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Lauterbach

05.01.2021

Der Lauterbacher Alois Sailer ist mehr als nur Naturschützer

Kreisheimatpfleger Alois Sailer vor dem Magnetschwebebahnkreuz im Donauried bei Pfaffenhofen, einem Ortsteil von Buttenwiesen. Der Heimatdichter wird am heutigen Dienstag 85 Jahre alt.
Bild: Berthold Veh (Archiv)

Plus Alois Sailer aus Lauterbach wird 85. Er ist auch Heimatdichter und Kreisheimatpfleger. Und mit ihm lässt es sich gut streiten.

Bei diesem bedeutenden Schwaben erscheinen selbst Zitate ganz großer Deutscher angemessen. So meinte schon der Dichter, Denker und Forscher Johann Wolfgang von Goethe, dass beim Dialekt die gesprochene Sprache erst ihren Anfang nehmen würde. Der Lauterbacher Schriftsteller Alois Sailer hat bei seinem langen Schaffen schon immer die Mundart als Medium zur Darstellung seiner Themen aus vielen Lebensbereichen genutzt: Etwa zur Landwirtschaft, die der am 5. Januar 1936 Geborene bestens kennt: Schon als junger Mann musste er den väterlichen Betrieb übernehmen und bekam so das bäuerliche Leben auf dem Dorf hautnah zu spüren. Oder etwa zur Religion, die er als tiefgläubiger Christ gewissenhaft lebt und – als dienstältester Heimatpfleger Bayerns – deren Brauchtum wie Rituale er immer mehr verblassen sieht.

Abriss von Gebäuden verhindern

Gerade als dieser Kultur-Bewahrer zählt zu seinen größten Erfolgen die Rettung alter Pfarrhöfe in der Region. Viele von ihnen sollten eigentlich abgerissen werden. Doch Sailer entwickelte zusammen mit dem damaligen Landrat Anton Dietrich ein Pfarrhofprogramm. Wenn es nötig wurde, zog der Lauterbacher vor Gericht, um den Abriss von Gebäuden zu verhindern. „Mit jedem Haus, das wir abreißen, reißen wir uns selbst ab“, sagte der höchst selbstbewusste Denkmalschützer einmal. Ein Haus habe nicht nur eine architektonische und historische Dimension, sondern auch eine personengeschichtliche. Die Menschen, die in einem Gebäude gewohnt haben, seien dort „irgendwie anwesend“. Deshalb bedauert es Sailer auch, dass die alte Bausubstanz in den Dörfern verschwunden ist und Bauernhäuser serienweise abgerissen wurden. Neben diesem Kampf um den Erhalt alter Güter entwickelte Sailer auch eine besondere Beziehung zu Mutter Natur, der er sich als rechtschaffener Bauer stets aufs Engste verbunden gefühlt hatte.

Ministerpräsident lobt ihn

Dies alles aufzuzeichnen für sich selbst und die Nachwelt, war dem begnadeten Schreiber, der schon als Elfjähriger Theaterstücke verfasste und drei Jahre später sogar erste Gedichte auf Papier brachte, ein besonderes Anliegen. Dabei kommt ihm das Textabfassen in Form des Dialektes aus dem nordostschwäbischen Dreieck zwischen Wertingen, Höchstädt und Donauwörth vor wie ein Farbkasten, mit dem man wunderbar eine Fülle an Begriffen darstellen könne. „Sei allawei brav’ klingt doch besser als ‚sei immer brav‘“, bemerkte der ruhelose Kämpfer für die Sprache, wie einem der Schnabel gewachsen ist, anlässlich der Auszeichnung mit dem renommierten Bayerischen Dialektpreis in München. Die Ehrung erfuhr der seinerzeit 84-Jährige zusammen mit der ebenfalls lebenslustigen Kabarettistin Monika Gruber („Moni“), die genauso vom Ministerpräsidenten für das heimatverbundene Engagement gelobt wurde wie „D’r Lise“ aus dem unteren Zusamtal.

Von der Iller aus hatte der Weißenhorner Anton H. Konrad-Verlag schon immer ein Faible für das Denken und Dichten des Ausnahme-Literaten und Ehrenbürgers der Gemeinde Buttenwiesen. „Seine Werke sind ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung der Mundart“, betont der ihm freundschaftlich verbundene Verleger Christoph Konrad und verweist auf Bände wie „Wallfahrt ond Doaraschleah“ oder die prächtige, in Dialekt wie Schriftdeutsch gehaltene Zitatensammlung von „Wildgäs und Singschwäne“. Darin verweist der Sailer-Kenner und -freund, der langjährige Bezirksheimatpfleger Hans Frei, auf einen unbestreitbaren Vorteil der Ausdrucksweise per Mundart: „Die kürzeren Wörter garantieren einen lebendigen Rhythmus.“ Ein Beispiel gefällig? Aus einem „Doch der Wind wird diese Zeichen bald verweht, aber nicht vergessen haben!“ wird „Doch dr Wed weard meine Zoicha bald verwecht – aber nia vergessa hau.“ Dagegen „entschuldigt“ sich Alois Sailer – ein vielfach ausgezeichneter Bundesverdienstkreuzträger – für die „mitunter wie chinesische Zeichen wirkenden Buchstabenfolgen“: Der Schwabe zwischen Lech und Donau spreche bei einem Fahrzeug eben von einem „Audo“ mit drei „o“.

Er lebt und liebt den Dialekt

Dennoch bedauert der Texter „von mindestens sieben erschienenen sowie zahlreichen noch nicht geschriebenen Büchern“, dass Schwäbisch kaum mehr gelehrt wird: „Die Lehrer können es ja selbst kaum noch.“ Entsprechend bedauernd fällt da sein Ausspruch beim Passus „Ons semmer halt Schwoba“ in dem von Helmut C. Walter reich illustrierten Dialekt-Buch. Was so viel heißen soll wie: „Wir sind halt Schwaben und können nix dafür.“ Der Leser sollte jedoch nicht der Versuchung erliegen, solches mit einem bairischen Ausruf wie „Mia san mia“ zu verwechseln. „Dieser signalisiert hingegen Stolz und Selbstbewusstsein“, schmunzelt der über die Regionalgrenzen hinaus anerkannte Meister des Wortes. Apropos: Eine sehr deutliche Aussprache kann der äußerlich immer noch bubenhafte wirkende Sailer wählen, wenn es um den Schutz seiner geliebten Heimat geht: das Donauried. Der nach der Lüneburger Heide zweitgrößten Offenlandschaft in Deutschland, dieser lieblichen Gegend zwischen Neu-Ulm und Donauwörth, widerfuhr in den vergangenen Jahrzehnten das Pech, immer wieder als Standort für verschiedene Projekte ins Spiel gebracht zu werden. So zum Beispiel als Bombenabwurfplatz, Atomlager, Magnetschwebebahn und Kernkraftwerk. „Alle technisch gescheiterten Technologien hätten hier ausprobiert werden sollen“, sagt Alois Sailer im Rückblick. Doch sie blieben aus, weil der Widerstand beim kritischer gewordenen Volk wuchs und wuchs.

Mit an der Spitze der Bürgerbewegung gegen zuletzt ein zweites Kernkraftwerk in Nordschwaben Anfang der 1980er Jahre stand: der Schriftsteller und Bauer Alois Sailer. Zu den Mitstreitern gehörten intellektuelle Anhänger der 68er-Studentenproteste und die Friedens- und Umweltschutz-Aktivisten der 1980er Jahre. Doch Sailer selbst hat aus anderen Motiven gekämpft: aus Liebe zu seiner Heimat, die er für künftige Generationen erhalten wollte, und aus seiner festen religiösen Überzeugung, wonach er „Naturschutz als Christenpflicht“ versteht.

Er sammelt Wallfahrtsbildchen

„Herr schenk Fried’ dem Donauried und schütz’ dies Land vor Unverstand“ – lauten seine Zeilen, eingraviert im kreuzförmigen Mahnmal gegen den „Transrapid“ nahe Pfaffenhofen. Bei der damaligen Schutzgemeinschaft Donauried, einer Mobilisierung von Gegnern aus allen Gesellschaftsschichten, gehörte der Lyriker zu den führenden Köpfen. Und der Landwirtssohn und Heimatdichter wurde dafür vom damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß sogar als „Kommunist“ beschimpft und amtlicherseits bespitzelt. Ausgerechnet Alois Sailer, der Mann mit der wohl größten Sammlung von Wallfahrtsbildchen in Bayern.

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