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Bächingen

07.06.2019

Er hat die Historie Bächingens erforscht

Johannes Moosdiele-Hitzler hat sich in seiner Doktorarbeit mit der religiösen Vergangenheit seiner Heimatgemeinde Bächingen auseinandergesetzt.
Bild: Andreas Schopf

Johannes Moosdiele-Hitzler beschäftigt sich in seiner prämierten Doktorarbeit mit der besonderen, religiösen Geschichte von Bächingen. Manches spürt man bis heute.

Es gab da einen Schlüsselmoment. Als Johannes Moosdiele-Hitzler ein Teenager war, ging er auf den Dachboden seiner Eltern und stöberte. Er stieß auf Konfirmationsdenksprüche der Ururgroßeltern aus dem Jahr 1856 und beschäftigte sich mit dem Stammbaum und der Geschichte seiner Familie in Bächingen. „Das hat mich sofort fasziniert“, sagt er heute. Das Erlebnis von damals war wohl der Grundstein für sein historisches Interesse und eine wissenschaftliche Karriere. Die führte den 34-Jährigen zu einer Doktorarbeit an der Universität Augsburg, in der er sich mit der Historie seiner Heimatgemeinde Bächingen auseinandergesetzt hat. Der Titel seiner Dissertation lautet: „Konfessionskultur – Pietismus – Erweckungsbewegung: Die Ritterherrschaft Bächingen zwischen dem ’lutherischen Spanien’ und dem ’schwäbischen Rom’“. Das 800 Seiten dicke Werk wurde mit der Bestbewertung „summa cum laude“ sowie einem Preis des Bezirks Schwaben für eine regionalwissenschaftliche Arbeit ausgezeichnet.

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Das evangelische Bächingen in der katholisch geprägten Region

Es geht, vereinfacht gesagt, um die besondere Situation des evangelischen Bächingens in der ansonsten katholisch geprägten Region. „Der kleine Ort Bächingen stand zwischen dem katholischen Schwaben mit Dillingen als geistigem Zentrum und dem orthodox-lutherischen Württemberg“, erläutert Bezirksheimatpfleger Peter Fassl den lokalen Sonderweg Bächingens. Die Religiosität hatte in den vergangenen Jahrhunderten große Auswirkungen auf das Zusammenleben, die Politik, die Kultur und die Wirtschaft der Bächinger. Diese Effekte waren Teil der wissenschaftlichen Recherche von Moosdiele-Hitzler, der mittlerweile in Faimingen wohnt und als Archivar im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München arbeitet.

In seiner Dissertation berichtet er etwa davon, wie sich das Verhältnis von Obrigkeit und Untertanen, getrieben vom Glauben, entwickelte. Etwa gegen 1700 forderten die Herrscher besondere Disziplin von den Bürgern Bächingens. Die Bürger entsprachen dieser Erwartungshaltung, in Form des „Pietismus“, einer besonders religiösen und frommen Form des Protestantismus. Die rechtschaffenen Bürger erkannten jedoch bald, dass es ein Ungleichgewicht im Zusammenleben gab.

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Viele Bächinger zog es nach Russlang

Die Obrigkeit lebte „in Saus und Braus“, während das einfache Volk zum Teil betteln gehen musste. So gab es in Bächingen soziale Unruhen, berichtet Moosdiele-Hitzler. Zum einen um das Jahr 1750, als es eine erste Auswanderungswelle nach Amerika gab. Es folgte eine zweite. Nach der Eingliederung in das Königreich Bayern erlebte die Abgrenzung eine nochmalige Zuspitzung und zog die Auswanderung eines erheblichen Bevölkerungsanteils nach Russland um 1820 nach sich. Mit etwa zehn Prozent war sie die höchste in Bayern.

Von Russland aus schickten Bächinger in der Folge Briefe in die Heimat. Einige der Briefe gibt es laut Moosdiele-Hitzler immer noch. Sie seien jahrzehntelang unentdeckt im Bächinger Pfarrarchiv gelegen. Als vor mehr als zehn Jahren das Pfarrhaus leer war, nutzte er die Chance, stöberte dort im Dachboden und fand die zeitgeschichtlichen Dokumente. Die Briefe lagern heute im landeskirchlichen Archiv in Nürnberg.

Eine Hochzeit mit einer Katholikin war lange undenkbar

Wie sehr die Region durch die Religion gespalten war, zeigt der Umstand, dass die erste Hochzeit eines evangelischen Bächingers mit einer Katholikin aus Medlingen erst im zweiten Weltkrieg stattfand. Zuvor wurde es etwa katholischen Dienstboten untersagt, in Bächingen zu arbeiten. Die besondere Historie des Ortes ist zum Teil bis heute spürbar. Nach wie vor gibt es etwa die „Liebenzeller-Gemeinschaft“, deren Mitglieder sich zusätzlich zu Gottesdiensten treffen und religiös austauschen. Sprachlich sei der Unterschied daran zu hören, dass Bächinger das „R“ nicht rollen. Zu Weihnachtsplätzchen würden sie normalerweise nicht „Loibla“, sondern „Brödla“ sagen – ein Begriff aus dem Württembergischen. Auch beim Essen merkt man laut Moosdiele-Hitzler die kleinen, aber feinen Unterschiede.

Während es in katholisch geprägten Regionen vor allem „Knöpfle-Spätzle“ gibt, bekommt man in evangelischen Gebieten, auch in Bächingen, vor allem längliche Spätzle. „Falls man in Bächingen andere Spätzle serviert bekommt, kommt der Koch wohl nicht aus dem Ort“, sagt der 34-Jährige und lacht. Seine Arbeit wird bald als Buch erscheinen, herausgegeben durch den Verein für bayerische Kirchengeschichte. (mit pm)

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