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Interview

11.07.2020

„Die Kirche muss sich öffnen – auch für Frauen“

Ottmar Kästle hat in den vergangenen 50 Jahren als katholischer Seelsorger viel erlebt. Der Dillinger Krankenhausseelsorger ist überzeugt, dass der Glaube in existenziellen Nöten helfen kann. Das Foto zeigt den heute 76-Jährigen mit dem Album von seiner Primiz, die er am 12. Juli 1970 in Steinheim gefeiert hat.
Bild: Berthold Veh

Plus Ottmar Kästle ist seit 50 Jahren Priester, als Dillinger Klinikseelsorger steht er Kranken und Sterbenden bei. Die Krise der Kirche bedrückt ihn. Aber er weiß, dass ihre Botschaft in existenziellen Nöten helfen kann.

Viele Menschen kennen Ottmar Kästle von Besuchen im Dillinger Krankenhaus. Der katholische Pfarrer engagiert sich dort als Klinikseelsorger. Und diese Aufgabe ist genau das, was sich der frühere Regionaldekan für den Ruhestand gewünscht hat. Denn der Beistand für Kranke und Sterbende stand am Beginn von Kästles Berufung. Der Steinheimer hatte nach dem Abi am Sailer-Gymnasium in Dillingen ein Philosophie-Studium begonnen, aber auch eine zweimonatige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer gemacht.

Und als sich der heute 76-Jährige um einen Sterbenden kümmerte, sagte der vor seinem friedlichen Heimgang ein tief empfundenes „Vergelt’s Gott“, das Kästle bis heute nicht vergessen hat.

Der Steinheimer wechselte in die Theologie, er bekam einen Platz im Priesterseminar Georgianum und wurde schließlich am 5. Juli 1970 vom damaligen Bischof Josef Stimpfle in der Ludwigskirche in München zum Priester geweiht. Am 12. Juli 1970, also am Sonntag vor 50 Jahren, feierte Kästle in Steinheim mit tausenden Gläubigen Primiz.

„Die Kirche muss sich öffnen – auch für Frauen“

Er leidet an der gegenwärtigen Situation der Kirche

Seine Entscheidung habe er nie bereut, betont der Seelsorger, der heute in einem Haus im Dillinger Stadtteil Hausen lebt. „Ich bin mit Leib und Seele Pfarrer“, sagt Kästle. Und: „Die Seelsorge war mir immer ein Anliegen.“ Der Pfarrer gesteht, dass er an der gegenwärtigen Situation der Kirche leide. Der Missbrauchs-Skandal sei furchtbar, und die Tatsache, dass immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, belaste ihn ebenfalls. Erst in unserer gestrigen Ausgabe war zu lesen, dass der katholischen Kirche die Priester ausgehen. Kästle ist davon überzeugt, dass die Kirche den Menschen in ihren existenziellen Grundfragen hilfreiche Antworten geben könne. Deswegen rät der Pfarrer allen Geistlichen: „Die Seelsorge muss ihr Ohr ganz intensiv am Herz der Menschen haben.“ Wenn das Leben an sein Ende komme, hätten Christen die Zuversicht, dass sie in der Herrlichkeit Gottes weiterleben. Diese Verheißung sei doch tröstlich: „Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand.“

Ottmar Kästle, der sein goldenes Priesterjubiläum gerne mit vielen Menschen gefeiert hätte und jetzt durch Corona ausgebremst wurde, fordert aber auch, dass sich die katholische Kirche öffnen müsse. Den Zölibat, die vorgeschriebene Ehelosigkeit für katholische Pfarrer, hält der 76-Jährige zwar für sinnvoll. Aber auch nicht geweihte Frauen und Männer könnten anderen Menschen in der Verkündigung Hilfe geben, sagt Kästle. Da sei ein Aufbruch notwendig. Der Seelsorger ist der Ansicht: „Die Kirche muss einen Weg finden, damit Frauen Aufgaben eines Diakons wahrnehmen können.“ Und wenn sich jemand zu seiner Berufung als Priester und damit zum Zölibat entscheide, dann müsse er darauf achten, dass er in familiäre Strukturen eingebettet bleibt.

Schlimme Taten verurteilt er, den Menschen jedoch niemals

Anfangs wirkt Kästle ein wenig ernst, aber je länger er erzählt, desto heiterer wird er. In seinem Leben als Pfarrer hat der Seelsorger viel erlebt. Nach der Priesterweihe wurde Kästle Kaplan in Senden und Dekanatsjugendseelsorger. Als Pfarrer in St. Albert im Neu-Ulmer Stadtteil Offenhausen habe er in der Justizvollzugsanstalt Sprechstunden für die Häftlinge angeboten. Das sei für ihn eine heilsame Erfahrung gewesen. Er habe gelernt, die schlimmen Taten zu verurteilen, aber nicht die Menschen. „Es war furchtbar, zu sehen, was in diesen Männern vorher zu Bruch gegangen war.“

Von 1981 an war Kästle 24 Jahre lang Pfarrer in der Herz-Jesu-Pfarrei in Pfersee, er hat viel gebaut, die Projekte reichen vom Kirchenzentrum bis zur Installation der Kirchenheizung. 1999, vor Pfingsten, freute sich Kästle mit seinem Kirchenpfleger, dass alles fertig war. Einen Tag später kam das Pfingsthochwasser und flutete die Kirche. „Wir heulten beide“, erinnert sich der Geistliche.

Stadtpfarrer in Donauwörth, Regionaldekan in Nordschwaben

2005 wurde Kästle Stadtpfarrer in Donauwörth, Dekan und Regionaldekan in Nordschwaben. Seit fünf Jahren ist er nun Krankenhausseelsorger. Ottmar Kästle hat erfahren, dass gerade während einer Krankheit unheimlich viel passiere. „Da kann der Glaube helfen“, weiß der Seelsorger. Einmal hat ihn ein Patient drei Mal aus dem Zimmer komplimentiert. Kästle gab aber nicht auf. Und am Ende habe sich ein intensives Gespräch ergeben – mit dem Kommentar des Todkranken: „So lange hat mir noch nie jemand zugehört.“ Kästle betont, dass ihm auch die Kinder, Jugendlichen und jungen Familien wichtig seien. „Ein Seelsorger muss den Menschen zeigen, dass er sie mag“, sagt Kästle. Deshalb seien Güte und Barmherzigkeit angebracht und Urteile und Verurteilungen zu vermeiden.

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