Newsticker
Bundesregierung stuft mehr als 20 Länder als Hochrisikogebiete ein
  1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Ein besonderes Schuljahr endet: So blicken Betroffene im Kreis Dillingen zurück

Landkreis Dillingen

23.07.2020

Ein besonderes Schuljahr endet: So blicken Betroffene im Kreis Dillingen zurück

Am Freitag geht ein besonderes Schuljahr zu Ende. Wir haben Schüler, Eltern und Schulleiter kurz vor Ferienbeginn nach ihrer Gefühlslage, ihren Erfahrungen und ihren Erwartungen gefragt.
Bild: Anton Reichart

Plus Erst der Lockdown mit Homeschooling, dann die Teilung mancher Klassen – wie Schüler, Lehrer und Eltern im Landkreis Dillingen zurückblicken und was sie sich jetzt wünschen.

Hurra, die Schule ist aus, und die Sommerferien beginnen! Wer kann sich nicht an die eigenen Gefühle erinnern, wenn die Zeugnisvergabe beendet war und ein großer Sommer vor der Tür stand. Mit Corona sind die Vorzeichen dieses Mal verändert. Nach der Ausgangsbeschränkung (Lockdown) und monatelangem Online-Unterricht war bei Kindern und Jugendlichen die Freude spürbar, endlich – wenn auch für die meisten in Intervallen – wieder in die Schule gehen zu können. Wir haben Schüler, Eltern und Schulleiter nach ihrer Gefühlslage und ihren Erfahrungen gefragt.

Eine Schülerin aus Zöschingen berichtet von ihren Erfahrungen

Schülerin „Das hätte ich auch nicht gedacht, dass mir die Schule mal fehlt. Aber so war es.“ Für Magdalena Eisenbart aus Zöschingen geht an diesem Freitag ein besonderes Schuljahr zu Ende. Die 15-Jährige besucht die neunte Klasse des Lauinger Albertus-Gymnasiums. Im Nachhinein sei die Ausgangsbeschränkung samt Unterrichtsende ab Mitte März gar nicht so schlimm gewesen, aber zeitweise doch nervig, erzählt die Schülerin. Sie hat während des Lockdowns viel mit ihren Freundinnen telefoniert – und jeden Morgen mit ihren beiden Geschwistern die Hausaufgaben gemacht. „Das liegt auch an den Eltern“, sagt sie. Für den Schulunterricht musste man ja auch immer aufstehen, ergänzt sie, und die Umstellung nach dem Lockdown sei ihr so relativ leichtgefallen.

Mutter Die Mutter des Trios, Christine Eisenbart, arbeitet drei Vormittage pro Woche als Erzieherin. „Meine Kinder mussten aufstehen, ich bin ja berufstätig.“ Der Lockdown habe alle in der Familie viel Kraft gekostet – wie viele andere Menschen auch, betont sie. Und da der Bus zur Schule morgens um 6.30 Uhr in Zöschingen abfährt, sind die Eisenbarts das frühe Aufstehen ohnehin gewohnt. Die Familie hat laut Christine Eisenbart die Zeit füreinander im März und im April sehr genossen – doch vor allem Oma, Opa und die Freunde fehlten. Also hätten die Kinder Briefe geschrieben. „Einfach mal Zeit haben, das fand ich schön.“ Dabei hatte die Mutter selbst während des Lockdowns zwei Wochen Urlaub, ansonsten war sie im Regens-Wagner-Kindergarten gefordert. Dort hätten alle Kinder die Hygieneregeln sehr diszipliniert eingehalten. „Jeder muss ein bisschen was geben“, sagt die Erzieherin, „dann geht es.“

Der Direktor des Dillinger Sailer-Gymnasiums sagt, dass Schüler in der Mittelschule das Ganze oft sehr locker gesehen hätten

Direktor des Dillinger Sailer-Gymnasiums Die meisten Schüler waren richtig froh, „endlich wieder in der Schule Unterricht zu haben“, sagt der Direktor des Dillinger Sailer-Gymnasiums, Kurt Ritter. Es werde aber auch kein Schüler traurig sein, wenn er jetzt sechs Wochen in die Ferien darf. Ritter sieht allerdings auch die Herausforderung, dass wichtiger Stoff während des Lockdowns von Schülern nicht gelernt wurde. In Video-Konferenzen sei zwar intensiv gearbeitet worden, stellt der Leiter des Gymnasiums fest. Gerade jüngere Lehrer seien in diesem Bereich meist „topfit“. „Aber sie erreichen da nicht alle Schüler“, sagt Ritter. Die jüngeren Schüler seien, so seine Erfahrung, meist sehr eifrig dabei gewesen, ebenso die Gymnasiasten der höheren Klassen, denn hier gehe es ja um das Abi. Einige Schüler in der Mittelstufe hätten das Ganze dagegen „oft chillig“ gesehen und ihren Eltern den falschen Eindruck vermittelt, dass sie fleißig seien. Eines will Ritter unbedingt vermeiden – eine erhöhte Durchfallquote in den kommenden Jahren. „Wir werden deshalb für Schüler mit Förderbedarf Crash-Kurse bereits in der letzten Ferienwoche anbieten“, sagt der Schulleiter. Ritter bedauert, dass es auch im ersten Halbjahr des neuen Schuljahrs noch keine Klassenfahrten geben wird. Ob der Skikurs im Januar stattfinden wird, stehe derzeit noch nicht fest.

Abiturientin Für Vanessa Niermann aus Lauingen war es ein „anstrengendes Schuljahr“. Die 18-Jährige aus Lauingen hat am Albertus-Gymnasium ihr Abi geschrieben. Trotz Corona seien sie und ihre Mitschüler gut auf die Prüfungen vorbereitet worden. Doch in diesem besonderen Jahr fehlt so einiges. So gibt es beispielsweise keinen Abiball. Allerdings gäbe es Überlegungen, diesen nachzuholen, berichtet die 18-Jährige. Und es fehlt die große Party zum Abschluss. Dennoch lässt sich Vanessa Niermann die Laune nicht verderben. Sie sagt: „Ich werde jetzt auf jeden Fall die freie Zeit genießen.“

Elternbeiratsvorsitzende Die beiden Großen von Familie Fritz aus Lauingen gehen auf das Dillinger Bonaventura-Gymnasium. Sowohl die 14-jährige Hannah als auch der 16-jährige Julian hätten sich sehr gut selbst organisiert in der Zeit ohne Schule, lobt Mutter Manuela Fritz. Sie ist die Elternbeiratsvorsitzende der Lauinger Grundschule, die der neunjährige Noah besucht. „Anfangs waren er und ich vom Lockdown begeistert, aber zum Ende ging uns doch etwas die Luft aus. Da waren wir nicht mehr so euphorisch“, sagt Manuela Fritz und lacht am Telefon. Ausrangierte Computer wurden reaktiviert, sodass jeder der Familie damit arbeiten konnte. Das sei nicht selbstverständlich. Auch das tägliche gemeinsame Mittagessen mit der ganzen Familie genossen die Lauinger sehr. Außerdem hätten die Großen dem Kleinen auch viel bei den Hausaufgaben geholfen. In den vergangenen Wochen ging auch Noah wieder zu Schule, immer im tageweisen Wechsel. „Man merkte, dass die Ausdauer nicht mehr so da ist, die Konzentration flachte ab. Nach dem Unterricht war die Luft raus.“ Die Elternbeiratsvorsitzende findet vor allem gut, dass sich die Eltern mit der Schule auseinandersetzen mussten, als kein Unterricht mehr war. „Das machte bewusst, was Schule leistet. Man konnte nichts mehr auf die Lehrer abwälzen. Und das sehe ich positiv.“ In Syrgenstein lernten die beiden jüngsten Töchter von Monika Kogge, die die fünfte und sechste Klasse des Albertus-Gymnasiums besuchen, viel Eigendisziplin und -verantwortung, sagt die Elternbeiratsvorsitzende des Gymnasiums. Das Engagement der Lehrer sei sehr unterschiedlich gewesen, die einen waren hoch motiviert, die anderen taten sich mit den neuen Medien schwer. „Das digitale Loch war immer da. Im Lockdown wurde es sichtbar. Die Lehrer hatten in dem Bereich kaum Schulungen. Da ist die Politik gefordert.“

Lauinger Grundschulleiterin Für Irmgard Daub war das Jahr gleich in doppelter Hinsicht besonders: Es war ihr erstes als Leiterin der Lauinger Carolina-Frieß-Grundschule – und dann kam noch Corona. Es sei nicht einfach gewesen, die Verantwortung für 350 Familien zu tragen. Diese hätten zuerst unter dem Lockdown und dann unter den wechselnden Unterrichtszeiten gelitten. „Ich bewundere die Familien, wie sie das organisiert haben. Unsere Notbetreuung wurde kaum in Anspruch genommen. Die Eltern haben sich immer besser selbst organisiert.“ Vorteile der vergangenen Monate gibt es für Daub schon: Alle, Lehrer, Eltern und Schüler, hätten im Digitalen Fortschritte gemacht. Und Lehrern und Schülern gefiel der Unterricht in kleinen Gruppen. In den vier Stunden sei intensiv gearbeitet worden. Manche Lehrer sagen, es sei kaum Stoff verloren gegangen. Die Kinder hätten die Hygieneregeln teils schneller verinnerlicht als manche Erwachsenen. Doch die Nachteile überwiegen für die Schulleiterin eindeutig: „Das Schulleben mit Ausflügen, Festen und so ging völlig verloren.“

Die Viertklässler, die die Grundschule jetzt verlassen, haben ihre Mitschüler seit Mitte März nicht mehr gesehen. Nicht alle Kinder wurden digital erreicht; manchen brachten die Lehrer das Material persönlich zu Hause vorbei. Vor allem die Klassenleiter hatten laut Daub viel mehr Arbeit und etwa täglich ein neues Lernvideo erstellt. Inklusions- und Flüchtlingskindern wurde am Telefon oder per Videokonferenz bei den Hausaufgaben geholfen. Auch die abgehenden Schüler wurden teils individuell unterstützt. „Mein Wunsch wäre ein ganz normaler Schulbetrieb, und dass sich die gesundheitliche Situation beruhigt.“

Einige Lehrer in Gundelfingen brachten den Schülern die Unterlagen mit dem Rad vorbei

Rektor der Gundelfinger Mittelschule So sieht es auch der Rektor der Gundelfinger Mittelschule am Schlachtegg. Hans Stenke lobt die Disziplin seiner 240 Schüler, den Eifer seiner Kollegen – die teils mit dem Rad Unterlagen zugestellt haben – und bewundert die Organisation der Familien. Nur ein einziges Kind sei zeitweise in der Notbetreuung gewesen. Jeder hätte persönlich und im Umgang mit den Schülern viel gelernt. Manche Schüler hätten vom Homeschooling sogar profitiert und sich mehr hervorgetan als zuvor im Unterricht. Ruhe und freie Zeiteinteilung hätte ihnen offensichtlich gutgetan. Im Gegenzug stellte die Wiederaufnahme des Unterrichts für viele eine große Herausforderung dar: Sie waren das frühe Aufstehen nicht mehr gewohnt, wurden vier Stunden lang nur noch mit Kernfächern wie Deutsch, Englisch und Mathe konfrontiert – und verloren schon nach einer Stunde die Konzentration. „Sie waren den Rhythmus nicht mehr gewohnt. In den Monaten des Lockdowns ist manches aus dem Tritt geraten. Es dauert, das aufzufangen. Und Fächer wie Sport oder Kunst sind weggefallen, das stellte für viele Schüler eine doppelte Belastung dar“, erzählt Stenke. Die Schüler der neunten und zehnten Klassen konnten, weil es vorher schon kleine Gruppen waren, nach dem Lockdown komplett wie vorher unterrichtet werden. Die Abschlüsse seien normal ausgefallen. Und alle Ausbildungsverträge, die weit vor Corona abgeschlossen worden waren, wurden eingehalten. „Wir haben als Kollegium medientechnisch total dazugelernt und sind, wenn wieder etwas ist, vorbereitet. Ohne Versatz können wir dann vom Präsenz- zum Medienunterricht umschalten.“ Ein neues Portal für Lehrer, Eltern und Schüler helfe dabei zusätzlich. Dennoch, Stenke hofft inständig auf ein normales Schuljahr.

Leiter der Wertinger Realschule Ein normales Schuljahr wünscht sich auch Frank Rehli. Der Leiter der Anton-Rauch-Realschule in Wertingen sagt: „Noch ein Schuljahr in dieser Form wäre problematisch. Dann müsste man, meiner Ansicht nach, Inhalte im Lehrplan kürzen.“ In den vergangenen Monaten habe er erlebt, dass Lernen Beziehung brauche. Für die Kinder und Jugendlichen seien zum einen der Lehrer als Ansprechpartner als auch das Miteinander in der Klasse sehr wichtig. Rehli erklärt auch, dass im nächsten Schuljahr jeder Lehrer mehr Zeit für Wiederholungen habe. Außerdem können Schüler, die normalerweise eine Klasse wiederholen müssten, nach pädagogischem Ermessen auf Probe vorrücken. Für diese Kinder und Jugendlichen werden auch spezielle Förderkurse angeboten. Das nächste Schuljahr wird Rehli mit allen Eventualitäten planen. Dafür muss er aber erst auf die Personalzuweisung warten. An der Wertinger Realschule tauchten übrigens in den vergangenen Wochen auch mal Schüler auf, die an diesem Tag eigentlich gar keinen Unterricht hatten. Das seien aber wenige Einzelfälle gewesen, sagt er. "

Lesen Sie dazu auch:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren