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Leben

29.05.2020

Die Gitarre fehlt im Klassenzimmer

Bernhard Probst freut sich, dass er wieder zur Schule gehen kann. Das Gitarrespielen während des Homeschoolings vermisst er trotzdem.
Bild: Probst

Bernhard Probst besucht die 11. Klasse des Bonaventura-Gymnasiums. In diesem Halbjahr ist jedoch alles anders. Ein humorvoller Einblick in seinen Corona-Schulalltag

7 Uhr, Montagmorgen. Mama macht die Tür auf: „Schatziii, aufstehen! Du hast um 8 Uhr Mathe!“ Was für ein Start in den Tag! Also schnell auf die Füße, Frühstück, eine große Tasse Kaffee und dann auf zur Videokonferenz. Wenigstens kann ich einmal die anderen sehen, die Lehrer wie die Schüler. Wir haben es echt nicht schlecht erwischt mit beidem, das Bonaventura-Gymnasium kann stolz sein auf sich. Jeder hat Verständnis für alle anderen, denn jeder weiß, dass die Situation nicht die eigene Schuld oder die des anderen ist. Schuld ist dieser winzig kleine, vermehrungsfreudige Idiot namens Coronavirus.

Also an die Arbeit, die Videokonferenz ist vorbei. Ich brauch noch einmal einen Kaffee. Ich muss trotzdem kämpfen, mich nicht wieder hinzulegen, und noch dazu hab ich wenig Zeit, denn in zwei Stunden ist schon die nächste Videokonferenz. Ich checke den Posteingang: so viel? Ich checke die Klassengruppe auf WhatsApp. Schon wieder 40 Nachrichten. Um was es geht? Alle schreiben das Gleiche. Aber das ist nur der Eindruck, der dabei entsteht, wenn man merkt, dass man am Computer dreimal so lang für einen Arbeitsauftrag braucht. Das ist zwar streckenweise sehr kräftezehrend, aber die Abwechslung tut auch gut.

Sehr interessant ist es in den Fächern, die man mag. In den Fächern, die einem nicht liegen, ist es dafür umso anstrengender. Doch wenn es mir zu viel wird, stehen neben dem Schreibtisch Bass und Gitarre bereit, die gespielt werden wollen. Was für eine Vorstellung: Einfach während des Unterrichts kurz rausgehen und eine halbe Stunde üben, das wäre herrlich.

Irgendwann wird es mir zu still im Zimmer. Vivaldi oder Deep Purple im Hintergrund helfen. Ich erhalte E-Mails von Lehrern. Die einen schreiben, dass man die Aufgabe gut gelöst hat, die anderen manchmal das Gegenteil. Aber macht ja nichts, im digitalen Notizbuch finden sich die Lösungen. Wenn ich etwas vergessen habe, kommt eine Mail, die mich an die Abgabe erinnert. Da muss ich wohl den Organisationsplan verbessern. Schüler wie Lehrer müssen gleichermaßen lernen, damit umzugehen. Das Leben mit Corona ist schließlich für alle neu.

Am Nachmittag oder Abend folgen noch Kleinarbeiten, aber erst einmal nichts wie raus. Ich brauche einen Spaziergang. Ich höre unterwegs Musik und denke nach. Über meine Freunde, die ich seit Monaten nicht mehr gesehen habe, meine Noten, mein Abi. Meine Freunde im Abi-Jahrgang trifft es besonders. Manche haben regelrecht Angst. Angst, das Abi nicht zu schaffen, Angst um ihre Zukunft, und ein klein wenig habe ich die auch. Für die neunten Klassen fällt der Tanzkurs aus – auch blöd. Abiball und -feier und auch die Skifahrt sind gestrichen. Meine Abifahrt an den schönsten Ort der Welt, Wien, ebenso. Doch die Hoffnung bleibt, dass die Fahrt nachgeholt wird. Das wird schon, denke ich mir, während „April“ von Deep Purple einsetzt. Selten waren Worte wahrer: „April is a cruel time even though the sun may shine“. Der April ist eine grausame Zeit, wenn auch die Sonne scheinen mag. Wie passend zu meiner Situation.

Nun ist bereits der April als auch der Mai vorbei und mein Jahrgang – die Q11 – darf wieder in die Schule. Das ist doch schon etwas. Ich habe mich gefreut, alle wiederzusehen – auch mit 1,5 Metern Abstand.

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