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Landkreis Dillingen

17.11.2019

Diskussion im Landkreis Dillingen: Sollte man Kindern Milch geben?

Im Landkreis Dillingen ist eine Diskussion darüber entstanden, ob man Kindern Milch geben sollte oder nicht. Anlass war ein Hinweis des Wertinger Landwirtschaftsamtes, dass sich Kitas und Schulen kostenlos mit Milchprodukten beliefern lassen können.
Bild: dpa (Symbol)

Plus Nach einer Empfehlung des Wertinger Landwirtschaftsamtes ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob man guten Gewissens Milch trinken kann. Die Fronten sind verhärtet.

Alles fing an mit einem Hinweis des Wertinger Landwirtschaftsamtes. In einer Pressemitteilung, die unsere Zeitung veröffentlichte, machte die Behörde darauf aufmerksam, dass sich Kitas sowie Grund- und Förderschulen im Rahmen des EU-Schulprogramms kostenfrei mit Milch und Milchprodukten beliefern lassen können. So weit, so unspektakulär. Doch diese Mitteilung zog ihre Kreise. Sie löste im Landkreis Dillingen und darüber hinaus eine grundsätzliche Diskussion darüber aus, ob man heutzutage noch guten Gewissens Milch konsumieren und Kindern verabreichen kann.

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Tierische Produkte sind Hauptverursacher des Klimawandels

Die Tierschutzorganisation Peta kritisierte den Aufruf des Wertinger Landwirtschaftsamtes. Statt den Konsum von Milchprodukten zu fördern, sollten in Kitas sowie Grund- und Förderschulen stets pflanzliche Produkte angeboten werden, so Peta. Die Organisation vermutete, dass regionale Behörden die Geschäfte der Landwirte unterstützen möchten – auf Kosten der Tiere. Neben dem Tierschutzaspekt habe Milch keine gute Umweltbilanz. Die Produktion von tierischen Produkten gehöre zu den Hauptverursachern des Klimawandels.

Soweit die Kritik von Peta. Daraufhin sah sich das Landwirtschaftsamt veranlasst, Stellung zu beziehen. „Von einer ausschließlich pflanzlichen, also veganen Ernährung raten wir dringend ab“, teilte die Behörde mit. Eine rein vegane Ernährung sei nicht in der Lage, alle notwendigen Nährstoffe zur Verfügung zu stellen. Dadurch könnten Mängel an Calcium, Eisen, Vitamin B2, Zink, Jod, Eiweiß, Omega-3-Fettsäuren oder Vitamin B12 entstehen. Und die Behörde schoss zurück in Richtung Peta. Der Verein solle nicht die Gesundheit von Kindern aufs Spiel setzen. Milcherzeugung indirekt als Verstoß gegen den Tierschutz zu bezeichnen, drücke zudem eine Geringschätzung gegenüber allen Milcherzeugern im Landkreis Dillingen aus.

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Leserbriefschreiber spricht von "Tendenz zur Kindesmisshandlung"

In der Folge beschäftigten sich auch die Leser unserer Zeitung mit dem Thema. In einem Leserbrief bezeichnete Anton Mayer aus Wertingen die Peta-Empfehlung, Kindern keine Milch mehr zu geben, als „grotesk und gefährlich“, „mit der Tendenz zur Kindesmisshandlung“. Petra Hien aus Dillingen ist dagegen der Meinung: „Die Ökobilanz der Kuhmilch ist schlecht.“ Viel Wirbel um ein Lebensmittel, das einst wie selbstverständlich auf dem Speiseplan vieler Menschen stand. Mittlerweile ist sich selbst die Wissenschaft nicht einig, ob Milch nun gut oder schlecht für den Menschen ist.

Monika Weber vom Wertinger Landwirtschaftsamt ist die Schulmilchbeauftragte für den Landkreis Dillingen. Die entstandene Diskussion habe sie überrascht. Auch wenn die geäußerten Argumente seit Jahren schon im Umlauf sind. „Die Unsicherheit der Eltern bezüglich Milch nimmt zu“, sagt sie. Für Weber seien die Kritiker jedoch „Vereinzelte, die laut schreien“. Sie selbst halte Milch für ein „wichtiges“ und „hochwertiges“ Lebensmittel, das notwendige Nährstoffe liefere. „Es ist unverantwortlich, Kinder komplett ohne Milch aufzuziehen“, sagt Weber. Trotz dieser Empfehlung von offizieller Stelle nimmt im Landkreis nach ihren Angaben keine Schule am Schulmilchprogramm teil – und das, obwohl die Einrichtungen Milch und Milchprodukte kostenlos zur Verfügung gestellt bekämen. Warum will in der Region niemand die Schulmilch?

Warum will niemand im Landkreis Dillingen die Schulmilch?

Laut Sylvia Leitner, Rektorin der Bachtal-Grundschule in Syrgenstein und Bachhagel, gebe es bezüglich der Milch im Kollegium und unter den Eltern unterschiedliche Ansichten. Ausschlaggebend für die Entscheidung, auf Schulmilch zu verzichten, seien jedoch praktische Gründe. „Wir müssten die Kühlkette gewährleisten“, betont Leitner. Dies sei aufwendig – ebenso wie das Abspülen von Gläsern, falls man Milch ausschenkt. Die Ausgabe von Obst sei da deutlich einfacher. Die Diskussion um die Milch könne sie nachvollziehen, sagt die Rektorin. „Viele Kinder haben ja auch eine Laktose-Unverträglichkeit.“

Kein Verständnis für die Debatten hat Klaus Beyrer, Kreisobmann des Bauernverbandes. Er vertritt landkreisweit 312 Milchviehbetriebe mit insgesamt rund 12500 Kühen. „Es gibt überhaupt keinen Grund, Milch zu diskreditieren“, sagt er. Die Vorwürfe, dass durch die Milch-Produktion das Tierwohl leide, seien „Einzelmeinungen“, die nichts mit der Realität zu tun hätten. „Das ist eine Unverschämtheit gegenüber unseren Landwirten, die das ganze Jahr für ihre Tiere da sind“, schimpft Beyrer. Viele Betriebe im Landkreis hätten zuletzt erhebliche Summen in neue Ställe investiert, die mehr Tierwohl und -komfort bedeuteten. Kühe seien oft in modernen Laufställen untergebracht. Anbindehaltung ist nach Angaben von Beyrer „fast kein Thema“ mehr im Landkreis.

„Für eine gesunde Lebensweise brauchen wir keine Milch.“

Dass Landwirte in der Region zunehmend auf Tierwohl achten, registriert auch Heidi Terpoorten. Sie ist Sprecherin des Bündnisses „Stoppt den Saustall“, das vor einigen Jahren die Anbindehaltung und Tierschutzverstöße in Kuhställen anprangerte. Trotz dieser Tendenz betont die Veganerin: „Für mich steht Milch außer jeder Diskussion.“ Neben dem Tierschutzaspekt gehe es ihr um den Klimaschutz, für den man auf tierische Produkte verzichten sollte. Und sie ist der Meinung: „Für eine gesunde Lebensweise brauchen wir keine Milch.“ Es gebe genügend pflanzliche Alternativen, um die Versorgung mit Nährstoffen sicherzustellen – in allen Altersklassen, sagt Terpoorten. Will man trotzdem Kindern Milch anbieten, sollten neben tierischen auch die pflanzlichen Alternativen gegeben sein, etwa ein Haferdrink. So oder so – die Lebensmittel sollten laut Terpoorten aber immer regional und ökologisch hergestellt sein.

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