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Dillingen

19.01.2020

Eine „Deutschstunde“ mit besonderem Trick

Falsches Pflichtgefühl zerstört eine Familie. Szene aus der Dillinger Aufführung der dramatisierten Fassung des Siegfried-Lenz-Romans „Deutschstunde“. Von links: Lara Haucke als Hilke Jepsen, Christian A. Koch als Polizist Jens Ole Jepsen, Nina Mohr als dessen Ehefrau Gudrun Jepsen und Paul Schaeffer als Siggi Jepsen.
Foto: Pawlu

Die Württembergische Landesbühne gastiert mit dem Stück von Siegfried Lenz im Dillinger Stadtsaal. Aus einem 560-Seiten-Buch pressen die Künstler ein knappes Drei-Stunden-Stück. Klappt das?

Wie lässt sich der Inhalt eines 560-Seiten-Buches in ein einziges Theaterstück pressen? Die Landesbühne Esslingen zeigte bei ihrem Gastspiel im Dillinger Stadtsaal die entscheidenden Tricks beim Kampf mit der Stofffülle: In der Bühnenfassung der „Freien Regisseurin“ Laura Tetzlaff wurde der Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz auf seine dialogisierten Passagen reduziert.

Aber die rund 160 anwesenden Kulturring-Freunde mussten dennoch Geduld haben. Das Stück benötigte eine Spieldauer von zweidreiviertel Stunden. Dass die Zuschauer am Ende dennoch heftig klatschten, ließ sich als Lob für die intelligente Umsetzung eines epischen Textes in ein dramatisiertes Kapitel der Zeitgeschichte verstehen.

Viele Dinge aus dem Buch mussten gestrichen werden

Selbstverständlich mussten Besucher, die den Roman gelesen hatten, auf viel Siegfried-Lenz-Esprit verzichten. Der Erzählrahmen war nur in Ansätzen erkennbar. Das Kunststück des Autors, düstere Ereignisse aus der NS-Zeit in geradezu behaglicher Ausführlichkeit und sprachlicher Eleganz zu erzählen, wurde ein eliminiertes Opfer der Umformung. Und verständlicherweise mussten die vielen ausführlichen Naturschilderungen gestrichen werden, so auch der grandiose Möwenangriff im dritten Kapitel.

Aber die Reduzierung des Stoffs auf die These von den „Freuden der Pflicht“ gab der Aufführung unter der Regie von Laura Tetzlaff die notwendige Dramatik. Siggi Jepsen, der als Schüler einer „Erziehungsanstalt“ gegen Ende des Zweiten Weltkriegs einen Strafaufsatz zu diesem Thema schreiben soll, verdeutlicht mit seinen Erinnerungen die Problematik des deutschen Pflichtbegriffs. Sein Vater, Polizist in der nördlichsten Region Schleswig-Holsteins, versteht Pflicht als Gehorsam. Gemäß den Anweisungen aus Berlin verbietet er dem befreundeten Maler Max Ludwig Nansen mit der Selbsttröstung „Befehl ist Befehl“ jede künstlerische Tätigkeit. Trotz aller Fragmentierung zeigt der Handlungsablauf deutlich die verheerenden Folgen missverstandenen Pflichtgefühls: Die Familie Jepsen wird zerstört und die kontrastierenden Positionen von Eltern und Kindern lassen sich auch nach Kriegsende nicht überwinden.

Als stünde er auf einem Feldherrenhügel

Siegfried Lenz hat mit „Deutschstunde“ einen sehr deutschen Roman geschrieben. Diesen Aspekt betonte die schauspielerische Gesamtleistung des Ensembles. Paul Schaeffer charakterisierte die Figur des Siggi Jepsen mehr als Opfer väterlicher Willkür und weniger als Repräsentanz des interfamiliären Widerstands. Dass Befehlsgehorsam leicht in eine Beihilfe zum Verbrechen münden kann, demonstrierte Christian A. Koch in der Rolle des Polizeibeamten Jens Ole Jepsen.

Zunächst setzt er die Anordnungen aus Berlin noch mit humanistischen Begleitbemerkungen um. Aber als er immer stärker zum Vollzugsorgan der Macht wird, verkündet er die Befehle vom erhöhten Seitenrand des Bühnenbildes mit führerhafter Vehemenz, als stünde er auf einem Feldherrenhügel.

Und in dem personenreichen Stück ist Nina Mohr als Ehefrau des Polizisten ein Beispiel für die bis heute anhaltende Bereitschaft, Ideologien zu übernehmen und deren Inhalte zu vertreten. Vielleicht war die erstaunliche Aktualität der Geschichte, die Siegfried Lenz 1968 veröffentlichte, ein weiterer Grund für den lang anhaltenden Schlussapplaus.

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