1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Der Heilige Geist hängt an einer Nylonschnur

09.05.2008

Der Heilige Geist hängt an einer Nylonschnur

Besonders geistlich klingt die Bezeichnung "Heilig-Geist-Loch" zugegebenermaßen nicht. Gleichwohl handelt es sich dabei um die lexikalisch korrekte Bezeichnung einer sakralen Einrichtung, die in den Gewölben zahlreicher Kirchen zu finden ist.

Eine kreisrunde Öffnung, teils in ein Gemälde integriert, teils alleinstehend, meist mit einem kunstvoll geschmiedeten Gitter, das den Heiligen Geist im Symbol der Taube zeigt.

Doch nicht deswegen heißt die Öffnung so, sondern wegen eines vielerorts in Vergessenheit geratenen Pfingstbrauchs: Schon seit dem Mittelalter nämlich war es laut Regionaldekan Gottfried Fellner üblich, an Pfingsten eine hölzerne Taube durch das Loch ins Kirchenschiff hinabzulassen, um den Gläubigen so das ansonsten relativ abstrakte Pfingstgeschehen zu veranschaulichen. Auch brennender Werg rieselte mancherorts von oben auf die Köpfe der Kirchgänger - gefolgt von einem Eimer Wasser. Schließlich sollten sie nur im übertragenen Sinne vom Heiligen Geist entflammt werden.

Trotzdem setzte Maximilian Joseph Graf von Montgelas diesem Brauch laut Gottfried Fellner in der Säkularisation ein Ende. Die hölzerne Taube hat sich jedoch erhalten - obwohl auch deren Einsatz nicht ganz ungefährlich ist: Mitunter, so Fellner, sei nämlich durch die Öffnung nicht der Heilige Geist auf die entgeistert nach oben blickenden Gläubigen herabgekommen, sondern der Ministrant, der sich beim Abseilen der Taube zu weit vorgebeugt hatte.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Und auch der Aufstieg zum Loch ist nicht ganz ohne. Hinter der Orgel befindet sich etwa in der Bayerdillinger Pfarrkirche die Tür, hinter der es zu Glockenturm und Dachboden geht - und damit auch zum "Heilig-Geist-Loch". Zwei schmale, steile Stiegen führen dort direkt unter den hölzernen Dachstuhl. Steigt man schließlich auf ausgetretenen Stufen auf die Kirchendecke hinab, empfiehlt es sich, den Kopf einzuziehen. Unten angekommen ist es wieder geräumig - und vom "Heilig-Geist-Loch" erst einmal nichts zu sehen. Es ist mit zwei Holzplatten abgedeckt, um zu verhindern, dass die im Dachstuhl lebenden Fledermäuse das ganze Jahr über ungefragt den Heiligen Geist geben.

Der wird hier allerdings schon lange nicht mehr abgeseilt. In Dillingen jedoch wurde der Brauch vor rund 20 Jahren revitalisiert - obwohl auch hier zum so genannten "Heilig-Geist-Schwingen" mehr gehört, als eine lange Schnur samt Taube. "Es ist sehr, sehr eng unter dem Dachgebälk", erzählt Regionaldekan Gottfried Fellner. "Der, der da raufklettert, braucht schon Mut, um von den Dachböden auf das Gewölbe runterzusteigen." Zudem sei es staubig, dreckig und es ziehe fürchterlich. Denn unterm Jahr erfüllt das "Heilig-Geist-Loch" eine ganz profane Funktion: Es dient als Lüftungsloch.

Am Pfingstsonntag jedoch lässt daraus während der Pfingstsequenz "veni sancti spiritus" (Komm, Heiliger Geist) ein Mitglied der Kirchenverwaltung zur Begeisterung der Gläubigen die 250 Jahre alte Taube an einer Nylonschnur die 25 Meter ins Kirchenschiff hinab. Dort fängt sie Gottfried Fellner auf und befestigt die Taube an der neben dem Volksaltar stehenden Weltkugel. Sie soll symbolisieren: Das ist der Geist, der die Welt beseelt.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20IMG_0515(2).tif
Jahrhundertsommer

Keine Angst vor Wasserknappheit

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden