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Serie

30.08.2018

Drei Kinder, kein Mann, kein Job: Das Dillinger Jugendamt hilft

Elfriede Bschorr, Diplom-Sozialpädagogin mit Zusatzausbildung Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Gesamtleitung der KJF in Dillingen und Bereichsleitung des sozialpädagogischen Fachdienstes, rechts ihre Kollegin Beate Oppermann, Erzieherin mit Zusatzausbildung in systemischer Familienberatung.
Bild: Cordula Homann

Wenn das Dillinger Jugendamt es für nötig hält, bekommt eine Familie eine Begleitung auf Zeit.

Die Kosten für die Jugendhilfe im Landkreis Dillingen steigen. Woran liegt das? Auf der Suche nach Gründen sind wir auf die Vielfalt von Hilfen für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern gestoßen. Diese stellen wir in einer losen Reihe vor.

Da ist das Paar mit den zwei kleinen Kindern. Die Eltern haben sich in der Haft kennengelernt. Beide leben von der Sozialhilfe. Der älteste Sohn, von einem anderen Mann, lebt bei einer Pflegefamilie. Da ist diese Frau, alleinstehend, vier Kinder, kein Job, und plötzlich funktioniert der Alltag nicht mehr.

Es sind solche Situationen, wenn das Dillinger Jugendamt die Katholische Jugendfürsorge (KJF) in Dillingen einschaltet. Elfriede Bschorr und ihr Team vom sozialpädagogischen Fachdienst besuchen die Familien dann mit dem Auftrag, die Situation der Familie zu verbessern. Aber wie macht man das? „Wir sind wahnsinnig flexibel“, sagt Elfriede Bschorr. Jeder Tag sei anders. Der Betreuer, das kann die Diplom-Sozialpädagogin oder einer ihrer Kollegen bei der KJF sein, bringt Kinder zum Arzt oder zur Therapie, weil die Familien oft kein Auto haben. Sie erledigen Behördengänge – immer mit der Mutter zusammen. Und jetzt, in den Ferien, geht Erzieherin Beate Oppermann mit den Kindern in den Taxispark oder ins Eichwaldbad, „damit sie nach den Ferien auch etwas erzählen können, mal rauskommen und die Mutter entlastet wird“.

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Weil sie sonst niemanden hat. Keine eigenen Eltern, die sich mal um die Enkel kümmern könnten. Keinen Mann, der sie unterstützt oder Unterhalt zahlt. Oder ein problematisches Umfeld. „Die Bindungen sind nicht mehr so konstant“, meint Beate Oppermann. Oft brauchen Alleinerziehende Hilfe, nicht nur finanziell.

Sie richten Geburtstagsfeiern für die Kinder aus

Andere Kinder fahren in den Urlaub. Bekommen zu Weihnachten und zum Geburtstag viele Geschenke. Für die Kinder, die Elfriede Bschorr und ihr Team betreuen, richten sie die Geburtstagsfeier aus, weil die eigene Wohnung dafür in der Regel zu klein ist. Sie kümmern sich um kleine Geschenke zum Geburtstag. Sie basteln gemeinsam. Werden zu Taufen, Hochzeiten eingeladen. Bieten Gruppenstunden an. „Manche Kinder sind nicht nur in der Schule, sondern auch in der Nachbarschaft isoliert, bei uns treffen sie Gleichgesinnte“, erklärt Beate Oppermann. Ein Autist hat in so einer Gruppe sogar gelernt, sich zu äußern, und einen Freund gefunden. „Das verändert nicht nur das Leben des Kindes, sondern auch der Mutter. Das ist schön.“ Das Ziel sei, der Familie etwas Normalität zu ermöglichen. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Kinder. „Wir handeln im Einverständnis mit den Eltern“, betont Diplom-Sozialpädagogin Bschorr.

Der Abschied wird gut vorbereitet - und fällt trotzdem schwer

In der Regel dauert die Betreuung ein Jahr, es sei schließlich Hilfe zur Selbsthilfe. Das Jugendamt entscheidet, wer die Hilfe von welchem Träger bekommt, und prüft die Kosten. Gemeinsam mit der Familie und den Vertretern des sozialpädagogischen Fachdienstes vom KJF wird ein Hilfeplan mit Daten, der Situation und Zielen, individuell auf die Familie abgestimmt, erstellt. Dann stellt sich der Kollege oder die Kollegin dort in der Wohnung der Betroffenen vor, spricht die Ziele durch und erklärt, wie dabei vorgegangen wird. Zwischen 100 bis 300 Stunden ist man für eine Familie tätig. Manchmal wird die Hilfe auch vom Gericht angeordnet, dann sind es meist 120 Stunden. In schwierigen Fällen kann eine dreimonatige Familienkrisenhilfe mit 100 Stunden durchgeführt werden. Nach sechs Monaten prüfen alle Beteiligten den Hilfeplan. Was wurde geschafft, was fehlt? Meist ende die intensive Betreuung nach zwei Jahren. „Manchmal empfehlen wir den Zeitpunkt auch“, sagt Beate Oppermann. Es soll nicht bequem werden, dass da immer jemand ist. Der Abschied wird gut vorbereitet, dennoch sei es für manche Kinder schwer.

Die Rahmenbedingungen werden besser

Doch die meisten Mütter wollen es irgendwann alleine, ohne die sozialpädagogische Familienhilfe, schaffen. Laut den beiden Expertinnen klappt das auch oft, weil die Rahmenbedingungen inzwischen besser seien: Vielen käme laut Beate Oppermann die nachschulische Betreuung zugute, dass die Kinder die Hausaufgaben schon gemacht haben, wenn sie nach Hause kommen. „Alle Eltern wollen, dass die Kinder eines Tages einen Schulabschluss, eine Ausbildung und ein eigenes Haus haben“, sagt Elfriede Bschorr. Einige Mädchen mit entsprechendem Interesse schaffen es nach der Schule zum Beispiel auf die Altenpflegeschule. Wenn es mit einer Ausbildung klappt, mache das die ganze Familie stolz. Für das Pärchen, das sich in der Haft kennenlernte, sieht Elfriede Bschorr eine positive Prognose. In einem Jahr komme die Kleinste in die Krippe, die ältere Tochter in den Kindergarten, die Beziehung der Eltern sei gut, der Mann engagiert, die Mutter zuverlässig. „Sie ist älter geworden, kümmert sich um ihre Sachen. Die Kinder sind ihr das Allerwichtigste. Spätestens in einem Jahr läuft das ohne uns.“ Nicht immer ist es so einfach. Auf Beate Oppermanns Kalender steht: „Zusammen schaffen wir das.“ Humor und Hoffnung, das brauche das Team der sozialpädagogischen Familienhilfe. Und Erfolge: Eine Mutter hatte vor einigen Jahren alle Hilfen für ihre Kinder in Anspruch genommen, die sie kriegen konnte. Kürzlich kam eine stolze Nachricht: Alle ihre Kinder haben eine Ausbildung abgeschlossen.

Im Rahmen unser Serie erschien bereits: Jung, schwanger, single, was nun?

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