kreis. Schwerpunktmäßig sind die Kinder in Dillingen, Gundelfingen, Lauingen, Wertingen und Höchstädt untergebracht. Aber auch in Wittislingen oder Haunsheim werden vereinzelt Flüchtlinge unterrichtet. „Wir stufen sie in der Regel nach ihrem Alter ein, schauen aber auch, welche Schulkenntnisse sie haben oder ob sie die lateinische Schrift kennen. Manche waren auch noch gar nie in der Schule“, so Martin weiter. Der Schulamtsleiter betont aber auch, dass es eine große Herausforderung für die Grundschulen sei, weshalb er sehr dankbar sei, dass die Lehrer sich dieser ethnischen Aufgabe stellen. „Es sind zusätzliche Differenzierungsaufgaben. Die Lehrer müssen sich separate Gedanken machen“, so Wilhelm Martin. Dafür würde es zahlreiche Fortbildungskurse geben – zur Unterstützung. Eine Unterstützung will auch Samira Mussa sein. Sie sagt: „Ich weiß, wie es ist, fremd zu sein. Ich will meinen Landsleuten helfen.“

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