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Schicksal

06.12.2019

Dillinger Baby: Willkommen daheim, Finn!

Da fühlt er sich wohl: Finn zwischen unzähligen Kuscheltieren in seinem Bettchen. Seit wenigen Tagen ist er daheim in Dillingen angekommen. Dort darf der 18 Monate alte Bub nun auch bleiben – weil Regens Wagner einen ambulanten Pflegedienst eingerichtet hat und so Fachkräfte bei der Pflege daheim helfen können.
Bild: Simone Bronnhuber

Plus Vor 18 Monaten kam der kleine Bub schwer krank auf die Welt. Seither lebte er im Krankenhaus und zuletzt in einem Kinderhaus in der Oberpfalz. Jetzt ist er endlich zu Hause in Dillingen.

Schritt für Schritt. Ganz langsam setzt Finn einen Fuß vor den anderen. Er ist noch ein wenig tapsig und Mama Nicole muss seine beiden Händchen festhalten. Aber lange wird es nicht mehr dauern. Dann steht Finn allein auf seinen eigenen Beinen und läuft allen davon – spätestens an Weihnachten, das hätten die beiden so „besprochen“. Nicole schaut ihren Sohn an und wuschelt liebevoll in seinen blonden Löckchen. Tränen steigen ihr in die Augen. Der Weg bis hierhin war lang. Dass sie mit ihrem Sohn in ihrer eigenen Wohnung sitzt, spielt und lacht – das ist nicht selbstverständlich, sondern ein echtes, kleines Weihnachtswunder. Und der nächste Schritt in ein normales Leben. „Ich bin einfach froh. Jetzt können wir Vollgas geben.“

Warum Finn rund 18 Monate nicht zu Hause leben konnte

Seit wenigen Tagen sind Mama und Sohn zu Hause in Dillingen. Endlich. Seit seiner Geburt war Finn im Krankenhaus und bis zuletzt in einem Kinderhaus. Weil er schwer krank auf die Welt gekommen ist. Das ist mittlerweile fast 18 Monate her. So lange konnte er nicht heim. Nicht, weil er dafür zu krank ist. Sondern weil es keine Pflegekräfte gab, die die Familie in den eigenen vier Wänden unterstützten. Finn ist am 30. Mai 2018 per Notkaiserschnitt im Zentralklinikum in Augsburg zur Welt gekommen. Seine viel zu kleine Lunge ist mit dem ersten Atemzug kollabiert. Finn muss seither 24 Stunden beatmet werden. Und für die Dillinger Familie begann ein Kampf.

Verzweifelt kontaktierte sie Einrichtungen in ganz Deutschland, die eine Pflege zu Hause möglich machen sollten, machte öffentliche Aufrufe, musste Diskussionen mit der Krankenkasse führen. Kurz vor Weihnachten musste der Bub dann in einer Hauruck-Aktion aus der Klinik raus und hat mit Mama Nicole bis vor wenigen Tagen in einem Heim für intensivpflichtige Kinder in Amberg in der Oberpfalz gelebt – 175 Kilometer weit weg von Papa und dem Zuhause in Dillingen.

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Unsere Zeitung hat über Finn und den verzweifelten Kampf seiner Eltern von Anfang an immer wieder berichtet. Viele Menschen – weit über den Landkreis Dillingen hinaus – haben Anteil am Schicksal des kleinen Buben genommen.

Auch Stefanie Rehm. Sie steht am Bett neben Finn und lacht plötzlich herzhaft auf. „Er ist einfach nur der Hammer. Er hat uns furchtbar schnell um den Finger gewickelt“, sagt sie, beugt sich zu Finn runter und zwickt ihn sanft in den Oberarm. Der kleine Racker sitzt zwischen seinen unzähligen Kuscheltieren und verzieht das Gesicht, als ob er gerade in eine Zitrone gebissen hätte. „Er weiß genau, dass es um ihn geht. Er ist immer fröhlich, und bislang fremdelt er auch nicht“, sagt die 45-Jährige. Darüber ist sie froh.

Wie ein ambulanter Pflegedienst helfen will

Denn ab dieser Woche wird sie gemeinsam mit zwei weiteren Kolleginnen von Regens Wagner Mama Nicole bei der Pflege daheim unterstützen. Von Montag bis Freitag, jeweils von 8 bis 13 Uhr, wechseln sich die drei Fachkräfte ab. Nur deshalb konnte Finn nach Hause kommen. Die Dillinger Einrichtung hat im Sommer einen ambulanten Pflegedienst eingerichtet – ausgelöst durch das Schicksal des kranken Buben.

Monatelang hat Matthias Kandziora, stellvertretender Gesamtleiter von Regens Wagner, unzählige E-Mails geschrieben und Gespräche geführt, wie er erzählt. Es fanden einige Treffen mit Vertretern von Krankenkasse, Pflegekasse und auch mit Dillingens Oberbürgermeister Frank Kunz, der sich laut der Eltern besonders eingesetzt hat, statt. „Es war sehr kompliziert, aber jetzt hat es geklappt, und das freut uns sehr“, sagt Kandziora. Wie hoch ist der Bedarf im Landkreis Dillingen? Welche Voraussetzungen braucht es, um ein Beatmungsgerät zu bedienen? Wer übernimmt welche Kosten? Ist ein ambulanter Pflegedienst bei Regens Wagner auch wirtschaftlich? Darf das Personal Medikamente verabreichen? Welche fachlichen Voraussetzungen brauchen die Mitarbeiter? Und gibt es überhaupt genügend Fachkräfte?

Es waren noch unzählige weitere Detailfragen, die Kandziora mit den verschiedensten Stellen – extern wie intern – abklären musste. „Wir haben von Anfang an gesagt: Wenn wir helfen können, dann werden wir helfen. Wir von Regens Wagner waren immer bereit, das Möglichste für Finn zu machen“, schildert Kandziora. Er betont aber auch, dass sich seine Einrichtung nicht von Finn allein abhängig machen wollte, sondern immer an einer allgemeinen Lösung interessiert war. Die gibt es nun, seit Juli bietet Regens Wagner einen ambulanten Pflegedienst an, den aktuell mehr als zwei Dutzend Menschen im Landkreis in Anspruch nehmen. Für Finn wurde mit den Kassen, den Kostenträgern, eine Einzelvereinbarung ausgehandelt. „Wir lassen das jetzt mal alles in Ruhe anlaufen. Wir sind aber jederzeit bereit, unseren Dienst auszubauen. Für Finn und andere Kunden“, betont Matthias Kandziora.

Dass Finn nach Hause durfte, ist ein Wunder

Stefanie Rehm hat 15 Jahre für einen anderen ambulanten Pflegedienst gearbeitet und war die vergangenen vier Jahre in einer Klinik, in der beatmete Menschen sind, die beispielsweise im Wachkoma liegen oder querschnittsgelähmt sind, tätig. Sie hat sich im Frühjahr bei Regens Wagner konkret für Finn beworben. „Ich habe auch von seinem Schicksal in der Zeitung mitbekommen. Ich fand es ganz, ganz schlimm, dass ein Kind nicht heimdarf“, erzählt sie. Seit Juli ist sie nun beim ambulanten Pflegedienst angestellt und seitdem hat sie auf Finn gewartet. „Wir waren am ersten Tag alle aufgeregt, aber bislang läuft es echt gut“, sagt Stefanie Rehm. Wenn sie bei Finn und Nicole zu Hause ist, dann wäscht sie den Buben, zieht ihn an, kümmert sich um Beatmungsgerät, Ernährungssonden und die anderen medizinischen Utensilien… und: „Zu 50 Prozent bin ich das Kasperle“, sagt sie und fügt hinzu: „Finn weiß ganz genau, was er spielen will und was nicht.“

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Bild: Simone Bronnhuber

Mama Nicole nickt kräftig mit dem Kopf. Dass ihr Bub einen starken Willen hat, weiß sie nur zu gut. „Gott sei Dank“, sagt sie leise. Denn Kampfgeist braucht er seit seiner Geburt. „Aktuell sind wir mit seinem gesundheitlichen Zustand sehr zufrieden und wir blicken positiv in die Zukunft“, sagt Nicole. Der Beatmungsschlauch, der zu seinem Hals führt, ist für Finn normal. In den nächsten Monaten steht wieder eine größere Untersuchung an, dann wissen die Eltern mehr. Der Plan ist auf jeden Fall klar: Vollgas. Mama Nicole will irgendwann wieder arbeiten, Finn soll in die Krippe gehen dürfen. Jetzt, daheim in Dillingen, sind solche Pläne keine Träume mehr, sondern realistisch. „Mein Highlight in den letzten Tagen war, dass ich in Ruhe im Keller die Wäsche aufhängen und dann sogar noch einen Smalltalk mit den Nachbarn halten konnte“, erzählt die Mutter und schmunzelt. Das ist nur möglich, weil Menschen wie Stefanie Rehm ihr bei der Pflege von ihrem Finn helfen.

Den Anruf von Matthias Kandziora an diesem einen Dienstagabend vor wenigen Wochen wird sie deshalb nicht mehr vergessen. Dass sie mit Finn tatsächlich heimdurfte – es bleibt ein kleines Wunder. „Es sind viele Tränen geflossen. Auch beim Abschied vom Kinderhaus. Das war lange Zeit unser Zuhause. Ich weiß das alles sehr zu schätzen und bin unfassbar dankbar“, sagt Nicole. Sie freue sich jetzt auf die Zeit, die kommt. Ohne Druck. Ohne Kampf. Seit der ersten Nacht in Dillingen schläft ihr Finn durch, die Fortschritte seien toll, die er mache. „Ich glaube, Finn weiß, dass er zu Hause ist. Und ja: Ich freue mich auch darauf, dass ich wieder ein wenig zu mir finde.“ Und Nicole freut sich auf Weihnachten. Gemeinsam mit der ganzen Familie wird gefeiert. Für Finn wird ein Laufrad unterm Christbaum liegen. Damit er bald allen davonläuft. Schritt für Schritt.

Hier geht es zum Kommentar unserer Autorin: Das macht Hoffnung

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