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Kulturherbst

12.11.2017

Eine frevelnde Österreicherin

Teuflischer als Mephisto: Die österreichische Kabarettistin und Poetry Slammerin Lisa Eckhart schloss im ausverkauften Theater in Frauenriedhausen einen faustischen Pakt.
Bild: Gusbeth

Mit Lisa Eckhart hat Günter Landgraf eine begabte und vielseiteige Künstlerin ins Theater nach Frauenriedhausen geholt. Von Kabarett bis Poetry Slam

Man hätte vorgewarnt sein müssen. Spätestens nachdem sie mit dem Deutschen Kabarettpreis 2017 heim ins Reich geholt wurde, hätte es sein können, dass die Steirische Bühnendichterin ihre Camouflage als Slam-Poetin verlustig geht. Doch weit gefehlt. Im TiF navigierte Lisa Eckhart zum Faschingsauftakt ihr Narrenschiff auf einer Kreuzfahrt vom morbid-braunen Wien, durchs obszöne Babylon Berlin, zum frivolen Paris getreu dessen Leitspruch „fluctuat nec mergitur“. Nein, sie ging nicht unter im ländlichen TiF-Biotop, das sonst kabarett-typisch eher grauhaarig, also Slam-avers (neumodisches Zeug) daherkommt. Sie schwankte nicht einmal. Im Gegenteil, sie brachte Vorurteile, ja Weltbilder ins Wanken und infizierte die Zuhörer per Tröpfcheninfektion mit, nun vielleicht war es der Restmüll anaboler Steroide ihres steiermärkischen Landsmanns Arnold S.

Was für eine brutale Versmaß- und Taktgefühllosigkeit ihrer Sprache, welche zartbitterböse Grandeur ihrer Gesten beim frivolen Salomé-Tanz ihrer Hände. Welche Bühnen-Präsenz. Androgyn, anarchisch, aseptisch unterwirft sie mit ihren Zeigefinger-Zoten das Publikum zu Zerebral-Heloten. Das folgt hypnotisiert dem Stangentanz ihrer Extremitäten, die sie wie Hieb- und Stichwaffen gen Himmel, Hölle oder andere Weichteile stößt.

Apropos Hölle. Hier beginnt ihr faustischer Pakt, war doch die Figur des Teufels in der deutschen Literatur Thema ihre Magisterarbeit. Seitdem ist alles was sie Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, ihr eigentliches Element. Und das mit einem austriakisch-galligen Schmäh, wie ihn einst nur Falco zelebrierte. Alles klar Frau Kommissar? Sie gibt den teuflischeren Mephisto; ihr politisch Lied ist garstiger, als in den gruseligsten Alp-Träumen, ob in restbraunen österreichischen Sümpfen, prüden deutschen Dampf-Saunen, antisemitisch-konnotierten Stadel-Volksliedern oder adeligen wie ländlichen Regionen, „wo der Stammbaum ein Kreis ist“.

Mehr noch: Wie ER, aufgewachsen an der Grenze zum Reich, wie ER abgewiesen an deutschen Kunstschulen, eröffnet sie wie ER einen Blitzkrieg: rassistisch, nazistisch, narzisstisch, blasphemisch und hinterlässt – verbrunste Erde. Sie ist die Kraft, die stets verneint und doch erweitert sie, das Halluzinogen Lisa Eckhart (LSE) das Bewusstsein mehr als es LSD je könnte. Masochistisch zieht man sie sich rein die neurotisch-psychopathische, blasphemische Fundamentalkritik der bühnen-arroganten Damokles-Domina. Eine Kritik an sich selbst, an Land und Leuten, an Politik und Religion, Liebe und Sex. Wenn man’s überlebt, erwacht man in einer arglistigen Täuschung. Wieder auf einen Ösi reingefallen. Was für eine Performance. So was gab’s im TiF noch nie. Bleibt fürs TiF zu hoffen, dass sie, jetzt längst kein Szene-Geheimtipp mehr, den Leitspruch ihres Terminator-Landsmanns beherzigt: I’ll be back.

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