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Wittislingen/Arktis

27.12.2020

Eine Wittislingerin reiste in die eisige Kälte der Arktis

Zum täglichen Bedarf in der Arktis gehört auch Ausrüstung, die das Überleben in der eisigen Kälte sichert. Sechs Wochen lang war Katharina Weiss-Tuider, die in Wittislingen aufgewachsen ist, an der Jahrhundert-Expedition Mosaic beteiligt.
Bild: Esther Horvath, Alfred-Wegener-Institut

Plus Katharina Weiss-Tuider aus Wittislingen begleitete die Forscher der Mosaic-Expedition auf ihrem Weg Richtung Nordpol. Einblicke in den Alltag mit Fruchtgummi-Schnullern, unheimlichen Geräuschen und gut getarnten Eisbären.

Hoch oben im Norden, wo der feste Boden längst den gigantischen Eismassen der Arktis gewichen ist, wo Leben kaum möglich scheint, erhält man vielleicht die interessantesten Tipps für den Alltag. Für Katharina Weiss-Tuider war es der folgende: Hab immer eine Packung Fruchtgummi-Schnuller dabei. Denn die lassen sich auch bei schier unvorstellbarer Kälte und mit drei Paar Handschuhen an den Fingern einigermaßen leicht essen. „Außerdem haben sie eine Menge Kalorien. Das braucht man bei einer Expedition“, witzelt Weiss-Tuider. Vor knapp einem Jahr fuhr die gebürtige Wittislingerin auf einem Eisbrecher als Teil der Jahrhundert-Expedition „Mosaic“, in die eisige Welt der Arktis.

Ihr selbst fiel dabei eine wichtige Aufgabe zu: Als Kommunikationsmanagerin organisierte sie federführend die Öffentlichkeitsarbeit des Projekts, erst auf dem Schiff, später dann vom (deutlich wärmeren) Festland aus. Der Kontakt zur Besatzung riss dabei nie ab. Sechs Wochen lang begleitete Weiss-Tuider, die in Potsdam für das Alfred-Wegener-Institut arbeitet, Ende vergangenen Jahres die Forscher auch persönlich auf ihrem Weg ins Eis.

Doch zuerst musste eine geeignete Scholle gefunden werden. Und das war nicht gerade einfach, wie Weiss-Tuider erzählt. Viele Schollen waren zu dünn, um die schwere Forschungsausrüstung zu tragen. Die Dicke des Eises wurde zum Beispiel anhand manueller Bohrungen bestimmt. „Man konnte den Wissenschaftlern am Gesicht ablesen, wie dünn das Eis teilweise war“, sagt Weiss-Tuider.

Ihren ersten Eisbären hätte sie beinahe übersehen

Doch wie ist das überhaupt so weit oben im Norden? Weiss-Tuider, die sich selbst als „extremen Fan von Eis und Schnee beschreibt, erklärt es in einem Wort: „Wahnsinn.“ Die weiß-blau-graue Landschaft der Arktis sei unglaublich schön und zugleich erschreckend. „Man vergisst schnell, dass man sich auf einer Eisfläche befindet, mit 4000 Metern Wasser darunter.“ Gleichzeitig erinnert die Natur die Menschen immer wieder daran, welch immense Kräfte dort wirken. Das Eis der Arktis ist immer in Bewegung. Schieben sich zwei Schollen aufeinander, bilden sich unter lautem Krachen riesige Presseishügel. So etwas, erzählt Weiss-Tuider, habe sie auch eines Nachts aus dem Schlaf gerissen. „Das war extrem unheimlich.“ Sie vergleicht das Geräusch der Eisschollen mit dem Knacken eines gefrorenen Sees, wenn langsam Tauwetter einsetzt. „Nur extrem laut und viel unheimlicher.“

Von Bord der „Polarstern“ aus hatten die Expeditionsteilnehmer wohl den besten Blick auf das Eis.
Bild: Hans Honold

Natürlich hat die gebürtige Wittislingerin während der Expedition auch einen frei lebenden Eisbären gesehen – oder besser: beinahe übersehen. „Auf den ersten Bären musste mich ein Kollege hinweisen. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich ihn im Eis und Schnee erkannt habe. Eisbären sind wirklich gut getarnt“, sagt sie und lacht. Später habe sie sich gefragt: „Wie kann man so ein riesiges Tier überhaupt übersehen?“ Für Weiss-Tuider, die sich seit ihrer Jugend für Klima- und Tierschutz engagiert, war diese Begegnung eine ganz besondere: „Die Schönheit und Mächtigkeit dieser Tiere ist einfach beeindruckend. Sie wirken so unverletzbar, und gleichzeitig bedroht sie ein gigantischer Feind.“ Der Klimawandel. Dessen Auswirkungen ist auch die Expedition begegnet. Denn in der Arktis ist es deutlich wärmer geworden in den vergangenen Jahrzehnten. Im Schnitt war es dort, das haben die Mosaic-Forscher gemessen, im Winter zehn Grad wärmer als noch vor 100 Jahren. Nicht umsonst gilt die Region als Epizentrum des Klimawandels.

Während des ersten Expeditionsabschnitts, bei dem Weiss-Tuider dabei war, sank die Thermometeranzeige auf unter -26 Grad. Das empfanden sogar die Kollegen aus Sibirien als niedrig. „Und dann weiß man auch als Neuling: Jetzt ist es kalt.“

"Ich habe die Verletzlichkeit der Erde gesehen"

Aus ihren Erlebnissen macht die promovierte Literaturwissenschaftlerin nach Mitarbeit an dem erfolgreichen Bildband „Expedition Arktis“ nun auch ein Kinderbuch mit Illustrationen und Bildern aus der Arktis, das im Februar erscheint. Darin geht es um das tägliche Leben während der Expedition, die Forschung, aber auch um allgemeine Tipps, wie jeder das Klima und die Arktis schützen kann. Dass sich ihr Buch an Kinder richtet, ist kein Zufall: „Die Zielgruppe des Buchs sind die, die mit den Folgen des Klimawandels leben müssen“, sagt sie.

Weiss-Tuider ist merklich stolz, Teil der Expedition gewesen zu sein – und unglaublich dankbar. Während ihrer Reise habe sie eine „echte Liebe zur Arktis“ entwickelt. Auch, als sie wieder auf dem Festland war, habe sie als PR-Managerin fast täglich Kontakt mit dem Schiff gehalten, das an der reinen Kilometerzahl gemessen weiter entfernt war als die ISS. Sie hat eine wichtige Lehre aus der Reise gezogen, die sich nicht auf Gummibärchen bezieht: „Ich habe die Verletzlichkeit der Erde gesehen. Dadurch ist mir die Dringlichkeit des Problems Klimawandel noch stärker klar geworden. Und ich hätte nicht gedacht, dass das nötig ist.“

Bild: Randomhouse Verlag

Info: Das „Mosaic“-Projekt gilt als die bisher größte Forschungsexpedition in die Arktis. Rund 500 Personen aus 20 Ländern nahmen über 13 Monate hinweg daran teil. Ziel des Unternehmens war es, einen kompletten Eiszyklus in der Arktis mitverfolgen zu können und die dortigen Klimaprozesse zu untersuchen. Die Forscher versprachen sich davon, anhand der Daten verlässlichere Prognosen für das weltweite Klima erstellen zu können. Das Schiff Polarstern ließ sich dafür an einer Eisscholle festfrieren, um mit ihr durch die Arktis zu „driften“.

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