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Glauben

09.12.2019

Ein Stück Württemberg in Bayern

J. Moosdiele-Hitzler.
Bild: Moosdiele

Johannes Moosdiele-Hitzler präsentiert spannende geschichtliche Fakten über seinen Heimatort Bächingen

Johannes Moosdiele-Hitzler hat seine prämierte Doktorarbeit über die Geschichte seines Heimatorts Bächingen interessierten Bürgern vorgestellt. Darin beschäftigt er sich mit der speziellen lokalen Identität Bächingens als evangelische Enklave in Bayern und dem traditionell engen Bezug zur württembergischen Nachbarschaft.

Bächingen ist anders. Bis 1805 war es eine reichsritterschaftliche Herrschaft, in der die örtlichen Schlossherren unabhängig regierten und auch über die Konfession ihrer Untertanen entschieden. Auf stete Abgrenzung vom Fürstentum Pfalz-Neuburg bedacht, das Bächingen auf drei Seiten umgab, hielt man sich hier bis in die 1570er Jahre zunächst an den Papst, während Pfalz-Neuburg evangelisch war, und blieb evangelisch, als das Fürstentum wieder katholisch wurde. Seither orientierten sich die Bächinger beinahe ausschließlich in den evangelischen Westen: Zwischen 1750 und 1800 kamen über die Hälfte der auswärtigen Ehepartner aus Württemberg und jeweils etwa 20 Prozent aus reichsstädtischen (Ulm, Giengen) und reichsritterschaftlichen Territorien (Niederstotzingen, Bergenweiler). Während die Katholiken im Nachbardorf Obermedlingen mit einem palastartigen Klosterneubau mit dem höchsten Kirchturm weit und breit auftrumpften, prägte sich in Bächingen durch die strikte Ablehnung der katholischen Barockkultur eine umso strengere, pietistische Frömmigkeit aus. Nach Napoleons Grenzziehung zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand sich Bächingen auf bayerischer Seite wieder – abgeschnitten von den Nachbarn gleichen Glaubens im Westen und durch eine unsichtbare konfessionelle und soziale Grenze von der bayerischen Nachbarschaft getrennt. Man war und blieb sich fremd; so wurde die erste Ehe zwischen Bächingen und Obermedlingen erst 1937 geschlossen. Auf engstem Raum waren zwei voneinander getrennte Gesellschaften entstanden, deren Unterschiede sich bis heute in Aussprache, Dialekt, Mentalität und sogar auf dem Teller bemerkbar machen: In Bächingen sind lange, „evangelische Spätzle“ wie in Württemberg üblich, während in den bayerischen Nachbardörfern Spätzle knöpfchenförmig zubereitet werden. „Saitenwürstle“ und „Bredla“ gibt es diesseits der Landesgrenze nur in Bächingen, im restlichen Landkreis heißen sie „Wienerle“ und „Loibla“.

120 Zuhörer aus Bächingen und den bayerischen und württembergischen Nachbarorten verfolgten gebannt den etwa einstündigen Vortrag im bis auf den letzten Platz besetzten Saal des Bächinger Dorfgemeinschaftshauses. Moosdiele-Hitzler veranschaulichte seine Ausführungen nicht nur mit Beispielen aus dem Alltag, sondern zitierte auch deftige Passagen aus historischen Dokumenten: Er „scheiße“ in die katholische Kirche, wetterte 1748 ein Bächinger, während von der Obermedlinger Kanzel gegen „die gräusliche Aftergeburt Luthers“ polemisiert wurde.

Ein Stück Württemberg in Bayern

Zahlreiche Wortmeldungen aus dem Publikum bestätigten die noch bis in die jüngste Zeit bestehenden Vorurteile und Mentalitätsunterschiede zwischen Lutheranern und Katholiken, deren Hintergründe bisher vielen unbekannt waren. Altbürgermeister Rochau erinnerte sich daran, wie sich die Bächinger bei der Gebietsreform Anfang der 1970er-Jahre gerne mit Sontheim zusammengetan hätten: Die Arbeitsplätze der meisten Bächinger sind in Sontheim, Giengen und Heidenheim, viele Bächinger Kinder besuchen dort weiterführende Schulen. Der Übertritt Bächingens von Bayern nach Baden-Württemberg scheiterte seinerzeit am Nein der bayerischen Staatsregierung.

Vor 200 Jahren war es Herzogin Franziska von Württemberg, die aus Abneigung gegen ihren Neffen, König Friedrich I. von Württemberg, ihr Rittergut Bächingen lieber bei Bayern sah als unter Friedrichs Hoheit. Seither, so Moosdiele-Hitzler, sei Bächingen gewissermaßen ein Stück Württemberg in Bayern, worauf sogar die Telefonvorwahl hinzuweisen scheint: Bächingen hat eine württembergische 07er-Telefonvorwahl – die Leitung nach Sontheim ist kürzer als nach Gundelfingen oder Medlingen. Das 788-seitige Buch zur preisgekrönten Dissertation erscheint zu Jahresbeginn im Verlag des Vereins für bayerische Kirchengeschichte. (pm)

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