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Dillingen

06.07.2020

Diese Fledermaus ist in Dillingen eine Sensation

2019 wurde die Mückenfledermaus erstmals im Landkreis Dillingen von einer Expertin entdeckt. Jetzt wurden bei einer Aktion über 1000 Tiere gezählt.
Bild: Adobe Stock

Plus Vor einem Jahr wurde in Dillingen erstmals die sogenannte Mückenfledermaus entdeckt. Jetzt wurden über 1000 gezählt.

Es ist eine kleine Sensation, die fast unbemerkt am südwestlichen Rand von Dillingen gerade passiert. Jeden Abend zur blauen Stunde, wenn das Tageslicht langsam dem Vorhang der Nacht Platz macht, fallen plötzlich unzählige kleine schwarze Knäuel aus dem Vorsprung dreier Garagendächer nahe der Oberen Quelle, eines nach dem anderen. Wie beim Massenstart eines Marathonlaufs schwärmen Fledermäuse aus und starten ihre nächtliche Jagd auf Insektenbeute. Nach circa einer Stunde kehren die Tiere gesättigt zurück ins Quartier und säugen ihre Jungtiere.

Kleine Kötel auf dem Boden

Bereits seit vielen Jahren beherbergt Josef Schuh aus Dillingen im Vordach seiner Garage, Am Oberen Quellweg, die illustren Fledermausgesellschaften. Zu erkennen ist ihre Anwesenheit leicht an ihren Hinterlassenschaften – der Garagenplatz ist übersät mit kleinen schwarzen Köteln. Das ist zwar nicht sehr schön, stört den pensionierten Sonderschulpädagogen aber auch nicht weiter. „Wir haben hier eine ganz besondere Natur, die es zu schützen gilt“, erklärt er.

Die Fledermäuse sind Teil dieses kleinen Naturparadieses. Dass es sich bei der Fledermausart um Mückenfledermäuse handelt, hat 2019 Anika Lustig herausgefunden. Die Expertin, die für die Fledermauskoordinationsstelle Südbayern aktiv ist, zählt gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Helfern alljährlich die bekannten Fledermausbestände in Bayern. Als sie im vergangenen Jahr in Dillingen einen künftigen Fledermauszähler in diese Aufgabe einwies, entdeckte sie die Mückenfledermauskolonie bei Josef Schuh. 296 Tiere zählte sie an diesem Abend. Die Mückenfledermaus ist damit erstmals im Landkreis Dillingen gesichtet worden. In Südbayern seien bislang überhaupt nur fünf Quartiere der Art bekannt, unter anderem in Lindau und Passau. Laut Expertin Anika Lustig gilt die Mückenfledermaus erst seit 20 Jahren als eine eigenständige Art. Bis dahin wurde sie der Schwesterart der Zwergfledermaus zugeschrieben, die deutlich häufiger in Bayern anzutreffen sei.

Der Fledermaus-Beauftragte im Landkreis Dillingen

Auch in diesem Sommer fand eine Zählung am Dillinger Waldrand statt. An insgesamt drei Häusern haben sich die Mückenfledermäuse ihre Wochenstube, also das Quartier, in dem die Weibchen ihre Jungen zur Welt bringen und aufziehen, eingerichtet. An einem weiteren Haus nahe der Oberen Quelle sind Fledermäuse einer anderen Art zuhause. Die Zählung an den Dillinger Quartieren koordiniert Leonhard Schaudi, Fledermausbeauftragter im Landkreis. 15 Helfer sind an diesem Abend im Einsatz und positionieren sich vor den Garagen. Kaum bricht die Dämmerung herein, geht es los. Im Sekundentakt schwärmen die Fledermäuse aus und werden dabei von den Zählern erfasst. Schaudi staunte nicht schlecht über die Zahlen, die sie erfasst haben.

350 Tiere bei Josef Schuh, 395 Tiere am Quartier in der Schillerstraße und sagenhafte 650 Fledermäuse an einer Garage einige Häuser entfernt, ebenfalls am Oberen Quellweg. „Eine für Mückenfledermäuse große, aber nicht ungewöhnlich hohe Zahl“, sagt Expertin Anika Lustig.

Bei den ausschwärmenden Tieren handelt es sich laut Schaudi ausschließlich um Weibchen. Rund 70 Prozent von ihnen entbinden Ende Mai/Anfang Juni in den Quartieren ein Jungtier oder sogar Zwillinge. Wo die Männchen ihr Quartier bezogen haben, ist nicht bekannt. „Die Fledermausweibchen suchen die Männchen im Herbst zur Paarung auf, speichern die Spermien während des Winterschlafs in der Gebärmutter und bringen dann im Frühsommer die Jungen zur Welt“, erklärt Schaudi weiter. Die Jungtiere werden circa vier Wochen gesäugt, bevor sie selbst auf die Jagd nach Beute gehen können. Um ausreichend Milch für den Nachwuchs produzieren zu können, benötigen die Muttertiere während der Säugephase viel Nahrung. Sie fressen die verschiedensten Insekten.

Holzschutzmittel für Dachbauten

Alle Fledermausarten gehören in Bayern zu den geschützten Tierarten. Die Bestände sind in den letzten Jahren teilweise stark zurückgegangen. Ursache dafür ist – wie so oft – auch der Mensch: „Bestände wie noch vor fünfzig Jahren in Bayern werden wir wohl nie wieder erreichen können“, erklärt Expertin Lustig, „zum einen finden die Fledermäuse einfach nicht ausreichend Insekten, ihnen wird die Nahrungsgrundlage entzogen. Zum anderen wurden viele Fledermausgesellschaften durch Gifteinsatz, etwa DDT in der Landwirtschaft, aber auch Holzschutzmittel in Dachbauten, vernichtet“.

Wer Fledermäuse an Fensterläden, Dachvorsprüngen oder Ähnlichem hat, sollte sich einfach darüber freuen und die Spaltöffnungen auf keinen Fall schließen. Auch nicht im Winter, wenn die Tiere vermeintlich nicht mehr darin wohnen. „Die Fledermäuse überwintern mitunter in den Wochenstuben. Sie fahren ihre Körpertemperatur herab, gehen in Lethargie und damit in ihren Energiesparmodus und kommen erst wieder im Frühsommer heraus. Wenn dann ihr Quartier geschlossen wurde, verenden sie kläglich und mit ihnen auch die Jungtiere“, erklärt Schaudi.

Corona und die Fledermaus

In der Berichterstattung über die weltweite Corona-Pandemie taucht immer wieder die Vermutung auf, Fledermäuse hätten das Virus auf den Menschen übertragen. Nach Aussage der Fledermausexperten besteht absolut kein Grund zur Sorge, was unsere heimischen Fledermausgesellschaften betrifft.

Die europäischen Fledermäuse tragen das Virus nicht in sich und könnten es deshalb nicht auf den Menschen übertragen, heißt es weiter. Wer ein verletztes oder totes Fledermaustier findet, brauche keine Bedenken haben. Der Fledermausbeauftragte weist aber darauf hin: „Wer eine Fledermaus berührt, sollte immer Handschuhe tragen. Die kleinen Tiere können beißen oder kratzen und über die Blutbahn Tollwut übertragen.“ Wer von einer Fledermaus gebissen oder blutig gekratzt wurde, sollte deshalb unbedingt sofort zum Arzt gehen und eine nachträgliche Tollwut-Impfung bekommen. Der Kot der Tiere, der rund um und vor allem unter den Quartieren zu sehen ist, stellt übrigens kein Krankheitsrisiko dar.„Man kann die kleinen Kötel bedenkenlos mit Schaufel und Besen wegräumen oder – noch besser – damit seine Rosen düngen“, so Leonhard Schaudi.

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