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Dillingen

15.04.2018

Das Chili in ein Pariser Kellerlokal verwandelt

Perfekte Interpreten nostalgischer Chansons im Dillinger Chili: (von links) Florian Mayer, Regina Domes, Thomas Härtel, Stefan Edelmann und Robert Schilhansl.

Stefan Edelmann gestaltet mit seiner Band in Dillingen nostalgische Chansons in Perfektion. Ein Lied bekommt durch den Raketenschlag in Syrien plötzlich aktuelle Brisanz.

Schon mit dem ersten Chanson veränderte sich das Verhalten des Publikums: Verliebte kuschelten sich aneinander, Zerstreute hörten auf zu reden, selbst Rationalisten schalteten auf verklärten Blick. Es gab keinen Zweifel: Mit dem Konzertabend „Chansons d’amour et d’automne“ erreichten Stefan Edelmann und seine Band in der vollbesetzten Kulturkneipe Chili das Herz und das Gemüt der unterschiedlichsten Zuhörer.

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Wenn Liebe und Herbst auf Französisch besungen werden, festigen deutsche Zuhörer ihre Auffassung, dass Vergänglichkeitsgefühle und Lebensgenuss westlich des Rheins grundsätzlich mit romantisierender Melancholie und mit poetischem Esprit verbunden sind. Diese Mischung verlieh auch dem Abend im Chili seinen besonderen Charme. Aber Außergewöhnlichkeit sicherte der Veranstaltung erst die frappante Virtuosität der Bandmitglieder. Stefan Edelmann, gebürtiger Dillinger und ehemaliger Sailer-Schüler, war als Sänger und Moderator ein grandioser Interpret auch der vertracktesten Texte und der stimmungserzeugenden Kompositionen. Alle Mitglieder der Band erwiesen sich als brillante Solisten. Vor allem Regine Domes (Flöte, Violine) und Florian Mayer (Saxofon, Klarinette) hatten glanzvolle Auftritte, wenn sie fast jedes Lied mit improvisierend wirkender Umspielung des strukturellen Motivs zum Kunstwerk erhoben. Aber auch Thomas Härtel (Kontrabass) und Robert Schilhansl (Gitarre) beherrschten souverän das Prinzip, selbst einer einfachen Melodie mit kontrapunktischer, oftmals verjazzter Ergänzung in eine Demonstration polyphoner Kraft aufzustufen.

Natürlich kreiste die Thematik wie in „Paris s’éveil“ von Jacques Dutronc immer wieder um den Reiz der französischen Hauptstadt. Natürlich war wie in „Brave Margot“ (Georges Brassens) und in „La belle dames sans regrets“ (Sting) von Liebe und Leid die Rede. Natürlich gab es hinreichend Gelegenheit, sich beispielsweise mit „La mer“ (Charles Trenet) an die Schönheit französischer Landschaften zu erinnern. Aber inmitten des nostalgischen Gesamtmilieus erreichte ein Chanson angesichts des Raketenschlags in Syrien plötzlich aktuelle Brisanz, als Stefan Edelmann „Le sud“ von Nino Ferber als Warnung vor der Zerstörung aller Idyllen interpretierte.

Auch Besucher, die nie Französisch gelernt haben, konnten diese fast dreistündige Präsentation von Chansons genießen. Denn verstehen ließ sich die Perfektion der Darbietung auch als rein musikalisches Ereignis, gestaltet von Experten: Stefan Edelmann ist Lehrer für Französisch und Englisch am Gymnasium Marktoberdorf. Mit seiner Sprachbeherrschung verwandelte er das Chili einen Abend lang in ein Pariser Kellerlokal, wo sich Freunde der Kultur treffen, um sich in heiterer Atmosphäre über die Melancholie großer Chansontexte zu freuen. Da war „Nathalie“ von Gilbert Bécaud der richtige Abschluss.

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