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Wertingen

05.10.2019

Eine Koreanerin zeigt in Wertingen die „Poesie des Krieges“

Verbrannte Erde – Spuren des Krieges: Nana Heim-Kwon arbeitet seit vier Wochen als Stipendiatin in Wertingen. Ihre Kunst zeigt sie zusammen mit anderen Künstlern in der Städtischen Galerie.
Bild: Hertha Stauch

Die Koreanerin Nana Heim-Kwon arbeitet vier Wochen als Kunst-Stipendiatin in Wertingen. Sie befasst sich mit einem Kapitel der koreanisch-japanischen Kriegsgeschichte.

Wertingen Schwarze Holzkohle bedeckt den Fußboden in der Städtischen Galerie Wertingen, ein paar Kinderschuhe liegen verloren in der Mitte. Nana Heim-Kwon ist sichtlich bewegt. Sie erzählt von den „Trostfrauen“ aus ihrer Heimat Korea. Sie wurden während des Weltkriegs zwangsdeportiert nach Japan, um dort in „Teehäusern“ – Bordellen – den Soldaten gefügig zu sein. Die in Stuttgart lebende Künstlerin hat die Geschichte der Trostfrauen erforscht und verarbeitet sie in ihrer Kunst.

Warum in Japan die Kunst von Nana Heim-Kwon nicht gezeigt wird

Die schwarze Kohle auf dem Boden steht für die Zerstörungen der Kriege, für verbrannte Erde und für das Leid der Trostfrauen, das in Japan immer noch verschwiegen wird. Über 200.000 Frauen aus Korea erlitten dieses Schicksal, erzählt die junge Frau, die aus Korea stammt und immer wieder bei ihren Großeltern in Japan gelebt hat. 2014 stieß sie zufällig auf die Geschichte der Trostfrauen, die sie seither nicht loslässt. Was Nana Heim-Kwon nicht erzählt, das sind die unvorstellbaren Grausamkeiten, mit denen die Frauen – oft noch Kinder – gequält und misshandelt wurden. Und nicht nur das, sie wurden geächtet und fühlten sich selbst schuldig – bis heute ist ihr Schicksal nicht aufgearbeitet.

Deshalb zeigt in Japan niemand die Kunst von Nana Heim-Kwon. Niemand will wissen, was passiert ist. Umso mehr schätzt sie, die in Japan und Deutschland Kunst studiert hat, dass sie nun in Wertingen das vorstellen darf, was sie „Poesie des Krieges“ nennt. „Da gibt es Opfer und Täter, aber die Täter sind auch Opfer“, sagt sie. Sie versucht, das grausame Geschehen in Japan aus der Distanz zu erfassen, Abstand zu bekommen, einfach aufzuzeigen, was war, ohne zu bewerten. Ihre Installations-Kunst, die jetzt in Wertingen zu sehen ist, will nicht anklagen, sondern darstellen.

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Die Künstlerin will das verlorene Paradies aufzeigen

„Jeder soll sich sein eigenes Bild machen“, wünscht sie sich von den Betrachtern. Da sind ihre aus Ton geformten Teekannen für die japanische Teezeremonie. Ihr Schnabel ist ein Finger mit einer Stahlspitze – Symbol für das Leid der Trostfrauen in den Teehäusern oder besser gesagt Kriegsbordellen. Immer wieder taucht in ihren Arbeiten der Finger mit der Stahlspitze auf. Er zeigt auch auf das Video, das sie an verschiedenen Orten gedreht und zu einer Geschichte zusammengefügt hat – die Sehnsucht nach dem Paradies. Denn Nana Heim-Kwon will mit ihrer Kunst über das verlorene Paradies auch einen Weg aufzeigen zu Versöhnung.

Die Trostfrauen, mit denen die Künstlerin gesprochen hat, sind alt geworden und sterben, ohne ihre Geschichte erzählt zu haben. Nana Heim-Kwon will, dass Japan diese Kriegsverbrechen eingesteht und sich bei den Opfern entschuldigt, die Geschichte in den Schulen unterrichtet, damit Kriege in Zukunft vermieden werden. Sie hat die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen, um nicht länger zwischen den Fronten Korea–Japan stehen zu müssen. Die Deutschen, so sagt sie, haben ihre Kriegsgräuel gut aufgearbeitet. Und sie ist sehr froh, in Wertingen so konzentriert vier Wochen arbeiten zu dürfen, als Künstlerin akzeptiert zu sein: „Ich bekomme hier große Unterstützung, bin dankbar und begeistert.“

Wo die Ausstellung in Wertingen zu sehen ist

Ihre Arbeiten sind bis 27. Oktober in der Städtischen Galerie ausgestellt. Neben Nana Heim-Kwon stellt Eugen Wilfried Müller aus Augsburg aus, der sich zum Thema „Figur“ und „Wasserreiche Kreidezeit“ mit dem Bildgedächtnis auseinandersetzt. Auch Maximilian Wakultschik aus Düsseldorf wurde nach Wertingen eingeladen. Der Künstler zeichnet sich durch eine Vielfalt verschiedener Techniken aus und arbeitet mit Holz und Glas, kombiniert mit klassischer Malerei.

Geöffnet ist die Ausstellung in der Städtischen Galerie in Wertingen (Schulstraße 12) wochentags von 8 bis 12 Uhr, sowie Montag, Donnerstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

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