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Landkreis Dillingen

21.11.2020

Dillinger Rotarier engagieren sich „mit Herzblut“ für die Kinder Albaniens

Seit 25 Jahren engagieren sich die Mitglieder des Rotary Clubs Dillingen in Velipoje in Albanien. Nach anfänglichen Hilfslieferungen ins einstige Armenhaus Europas haben die Rotarier dort den Kindergarten St. Nikolaus gebaut, der vor 20 Jahren eröffnet wurde. Dort kommt der Club auch für den laufenden Betrieb auf.
Bild: Eckhart Matthäus (4)Heidel/Foto Zolleis

Plus Der Rotary-Club Dillingen hat in Velipoje einen Kindergarten gebaut, den er seit 20 Jahren unterhält. Die Mitglieder haben Millionen investiert und tausende unentgeltliche Arbeitsstunden geleistet. Warum sie das tun

Dieses Jubiläum hätten die Rotarier mit ihren Freunden in Albanien groß feiern wollen: Seit 25 Jahren hilft der Rotary-Club Dillingen im einstigen Armenhaus Europas. Und seit mehr als 20 Jahren betreiben die Mitglieder in Velipoje im Norden des Landes den von ihnen erbauten Kindergarten St. Nikolaus.

Schlimme Verhältnisse: So sahen noch vor gut 20 Jahren die Straßen im albanischen Velipoje aus.

Das Projekt hat für Aufsehen gesorgt

Ehrenamtliche aus dem Landkreis Dillingen haben dabei nicht nur Millionen an Spenden gegeben, sondern im vergangenen Vierteljahrhundert auch tausende Arbeitsstunden und „viel Herzblut investiert“. Das Albanien-Projekt der Dillinger, das jetzt in einem Buch dokumentiert ist, hat nicht nur bei befreundeten Clubs für Aufsehen gesorgt. Wir sprachen darüber in einer Videokonferenz mit dem neuen Dillinger Rotary-Präsidenten Christoph van Heyden, Pastpräsidentin Uta-Maria Kastner, Incoming-Präsident Alexander Heidel, Past-District-Präsident Rainer Späth und Fritz Leo, stellvertretend für alle Unterstützer im Club.

Wie kam es dazu, dass sich der Rotary-Club Dillingen in Albanien engagiert?


Uta-Maria Kastner: Das hat sich damals wie von selbst entwickelt. Es begann 1993 mit drei Dillinger Franziskanerinnen – den Schwestern Juditha, Gratias und Bernadette, die dem Ruf von Papst Johannes Paul II. folgten, um in Albanien, dem ärmsten Land Europas, zu helfen. Vom extremen Elend des Landes bewegt und tief beeindruckt, wurde 1994 durch unseren Club ein langfristiges und außergewöhnliches Hilfsprojekt gestartet, das weit über die Clubgrenzen Bedeutung erlangte. Es begann mit Hilfstransporten durch unwirtliche Gegenden. Und dann kam sehr bald die Idee auf, in die Jugend und die Bildung des Landes zu investieren und einen Kindergarten zu bauen.

Welche Eindrücke hatten Sie, als Sie erstmals die Situation in Velipoje gesehen haben?


Fritz Leo: Die ersten Besuche im Rahmen der Hilfstransporte haben uns damals deutlich gemacht, wie groß und unvorstellbar das Elend tatsächlich war. Die Menschen haben einfach nichts gehabt, gar nichts. Ein Land in grenzenloser Armut und Elend, ohne funktionierende Infrastruktur und intakte Wirtschaft. Über 40 Jahre Diktatur unter Enver Hodscha haben das Land isoliert und wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich ruiniert.

Wer waren die treibenden Kräfte beim Rotary-Club?

Sie informierten in einer Videokonferenz über das 25-jährige Engagement der Rotarier in Albanien: (von links) Christoph van Heyden, Uta-Maria Kastner, Alexander Heidel, Fritz Leo und Rainer Späth.


Christoph van Heyden: Eine Hervorhebung Einzelner würde der Sache nicht gerecht werden. Einzigartig sind die über 25 Jahre andauernde Begeisterung, das Engagement und der Zusammenhalt des Clubs, diese Sache als internationales Projekt gemeinsam voranzutreiben. Von Beginn an waren das persönliche und finanzielle Engagement vieler Clubmitglieder der Motor zur Überwindung der vielfältigen Hindernisse in Politik und Bürokratie.

Was treibt Sie an, dort so viel Zeit zu investieren?

Uta-Maria Kastner: Es war zum einen der Umfang des Projektes, der nicht nur finanzielle Mittel erforderte, sondern den ganz persönlichen Einsatz vor Ort. Angesichts der Situation, die wir angetroffen haben, konnte auch nicht alles reibungslos ablaufen. Eines war uns von Anfang an klar: Wir wollten nicht nur Neues schaffen, sondern auch das Projekt begleiten und die Arbeit der Schwestern unterstützen. Das haben wir bis heute getan. Und zum anderen ist da natürlich die Freude, zu sehen, dass persönliches Engagement bei den Menschen ankommt. Man sieht etwas nachhaltig wachsen. Das ist ein großer Ansporn.

Was wurde in Velipoje und Fushe-Arrez alles gebaut?


Alexander Heidel: Velipoje war über Jahre eine Großbaustelle. Es hieß, es sei die größte Baustelle in Nordalbanien. Neben dem Bau des Kindergartens entstanden das Kloster – initiiert durch die Regens-Wagner-Provinz der Dillinger Franziskanerinnen –, die Kirche St. Nikolaus, die Kirche in Rijoll, die zehn Kilometer lange Wasserleitung nach Rijoll samt Pumpwerk, ermöglicht durch die Organisation „Tirol pro Albania“, allen voran Bischof Reinhold Stecher. Die Caritas erstellte für Kosovo-Flüchtlinge eine Unterkunft, die heute als Bürgerhaus dient. Eine Bäckerei, die heute eine Schule ist, wurde durch ein Ehepaar aus der Schweiz finanziert. Weitere Kindergärten und Schulen wurden in der Region Velipoje errichtet. Von der EU finanziert und gebaut wurden auch eine 15 Kilometer lange Trinkwasserleitung und eine zentrale Kläranlage.

Wieviel Geld haben die Rotarier in Albanien investiert, und wie viele ehrenamtliche Arbeitsstunden sind es bisher?

Fritz Leo: Die ehrenamtlich eingebrachten Arbeitsstunden zu zählen, haben wir bald aufgegeben. Alle unsere Mitglieder haben sich eingebracht: jeder nach seinen Möglichkeiten. Über den langen Zeitraum sind sicher mehrere tausend Stunden zusammengekommen. Der gesamte finanzielle Aufwand für den Bau des Kindergartens und die immerwährende Unterstützung des Betriebes liegt sicherlich im mittleren sieben stelligen Bereich.

Haben sich die Franziskanerinnen aus der Albanien-Hilfe zurückgezogen?

Uta-Maria Kastner: Die Schwestern haben sich aus der Albanienhilfe nicht zurückgezogen. Sie sind nach wie vor Eigentümer des Klosters und in enger Verbindung zu den Schwestern dort. Der Nachwuchs für das Kloster ist sicher geringer geworden, wenn auch nicht in dem Maße wie in Deutschland. Der Konvent besteht aus sieben Schwestern. Sie leiten sehr erfolgreich unseren Kindergarten, die Schule und unterstützen die Seelsorge.

Kann der Kindergarten in Velipoje von allen Kindern, egal welchen Glaubens, besucht werden?

Fritz Leo: Die Mehrheit der albanischen Bevölkerung bekennt sich zum Islam, nur zehn Prozent der Bewohner sind Katholiken. Egal welchen Glaubens, alle Kinder sind in unserem Kindergarten willkommen. Die vom Staat gerühmte religiöse Harmonie gilt auch hier. In unserer Einrichtung gehört die Vermittlung christlicher Werte sicherlich dazu. Der Kindergarten untersteht dem Bischof von Skhoder, die pädagogische Leitung obliegt der Schwester Joela. Schwester Juditha leitet den Konvent. Zudem sind qualifizierte Erzieherinnen dort beschäftigt.

Hat sich die Situation in Albanien verbessert?

Uta-Maria Kastner: Albanien ist nach wie vor Entwicklungsland, aber nicht mehr das ärmste Land Europas wie einst. Es ist heute entwickelter, als man es sich vorstellt. Die Küste ist mittlerweile auch ein touristisches Reiseziel, allerdings nur von Mai bis Ende August. Albanien ist offizieller Beitrittskandidat der Europäischen Union. Die wirtschaftliche Situation kann nicht befriedigen, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Viele junge Albaner suchen den Weg ins Ausland. Die Bautätigkeit im Land profitiert von den Transferleistungen der im Ausland lebenden Bürger.

Kommt der Rotary-Club Dillingen neben der Investition auch für den Unterhalt des Kindergartens auf?

Alexander Heidel: Neben den Investitionen in den Bau und für die nötigen Reparaturen bezuschussen wir den laufenden Betrieb mit einem jährlichen Zuschuss, da die Kindergartengebühren nicht einmal die Personalkosten decken. Die pädagogische Leitung liegt bei den Schwestern. Die Zusage, für den finanziellen Ausgleich im Betrieb zu sorgen, hat unser Rotary-Club übernommen. Dabei stehen uns die beiden kirchlichen Einrichtungen Renovabis und Aktion Hoffnung immer wieder zur Seite. Der Verein der Freunde und Förderer von Velipoje in Albanien ist über Jahre Unterstützer in der gemeinsamen Aufgabe. Seitens des albanischen Staates gibt es keine Zuwendungen.

Wie lässt sich das Engagement über 25 Jahre aufrecht erhalten?

Christoph van Heyden: Das war nie ein Problem. Ein Grund für unsere nachhaltige Projektarbeit ist sicherlich, dass wir nicht nur finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, sondern persönlich bei der Umsetzung mit anpacken. Alle Clubmitglieder und Förderer unterstützen unser Albanienprojekt seit nunmehr 25 Jahren in ganz vielfältiger Weise. Alle bisherigen 27 Clubpräsidenten haben dieses Engagement mit Begeisterung in das jeweils folgende Jahr getragen.

Sind Ihnen in Deutschland ähnliche Rotary-Projekte über solch einen langen Zeitraum bekannt?


Rainer Späth: Unser Projekt ist tatsächlich einzigartig. Als langjähriges Clubmitglied und in meiner Funktion als Past District Governor ist mir kein weiteres vergleichbares internationales Rotary-Projekt in Deutschland bekannt, das so lange und so intensiv von einem Rotary-Club bearbeitet wurde.

Warum haben Sie das Buch „25 Jahre Engagement in Albanien“ und „20 Jahre Kindergarten in Velipoje“ erstellt.

Fritz Leo: Es ist uns wichtig, die Anfänge und Entwicklungen dieses besonderen und bis heute lebendigen Projektes in einer Dokumentation festzuhalten. Nach nun 25 Jahren Engagement war es Zeit, das Projekt Revue passieren zu lassen, alles zu dokumentieren und dieses Buch allen Beteiligten als Dank zu übergeben. Die Chronik vereint alle Erinnerungen und all das Herzblut, das die Beteiligten hineingelegt haben. Die Erstellung erfolgte als Gemeinschaftsprojekt des Clubs. Gegen eine kleine Spende für unsere Albanienprojekte kann es über rotary.dillingen@web.de bestellt werden.

Wie soll es mit der Albanienhilfe künftig weitergehen?

Alexander Heidel: Albanien ist und bleibt ein Schwerpunkt. Die Menschen in Velipoje liegen uns sehr am Herzen. Neben den Instandhaltungsarbeiten am Kindergarten stehen immer wieder Hilfstransporte auf dem Programm. Demnächst transportieren wir beispielsweise eine Vielzahl von sehr gut erhaltenen Betten, die hier in Flüchtlingsunterkünften nicht mehr benötigt werden, als Sachspende nach Albanien. Es gibt vor Ort und in ganz Albanien noch sehr viel zu tun! Im Juli 2021 werde ich den Präsidenten-Staffelstab übernehmen. Angesichts meiner familiären Verbindung zu Schwester Juditha Heidel sowie meiner vielzähligen Aufenthalte dort freue ich mich ganz besonders, die Albanientradition weiter fortsetzen zu dürfen. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja mal wieder eine neue Aufgabe in Albanien.

Der Rotary-Club Dillingen ist mittlerweile 32 Jahre alt. Was sind derzeit die wichtigsten Projekte?

Christoph van Heyden: Eine Unterscheidung, bezogen auf die Wichtigkeit der Projekte, lässt sich nicht vornehmen. Alle unsere Projekte dienen dazu, in Not geratenen Menschen selbstlos zu helfen – lokal oder international. Neben unseren Tätigkeiten in Albanien engagieren wir uns seit vielen Jahren auch in Rumänien. Dort unterstützen wir mit Hilfslieferungen ein Krankenhaus und ein Waisenhaus. Ganz aktuell haben wir gerade ein internationales Projekt zur Friedensförderung und zur Völkerverständigung zwischen Indien und Pakistan gestartet, gemeinsam mit den Rotary Clubs vor Ort in der Region Punjab. Besonders am Herzen liegen uns aber auch die lokalen Projekte. Es gibt direkt vor unserer Haustüre sehr viel zu tun. Genannt seien hier beispielsweise die Unterstützung des Frauenhauses Nordschwaben, die Unterstützung der Tafeln oder die Implementierung der Wohnungslotsin des Landkreises zur Unterstützung von Flüchtlingen bei der Wohnungssuche.

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