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14.03.2019

Dekan über Missbrauch: "Jeder einzelne Fall ist erschütternd"

Viele Christen schlagen wegen der vielen Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche die Hände vor dem Gesicht zusammen.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Der australische Kardinal George Pell ist jetzt zu sechs Jahren Haft wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Wir haben vor Kurzem den Dillinger Dekan Dieter Zitzler zu diesem Thema befragt. Woraus er Hoffnung zieht, dass sich die Kirche erneuert.

Nach der viertägigen Konferenz im Vatikan zum Thema sexueller Missbrauch im Klerus hat es viel Kritik an Papst Franziskus gegeben. Der Anti-Missbrauchs-Gipfel sei ein Schlag ins Gesicht der Opfer, hieß es. Können Sie diese Empörung nachvollziehen?

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Dekan Dieter Zitzler: Dass sich die Betroffenen bei diesem Treffen nicht ernst genommen gefühlt haben, ist wohl offensichtlich. Allerdings muss man auch sagen, dass innerhalb von vier Tagen nicht alles aufgearbeitet werden kann, was sich in Jahrzehnten weltweit ereignet hat. Die Bischöfe sind nun gefordert, zu handeln. Da muss man auch festhalten, dass wir in Deutschland nicht am Nullpunkt stehen. Es wurde schon viel in die Wege geleitet, um gegen den sexuellen Missbrauch vorzugehen und den Betroffenen gerecht zu werden. Ich glaube, es ist jetzt allen klar, dass die Opferperspektive die einzig mögliche ist. Natürlich werden noch viele Schritte nötig sein, aber wir sind hier, wie gesagt, nicht am Nullpunkt. In unserer Diözese werden schon seit Jahren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in verschiedenen Formen für dieses Thema sensibilisiert und in Sachen Prävention geschult.

In den vergangenen Tagen konnte man den Eindruck gewinnen, dass sexueller Missbrauch bei katholischen Geistlichen weit verbreitet ist. Jeder 20. Geistliche habe da im zurückliegenden halben Jahrhundert Schuld auf sich geladen, heißt es in einer jüngst vorgestellten Studie. Erschüttern Sie diese Zahlen?

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Zitzler: Jeder einzelne Fall ist erschütternd.

Auch im Kinderheim in Donauwörth gab es über Jahre hinweg sexuellen Missbrauch und Gewalt. Gibt es auch Fälle im Landkreis Dillingen, die aufgearbeitet werden müssen?

Zitzler: Mir sind zurzeit keine Fälle im Dekanat Dillingen bekannt.

Wie geht es Ihnen als Seelsorger, der von der Botschaft Christi überzeugt ist, in dieser Situation?

Zitzler: Es ist beschämend, wenn man hört, was vorgefallen ist. Für mich heißt das, immer wieder das eigene Verhalten zu hinterfragen und dafür zu sorgen, dass in den Gemeinden jeder sich trauen kann zu sagen, was gesagt werden muss.

Würde aus Ihrer Sicht die Lockerung des Zölibats, der katholische Priester zur Ehelosigkeit verpflichtet, etwas an der Situation, dass es in der katholischen Kirche sexuellen Missbrauch gibt, ändern?

Zitzler: Wenn Studien zu dem Ergebnis kommen, dass es zwischen dem Zölibat und sexuellem Missbrauch einen Zusammenhang gibt, dann kann man davor nicht einfach die Augen verschließen. Auf der anderen Seite ist es mir zu platt, den Menschen einfach als Triebwesen zu definieren, wie es die Bildzeitung in einer ihrer Thesen an den Papst getan hat. So einfach ist die Sache dann doch nicht.

Wie reagieren die Gläubigen in Ihren Pfarreien?

Zitzler: Natürlich gibt es da alles an Emotionen, von Betroffenheit bis Wut. Aber Menschen, die in den Gemeinden beheimatet sind, erfahren auch eine andere Kirche vor Ort.

Gibt es bei uns im Landkreis Dillingen ebenso wie andernorts vermehrt Kirchenaustritte?

Zitzler: Die Zahl der Kirchenaustritte ist wohl gestiegen. Ich habe da allerdings keine konkreten Zahlen.

Dekan Dieter Zitzler äußert sich zum Missbrauchs-Gipfel der katholischen Kirche.
Bild: Karl Aumiller

Warum empfehlen Sie Menschen, auch in der gegenwärtigen Krise der katholischen Kirche treu zu bleiben?

Zitzler: Wie vorhin schon angesprochen, kann man Kirche nicht auf das Thema sexuellen Missbrauch reduzieren. Ganz ohne Frage muss das Thema hochgehalten werden, und es müssen die nötigen Maßnahmen getroffen werden und greifen. Aber in den Gemeinden vor Ort geschieht eben Vieles, was Kirche wesentlich ausmacht: von den Gottesdiensten über die Begleitung trauernder Menschen bis hin zu kirchlichen Kindergärten und Schulen sowie den Angeboten der Caritas ist die Palette riesengroß. Und nach wie vor ist es unsere Aufgabe, die Botschaft Jesu erfahrbar zu machen. Jetzt vielleicht mehr denn je.

Woraus ziehen Sie die Hoffnung, dass sich die Kirche erneuern könnte?

Zitzler: Vor allem daraus, dass hoffentlich jedem klar geworden ist, dass es nicht einfach so weitergehen kann wie bisher. Was an Strukturen konkret geändert werden muss, dazu fehlt mir die Kompetenz, um das zu beurteilen. Aber es geht ja letztlich nicht einfach nur um Strukturen, sondern darum, dass unsere Kirche wieder mehr als eine Glaubensgemeinschaft erlebbar wird, in der Menschen eine Heimat finden. Dafür arbeiten in unseren Gemeinden viele ehren- und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Kommentar: Die Kirche auf Missbrauch zu reduzieren, greift zu kurz.

Zu diesem Thema gab es in den vergangenen Wochen wiederholt Schlagzeilen:

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