Newsticker
Johnson & Johnson verschiebt Einführung von Corona-Impfstoff in Europa
  1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Ein Dillinger hat Postkarten von Aislingen bis Zöschingen

Postkarten-Aktion

30.09.2020

Ein Dillinger hat Postkarten von Aislingen bis Zöschingen

Fronleichnamsprozession in Dillingen, vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Bild die Königstraße.

Plus Der Fundus von Josef Schuh aus Dillingen ist gigantisch. Seit mehr als 30 Jahren sammelt der Rentner bereits Postkarten.

Ein paar kuriose Postkarten, ein paar begeisterte Sammler haben wir in unserer Serie in diesem Sommer ja schon vorgestellt. Aber was Josef Schuh alles auf seinen Terrassentisch wuchtet: „Das ist Dillingen, nur die Königstraße. Der Ordner ist voller Schlossansichten. Der da zeigt Dillingen und die Akademie mit Priesterseminar. Den da habe ich „Dillingen als Garnisonstadt“ genannt“, sagt der 81-Jährige.

Postkarten-Aktion: Unzählige Bilder aus Dillingen und der Region

Die Ordner des Dillingers sind alle randvoll, immer zwei Postkarten übereinander sind eine Seite. Und die Reihe nimmt kein Ende.

Josef Schuh aus Dillingen sammelt seit Jahrzehnten Postkarten.
Foto: Cordula Homann

Schuh kommt aus seinem Haus mit einem weiteren Korb. „Da sind Höchstädt, Wertingen, Medlingen und Gundelfingen drin“, sagt er. Offensichtlich übertreibt Schuh nicht, wenn er sagt: „Von Aislingen bis Zöschingen habe ich alles.“

1964 hat Schuh geheiratet. Er und seine Frau hatten beide Briefmarken gesammelt. Doch der örtliche Briefmarkenverein hatte nicht mal eine Satzung. Die hat Schuh gemacht und wurde prompt zum Vorsitzenden gewählt. Weil der neue Verein kaum Geld besaß, begann Schuh selbst zu sammeln.

Josef Schuh sammelt seit mehr als 50 Jahren Postkarten
Foto: Cordula Homann/repro

Er annoncierte in Briefmarkenzeitungen und nahm an Auktionen teil. Als er in den Kreistag gewählt wurde, weitete er seine Sammlung über Dillingen hinaus auf den Landkreis aus. Die meisten Karten hat er über die Große Kreisstadt, auf Platz zwei ist Lauingen.

Josef Schuh kennt sich im Landkreis Dillingen bestens aus

Aber es sind nicht nur die Postkarten, die begeistern. Durch die Geschichten, die der 81-Jährige dazu erzählen kann, werden schwarz-weiß Bilder lebendig, eröffnen sich neue Zusammenhänge. Schuhs Eltern, Jahrgänge 1897 und 1900, haben ihrem Josef so viel erzählt, dass er die Entwicklung von Familien und Geschäften über mehrere Jahrzehnte kennt. Die Firma Wetzel-Oblaten nennt Schuh nur „Hackspacher“, nach der Firmengründerin. Absolviakarten, die stolze Abiturienten ihrer Verwandtschaft geschickt haben, mit allen Namen eines Jahrgangs hat er wohl vollständig.

Ein Blick in die „Weissnäherei und Spitzenarbeit“ in der Dillinger Taubstummenanstalt von Regens Wagner.

Die Entwicklung der Taubstummenanstalt bis hin zur Regens-Wagner-Direktion kann man in den Postkarten nachvollziehen. Ein Bild zeigt die „Weissnäherei und Spitzenarbeit“: lauter Mädchen mit Dutt, über feine Decken gebeugt, dazwischen eine Klosterschwester. Schuh selbst hat 36 Jahre in der Taubstummenschule von Regens Wagner unterrichtet.

Und wie sich allein die Königstraße verändert hat: Von jedem Haus hingen gewaltige Fahnen, anlässlich des Parademarschs des königlich bayerisches 2. Chevaulegers-Regiment „Taxis“ 1908. Dicht an dicht wohnten die Menschen, vielleicht im gleichen Jahr, einer „Frohn-Leichnams-Procession“ (undatiert) bei. Die Fenster in der Prachtstraße sind mit Blumen und Kränzen geschmückt.

Schuh: „Manche Postkarten habe ich doppelt."

Begeistert präsentiert Schuh die weiteren Ordner über Dillingen, „Das Franzosenlager“, „Wilhelm Bauer“, und „Brauereien“. Was es in Dillingen alles gibt und gab: Das Hofbräuhaus, die Lammbrauerei, die Aktienbrauerei, die Brauerei Convict, die Gastwirtschaft zum Ochsenkeller, das Gasthaus zum deutschen Haus (heute Café Holzbock), die Hirschwirtschaft (da saß der Schmidt von Schretza immer), das Gasthaus Rose, der Gasthof zum Stern (heute Sparkasse) Gasthaus und Metzgerei zum Mondschein, das Gasthof zum deutschen Kreuz (heute deutscher Michel),

Mit elektrischem Licht wirbt die Convict-Brauerei 1918 auf dieser Postkarte für sich.

die Mohrenwirtschaft, das Gasthaus zu Graf Zeppelin „Schiffwirtschaft“, die Zollwirtschaft, das Parkrestaurant Dierke beim Eichwaldbad, die Schlosswirtschaft, der Gasthof Traube, die Weinklause am Bayerisch-Hof-Platz – manche Häuser heißen inzwischen anders, manchmal erinnert nur noch ein Schild an die Vergangenheit, manchmal steht nicht mal mehr das Gebäude. In jedem weiteren Ordner, den der Rentner aufblättert, stößt er auf eine weitere Geschichte.

Josef Schuh hat nie aufgehört zu sammeln. „Manche Postkarten habe ich doppelt. Die hebe ich alle auf – bevor ich lange suche, ob ich sie schon habe…“

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren