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Konzert

22.01.2020

Ein gewagtes Musikexperiment

Im Rittersaal das „Duo Impuls“ mit Sebastian Bartmann am Steinway-Flügel und Barbara Bartmann macht sich gerade mit bloßen Händen über den offenen Bechstein-Flügel gezielt her.
Foto: Elmar Greck

Barbara und Sebastian Bartmann geben ihr Debüt als „Duo Impuls“ im Schloss Höchstädt. Das Publikum im vollen Rittersaal ist nach anfänglicher Verwunderung begeistert

Barbara und Sebastian Bartmann geben ihr Debüt als „Duo Impuls“ mit 24 Kompositionen für zwei Klaviere von Sebastian Bartmann, die lediglich auf den Präludien von J. S. Bach basieren – ein gelungenes Musikexperiment, das im Schloss Höchstädt stattfand. Der Pianist tritt als Interpret und Komponist seiner eigenwilligen Bearbeitungen auf, womit er die ahnungslosen Hörer gewaltig überrascht. Informationen zum Werk liegen nicht aus und auch das Programm ist nur ein kahler Mittelstreifen, der nur in sechs Vierergruppen geteilt ist. Die lineare Reihung enthält keine Angaben zu Inhalt, Form oder Tempo, lediglich Tonarten. Sie könnten auch mit einer mathematischen Summenformel ausgedrückt werden: von c-moll über Cis-Dur, dann über cis-moll fortlaufend in Halbtonschritten nach C-Dur, alle ungeraden also in Moll und alle geraden Stufen in Dur.

Dem Vorspiel bei Bach folgt folgerichtig ein weiteres Werk, im Barock eben eine Fuge. Das Programm „Minimal Bach“ verzichtet bewusst auf die Ergänzung und wird so dem Titel gerecht. Letztlich hätte für die Programmankündigung ein Papierschnitzel mit Interpreten und Komponist zusätzlich mit einem QR-Code ergänzt auch gereicht.

Dem Minimalismus steht ein Maximum an instrumentalem Aufwand entgegen. Gleich zwei hochkarätige Flügel stehen mitten im Konzertsaal gegenüber und das erwartungsvolle Publikum sitzt unmittelbar herum, die Bühne bleibt leer. Und genau darin liegt die Krux in diesem Arrangement. Wie können zwei Flügel so präpariert werden, dass sie sich nicht störend, schwebungsfrei im Zusammenspiel gegenseitig ergänzen? Die Lösung dieses Problems dürfte wohl viele Zuhörer angelockt haben, wie zum Beispiel auch den Verfasser dieser Rezension.

Äußerst zweckdienlich sind für das Hörverständnis die einleitenden Erklärungen von Sebastian Bartmann zum eigenen Werk. Mit etwas zu schwacher Stimme, die nicht bis in die letzten Reihen reicht, aber mit angenehmem „Galgenhumor“ interpretiert er ausführlich die Vorgehensweise seiner instrumentalen Darbietung im Duo. Die zwei im Vorfeld zweimal gestimmten, wohltemperierten Flügel mit jeweils 88 Tasten spielen so gut wie nie das Gleiche. Sie ergänzen sich meist komplementär: sie spielen seriell in Takteinheiten oder überlagern sich gleichzeitig mit einem Abstand von einem Ganzton, auch in unterschiedlichen Tempi. Zusätzlich wird auf ein motivisches Fortspinnen wie noch bei Bach geschehen verzichtet. Stattdessen erfahren über lange Strecken die Motive und Patterns kleinste Veränderungen. So entsteht bei „Minimal Bach“ eine bisher unbekannte radikale Einfachheit. Das somit generierte zum Teil „kaleidoskopartige“ Klangergebnis fasziniert in jeder Dynamik und Geschwindigkeit sowie Tonhöhe.

Da wabert nichts, die Einzeltöne und Klangstrukturen haben klar erkennbare meist weiche Konturen und schweben auch mitunter im Obertonbereich, zusätzlich entstehen kontrollierte Klangverschiebungen durch Reibung oder Ergänzung. Die beiden Künstler verstehen es brillant, die so induzierten Tonräume auszukosten und geben den Hörern genügend Spielraum für freie impressionistische surreale Assoziationen. Vor dem imaginären Auge schraubt sich da schon mal ein donnernder Hubschrauber im Crescendo in die Höhe und am Schluss sitzt im Decrescendo ein Schmetterling auf der Hand. Die Ohren lesen wie Scanner die Klangstrukturen und der eigene „PC“ entwickelt je nach Software die Bilder „im Puls“ der Gegenwart dazu. Gebannt lauscht das neugierig aufmerksame, nie gelangweilte, aufgeschlossene Publikum den meisterlich ausgeführten Darbietungen. Ohne Zögern fällt der spontane Beifall am jeweiligen Ende der zusammengefassten „Strophen“ in Vierergruppen ein. Die spärlichen Pfiffe am Anfang verstummten kläglich. Das Konzept ist formal und inhaltlich stimmig: Gegenwärtig und zukünftig ist weniger bei abnehmenden Ressourcen zunehmend mehr.

Das Duo hat viel gewagt, aber mit Recht mehr gewonnen mit ihrem exklusiv originellen musikalischen Experiment. Für die Zuhörer bedankte sich lobend Bürgermeister Gerrit Maneth, der schnell die Win-Win-Situation für die Region und im Besonderen für den Förderverein Schloss Höchstädt erkennt und das alles in entspannt angenehmer Atmosphäre.

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