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Auftritt

06.02.2018

„Der eingebildete Kranke“ als geistreiche Gaudi

Das Theater Marburg gastierte mit der Komödie „Der eingebildete Kranke“ von Moliére im Stadtsaal Dillingen.
Bild: Killa Schuetze

Gastspiel des Theaters Marburg mit Molières Komödie im Stadtsaal

Molières Komödie „Der eingebildete Kranke“ ist auch in Deutschland trotz des falsch über-setzten Titels nicht totzukriegen. Argan, die Hauptfigur, ist natürlich nicht eingebildet, sie bildet sich nur ein, krank zu sein. Diesen Sach-verhalt zeigt auch die Inszenierung des Theaters Marburg.

Aber beim Kulturring-Gastspiel im Dillinger Stadtsaal erlebten die zahlreichen Theaterfreunde dar-über hinaus ein turbulentes, ein-fallsreiches Spiel. Das Marburger Ensemble hatte die barocke Komö-die in eine originelle Comedy ver-wandelt, der satirisch übernomme-ne Garderobe-Pomp à la Versailles verband sich mit Elementen der Commedia dell’ arte und die tänze-rische Leichtigkeit der Figuren kon-trastierte mit irdischen Beschwer-den. Die ständige Präsenz von Fla-tulenz und Diarrhöe erinnerte an die Kehrseite höfischer Pracht: In der Zeit Molières galt es als Aus-zeichnung, wenn Ludwig XIV. beim Empfang eines Gastes auf dem Nachttopf saß. Beschwingt turnten, tanzten und tobten die Akteure des Hessischen Landestheaters im Sinne von Helene Fischer „atemlos durch die Nacht“. Die Rasanz der Szenenab-läufe bot immer wieder Anlass zum Staunen. Krankenstühle verwan-delten sich in Harley-Maschinen, menschliche Gesäßpartien wurden zu Quellen der Genesung, Dialoge endeten in kuriosem Geschnatter.

Die Story des Stücks blieb erhalten. Der hypochondrische Vater Argan will seine Tochter Angélique an ei-nen jungen Arzt verheiraten. Das wird verhindert. Insbesondere die Intelligenz des Dienstmädchens Toinette sorgt schließlich für die richtige Paarung.

Aber diese Geschichte wird für das Marburger Truppe zum Impuls für die fast zweistündige Verarbeitung fantastischer Einfälle. Wer an die-sem Abend das Theater nicht als moralische Anstalt, sondern als ei-ne Möglichkeit für kreatives Spiel akzeptierte, wird den langen Schlussbeifall als angemessene Anerkennung für eine außerge-wöhnliche künstlerische Leistung und die großartige Kostümierung (Sandra Münchow) empfunden haben.

Obwohl die Marburger Premiere des Stücks schon im Oktober 2016 stattfand, gelang es Regisseur Marc Becker, sein Team erneut in grandiose Spiellaune zu versetzen. Stefan Piskorz typisierte die Gestalt des Argan als eine „Malade-imaginaire“-Erscheinung, die baro-cke Attitüden mit moderner Mentali-tät verknüpft. Seine Lust, als krank zu gelten, wird wohl auch in man-chen Wartezimmer von Arztpraxen der Gegenwart anzutreffen sein. Insa Jebens bewies, dass die Rolle der Toinette auch in der Überset-zung des Stücks von Martin und Johanna Walser besondere Wirk-samkeit garantiert: Die Darstellerin verwendete die Mittel der überle-genen Ironie, des intriganten Hu-mors und der sympathischen Vitali-tät für ein Konzentrat der unbe-siegbaren Vernunft inmitten eines irrsinnigen Netzwerks. Das galt auch für die Angélique von Lene Dax. Mit Temperament und variab-ler Körpersprache reagierte sie auf die ständig veränderten Situatio-nen. Argans zweite Ehefrau Béline (Franziska Knetsch) war ein höchst amüsantes, stark gepolstertes Bei-spiel für die Fragwürdigkeit eheli-chen Liebesgeflüsters. Daniel Sempf wartete als begehrter Bräu-tigam Cléante mit Cleverness auf seine Chance. Karlheinz Schmitt schlüpfte souverän in vier ver-schiedene Rollen und Jürgen Helmut Keuchel formulierte in schöner Klarheit Molières Kritik an geschäftstüchtigen und oftmals überflüssigen medizinischen Ein-griffen.

Diese Kritik wirkte sehr zeitgemäß. Als ernsthafte Botschaft wäre sie noch überzeugender, wenn der Dichter und Schauspieler Molière nicht in der vierten Aufführung seines Stücks im Jahre 1673 an einem Blutsturz verstorben wäre. Sein Humor aber überlebt bis heu-te. Das hat die inspirierte und ful-minante Aufführung im Stadtsaal erneut bewiesen.

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