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Archivserie

10.03.2017

Die Brote zu leicht, das Malz zu wenig, das Schulhaus zu kalt

Georg Bühler hat in 300 Stunden Arbeit die alten Dokumente der Gemeinde Zöschingen gesichtet und das Archiv aufgebaut. Hier zeigt er das Büchlein eines ehemaligen Zöschinger Pfarrers mit Postkarten zur biblischen Geschichte.
Bild: Indrich

Lange verstaubten die Dokumente der Zöschinger Zeitgeschichte auf dem Dachboden. Dann sortierte sie Georg Bühler und stieß auf einige kuriose Geschichten

Eineinhalb Pfund Brot hatte die Frau beim Zöschinger Bäcker gekauft. Eine Mark hat der Laib gekostet. Doch die Kundin hatte Zweifel, ob sie da so ein gutes Geschäft gemacht hatte. Also marschierte sie schnurstracks zum Bürgermeister und ließ das Brot abwiegen. Und siehe da. Der Laib war 45 Gramm zu leicht und der Bäcker bekam von der Obrigkeit eine Strafe aufgebrummt. Im Jahr 1887.

Im gleichen Jahr traf die Härte des Gesetzes in der kleinen Gemeinde an der Landesgrenze auch einen Brauer. Der, sagt Georg Bühler, hatte zu wenig Malz ins Bier gegeben. Auch er flog auf. Und wurde bestraft. Viele solcher Anekdoten kann Georg Bühler erzählen. Als Archivar ist er der Hüter der Zöschinger Geschichte. Lange Jahre lagerten die alten Dokumente, Rechnungsbücher und Fotografien, die längst vergessene Geschichten erzählen, auf dem Dachgeschoss des alten Rathauses. Vergessen und verstaubt, nur mit einer Folie abgedeckt, zum Teil schon feucht geworden. Als die Gemeinde dann 2008 beschloss das Rathaus von Grund auf zu sanieren, wurde die Sache mit dem Archiv dann richtig angepackt. Der damalige Bürgermeister Norbert Schön fragte Georg Bühler, der 24 Jahre lang im Gemeinderat saß und inzwischen in Rente war, ob er sich der Sache annehmen könnte. Organisieren, sortieren, das sei ihm in seinem Beruf in der Arbeitsvorbereitung schon gelegen, sagt Bühler. Und so machte sich der Zöschinger ans Werk.

300 Stunden dauerte es, bis er die Dokumente systematisch gesichtet und geordnet hatte. Drei Zimmer hatte Bühler, der zuvor einen Kurs für Archivare gemachte hatte, für die Sortierarbeit im Haus blockiert. „Man musste sich jedes einzelne Blatt anschauen. Danach habe ich ausgeschaut wie ein Kaminkehrer, so verstaubt war das alles“, erzählt er und lacht.

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Nun, wo die Sachen im neu gestalteten Archiv im Dachgeschoss des Zöschinger Rathauses lagern, muss Bühler nur kurz in das extra angelegte Findbuch gucken, das seine Frau für ihn getippt hat und das stetig aktualisiert wird. Dann hat mit einem Griff das parat, was er sucht. So wie den Brief, den der Pfarrer im Jahr 1889 an den Bürgermeister schrieb und ihn darum bat, die Bürger für den 31. Mai zum Gedenkgottesdienst für die verstorbene Mutter von König Ludwig II. einzuladen. Oder den Brief des Lehrers an die Gemeindeverwaltung. Im Jahr 1893 wandte sich der an die Obrigkeit, um mit Nachdruck um mehr Holz für die Beheizung der Schule zu bitten, weil es so kalt war. Zwei Seiten schrieb der Lehrer. Und bekam schließlich sein Holz.

Immer wieder bekommt Bühler von Bürgern weitere Dokumente für das Archiv. Oft aus Nachlässen. Vor etwa einem Jahr war etwas ganz besonderes darunter. Ein Buch voller bunter Postkarten, die die biblische Geschichte zeigen. Der frühere Pfarrer Schmid, der von 1898 bis 1919 in Zöschingen war, hat es angelegt. Daneben lagert im Archiv auch ein Buch, das ein Lehrer zusammengestellt hat und in dem die Teilnehmer des 1. Weltkriegs aufgeführt sind. Detailliert ist darin auch vermerkt, wo sein Großvater Anton Bühler stationiert war. „Davon habe ich gar keine Ahnung gehabt.“

Und auch Georg Bühler selbst ist im Archiv vertreten. Auf einer alten Fotografie aus dem Jahr 1948. Auf dem Bild in schwarz-weiß sind die Kindergartenkinder aus dem Ort mit einer der Klosterschwestern zu sehen, die einst im Kloster in der Forststraße wohnten. Georg Bühler kennt die Namen von allen, die auf dem Foto sind. Und auch den des kleinen Buben in der oberen Reihe, der dritte von links. Das ist er selbst.

Als echter Zöschinger kennt er aber auch noch andere Namen. Alte Hausnamen, um genau zu sein. Und wer sie nicht kennt, der kann sie bei ihm im Archiv nachschlagen. Und darin erfahren, dass der Hof des Altbürgermeisters Norbert Schön als „Bäba Doni“ bekannt war und der der Familie Wörner als „Bäckenmatthes“. Selbst wie viele Pferde es einst auf den Höfen in Zöschingen gab, weiß Georg Bühler. Denn der Bogen der Pferdezählung kurz vor Beginn 1. Weltkriegs ist auch abgeheftet.

Wer alte Zöschinger Dokumente, Fotos oder Karten übrig hat, kann die übrigens immer bei Georg Bühler abgeben. Erst vergangene Woche hat der Archivar mit seinem Enkel ein neues Regal die Treppe zum Archiv hinauf getragen. Dort werden nun Dokumente aus der VG in Landshausen gelagert. Denn dort ist der Platz mittlerweile zu eng geworden. In Zöschingen aber hat Georg Bühler noch Platz für mehr. Mehr Geschichte und Geschichten.

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