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09.07.2010

Ein Blick in den Reaktor

Der Blick von unten in die Öffnung des momentan nicht dampfenden Kühlturms.
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Der Blick von unten in die Öffnung des momentan nicht dampfenden Kühlturms.

Gundremmingen Der erste Besuch im Inneren des Kernkraftwerks erinnert an einen Agentenfilm. Unmengen von Sicherheitsvorkehrungen suggerieren eine omnipräsente, unsichtbare Gefahr und lassen das Erlebnis leicht surreal wirken. Während der seit knapp zwei Wochen laufenden Modernisierungsrevision in Gundremmingen durften Journalisten in den vorübergehend stillgelegten Block B, um Einblicke zu bekommen, die während des laufenden Betriebs nicht möglich sind.

Ein langer, anstrengender Weg

Bis ins Innerste ist es ein langer, anstrengender Weg: Drei Unterschriften, Ausweiskontrolle, Taschen leeren. Dann heißt es ausziehen - bis auf die Unterwäsche. In gelben Socken, Hemdchen, Overall, weißen Handschuhen, Sicherheitsschuhen, darüber sicherheitshalber noch blaue Überschuhe, und Helm geht es weiter. Ein Zähler muss in die Tasche - zur Messung der Strahlenbelastung. Skeptische Blicke, aber noch steht er bei null. Der Hinweis, sich nicht mit den Händen den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen, trägt wenig zur Beruhigung bei.

1650 zusätzliche Arbeiter sind unterwegs

Ein Blick in den Reaktor

Unglaublich viele Männer in Unterhosen und Badeschlappen laufen durch die Gänge. 1650 zusätzliche Arbeiter sind während der Revision im Kernkraftwerk unterwegs. Ausziehen - anziehen: Die Regeln gelten auch für sie. Ebenso wie für den technischen Geschäftsführer Dr. Helmut Bläsig, der die Gruppe mit mehreren seiner Kollegen begleitet. Durch die nächste Kontrolle, die Luft wird trockener und wärmer. "Angenehm kühl" im Vergleich zum laufenden Betrieb sei das, versichern die Mitarbeiter. Enge Treppen geht es hinauf, dann andere wieder hinunter - die Orientierung verliert der Besucher hier schnell.

Im Maschinenhaus ist von einem der beiden großen Niederdruckteile der Turbine die Abdeckung abgenommen: "Wir tauschen hier die Dehnungskompensatoren in den Dampfleitungen aus", erklärt Bläsig. Die Details versteht wohl nur ein Fachmann, doch die Dimensionen in der Halle sind beeindruckend. Mit gelben Überschuhen über den blauen wird im oberen Bereich der Halle ein Kran bestiegen, mit dem die Gruppe über Generator und Turbine fährt und sich das geschäftige Arbeiten von oben ansieht.

Dann werden die Handschuhe gewechselt, für eine Strecke von etwa acht Metern gibt es eigene, weiße, Überschuhe. Der misstrauische Blick auf den Zähler ergibt noch immer ein Messergebnis von null. Jan Kiver, Sprecher des Kernkraftwerks, erklärt, dass es dabei nicht um den Schutz der Personen geht, sondern darum, keinen Schmutz von einem Gebäudeteil in den anderen zu tragen. "Alles soll so sauber bleiben, wie es ist", sagt er.

Die Gruppe nähert sich dem Reaktorgebäude, das durch einen signalroten Durchgang betreten wird. Ganz unten befindet sich der Steuerstabantriebsraum. In Erinnerung bleiben hier vor allem Unmengen von Kabeln und die sich allmählich manifestierende Gewissheit, dass eine dreijährige Zusatzausbildung für die Arbeit in dem Kernkraftwerk alles andere als übertrieben ist.

Mit dem Kran über den geöffneten Reaktor

Schließlich geht es mit dem Aufzug ganz hinauf auf 40 Meter. Im ersten Moment könnte man meinen, einen Swimmingpool oder Tauchbecken zu sehen. Vom Wasser geht eine Ruhe aus, die auch von den Arbeiten nicht gestört wird. Wieder dürfen die Journalisten einen Kran besteigen - was wegen der grauen über roten über blauen Überschuhe gar nicht so einfach ist. Der Kran dreht sich einmal über den geöffneten Reaktordruckbehälter hinweg. Faszinierte Blicke richten sich auf den kreisrunden, blau schimmernden, von Wasser bedeckten und Scheinwerfern angestrahlten Reaktor. Die Abdeckungen, die diesen Anblick sonst verwehren, liegen daneben. Während der Revision wird knapp ein Viertel der Brennelemente ausgetauscht, erklärt Bläsig.

Stift und Block müssen in der Tasche des Overalls bleiben, nervös beobachtet Jan Kiver, wie die Fotografen mit Kameras und Objektiven hantieren. Wenn etwas in das Reaktorbecken fallen würde, müsste das mithilfe von Kameras und Greifarmen wieder entfernt werden, erklärt er, und leitet zurück in Richtung Ausgang.

Der Schweiß läuft (und darf ja nicht abgewischt werden), der Mund ist trocken und der Zähler doch noch auf 0,002 Millisievert gesprungen. Zugegebenermaßen ist der Mensch in vielen Alltagssituationen weit höherer Strahlenbelastung ausgesetzt (laut KKW-Infobroschüre sind es 2,4 Millisievert pro Jahr), doch die werden eben nicht so sichtbar gemessen.

Zwei Ganzkörper-Monitor-Kontrollen gilt es noch zu überstehen, bis eine künstliche Frauenstimme sagt: "Keine Kontamination", und die Glastüre nach außen aufgeht. Beruhigend. Umziehen, Kamera messen lassen (auch sie ist strahlenfrei geblieben) und zur letzten Station: der Kühlturm.

100 Prozent Luftfeuchtigkeit

Während es hier bei Betrieb im Sommer um die 50 Grad hat und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit, ist es momentan angenehm kühl. Einfach stehen bleiben und den faszinierenden Anblick der hohen, runden Öffnung zum Himmel genießen - ganz ohne Überschuhe und dampfenden Overall.

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