Newsticker
Johnson & Johnson verschiebt Einführung von Corona-Impfstoff in Europa
  1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Ein Pater und die Hexen: passt das?

Dillingen

20.02.2020

Ein Pater und die Hexen: passt das?

Pfarrer Rainer Florie (rechts) referierte über den Jesuitenpater Paul Laymann. Arnold Schromm, Zweiter Vorsitzender des Historischen Vereins Dillingen, stellte den Referenten vor.
Foto: Verein

Wie stand ein Dillinger Professor im Mittelalter zur Hexenverbrennung? Ein ganz besonderer Vortrag.

Ein zahlreiches Publikum lockte am vergangenen Mittwoch der vom Historischen Verein Dillingen und der Vhs Dillingen angebotene Vortrag „Ein verhexter Jesuitenpater? Paul Laymann und die Hexen“ in den großen Saal des Dillinger Colleg. Der Zweite Vorsitzende des Historischen Vereins, Arnold Schromm, begrüßte die Zuhörer und stellte den Referenten vor: Rainer Florie, 1975 in Dillingen geboren, 2002 zum Priester geweiht und von 2007 bis 2013 Präfekt und Subregens am Priesterseminar Augsburg.

Laut Pressemitteilung präsentierte er einen speziellen Themenbereich aus seiner 2017 im Aschendorff-Verlag Münster erschienenen und von der Stiftung der Universität Augsburg mit dem Wissenschaftspreis dotierten Dissertation mit dem Titel „Paul Laymann. Ein Jesuit im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik“.

Eine Universität in Dillingen

Anhand zeitgenössischer Stiche entwarf der Referent zunächst ein anschauliches Bild der Welt des Jesuitenpaters Paul Laymann, der von 1625 bis 1632 an der Universität Dillingen als Professor für Kirchenrecht wirkte. Nach dieser Einführung rückte Rainer Florie die Haltung Laymanns zum Hexenglauben in den Fokus der Betrachtung.

Von 1560 bis 1630 hatten sich Hexenwahn und Hexenverfolgung in drei großen Wellen zu einem traurigen Höhepunkt gesteigert. Die zweifelhafte Praxis der Denunziation führte zu einem wahren Flächenbrand und forderte immer neue Opfer. Tausende Menschen, überwiegend Frauen, fielen diesem Wahn zum Opfer und fanden meist nach brutaler Folter ein grausames Ende. Auch im Hochstift Augsburg und seiner Residenzstadt an der Donau loderten die Scheiterhaufen, wobei dieses kleine geistliche Territorium nicht zu den Gebieten schlimmster Exzesse zählt. Nichtsdestotrotz war die Position der Dillinger Jesuiten zu diesem Thema gefragt.

Schriften von Paul Laymann

Eine genauere Untersuchung der Schriften Paul Laymanns durch Rainer Florie zeigt nun, dass dessen Haltung zum damaligen Hexenglauben sehr zurückhaltend bis ablehnend ausfiel. Was allerdings nicht ungefährlich war, denn ein „Leugnen“ der sogenannten „Hexen“ rückte den Verteidiger in die Nähe dieser „verwerflichen und abscheulichen Unholde“ und konnte das eigene Todesurteil heraufbeschwören. Also hieß es vorsichtig und zurückhaltend zu agieren. Trotzdem schwieg Paul Laymann nicht.

Ausgehend von den Überlegungen des Jesuiten Adam Tanner formulierte er 1630 seine juristischen Einwände gegen die Prozesspraxis und wurde so zum Vorbild für den Ordensbruder Friedrich von Spee, der in seiner berühmten „Cautio criminalis“ den Hexenwahn klar infrage stellte und die Verfolgung und Vernichtung sogenannter Hexen als Unrecht geißelte, was schließlich langfristig zu einem Umdenken in dieser Sache führte.

Trotzdem fanden noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts Hexenprozesse statt, so etwa der Prozess gegen die aus Zöschingen stammende Barbara Zielhauserin, die am 12. Februar 1745 in Dillingen auf einem Scheiterhaufen erdrosselt und verbrannt wurde.

Polarisierung der Gesellschaft

Als Resümee zog Rainer Florie den Schluss, dass diese damaligen Vorgänge und die Gedanken Paul Laymanns uns heutigen Menschen aufschlussreiche Deutungsmuster an die Hand geben können. Klimatische Veränderungen, eine einbrechende „kleine Eiszeit“, Stürme und Missernten, die Auswirkungen der konfessionellen Spaltung und anderes führten damals zu einer zunehmenden Verhärtung der Beziehungen der Menschen untereinander und einer sich ausweitenden Polarisierung der Gesellschaft, ja zu einer „rapiden Verdüsterung des gesamten Weltbildes seit 1560“. Die Suche nach den vermeintlich Schuldigen folgte spontan und unorganisiert und bald hatte man einen Sündenbock gefunden. Dabei könne es laut Florie nicht darum gehen, diese Vorgänge zu entschuldigen, sondern sie vielmehr als Ausdruck ihrer Zeit zu verstehen, um daraus wieder mögliche ähnliche Entwicklungen heute zu verhindern. (pm)

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren