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Unterbechingen

30.05.2015

Er überlebte den Brünner Todesmarsch

Heinrich Kosteletzky musste vor 70 Jahren fliehen.
Bild: Katharina Gaugenrieder

Vor 70 Jahren wurde Heinrich Kosteletzky aus seiner Heimat im heutigen Tschechien vertrieben. Die Erinnerungen an den Treck prägen ihn bis heute

Unterbechingen In aller Eile packten sie damals zusammen, was sie tragen konnten. Die Familienpapiere, seine Zeugnisse, ein paar Kleidungsstücke, ein bisschen zu essen nahm die Mutter von Heinrich Kosteletzky mit. Auch das kleine Marienmarterl, das er bis heute in hohen Ehren hält. Ein Federbett band sie sich noch auf den Rücken. Sparbücher, Fotoapparate, alles Wertvolle, musste die Familie zurücklassen. Seine Karl-May-Bücher hätte der damals Elfjährige gerne mitgenommen. „Aber das war unmöglich.“

Mit den wenigen Habseligkeiten wurden Kosteletzy, seine Mutter und andere Mitglieder der Familie aus der Stadt im heutigen Tschechien vertrieben. Aus Brünn, aus ihrer Heimat. Für etwa 27000 Menschen deutscher Abstammung begann an diesem Tag vor genau 70 Jahren ein mörderischer Marsch, der unter dem Namen „Brünner Todesmarsch“ in die Geschichte einging. „Hauptsächlich waren es Frauen, Kinder und Greise. Die Männer waren entweder in Kriegsgefangenschaft oder im Internierungslager.“

Die Bilder dieses Gewaltmarsches, den Tausende von Menschen nicht überlebten, haben sich in das Gedächtnis von Heinrich Kosteletzky eingebrannt. Auch sieben Jahrzehnte später noch wühlt ihn die Erinnerung daran auf. Die Erinnerung an die Kontrolle, bei der noch einmal nach Wertgegenständen wie Eheringen gefilzt wurde. Unter der Androhung, dass man den Frauen die Finger abschneiden würde. An den endlos scheinenden Marsch am sengend heißen und schwülen Fronleichnamstag – eine grausame Prozession. An die Menschen, die in ihrer Verzweiflung das stinkende Wasser aus Jauchefässern tranken, das ihnen angeboten wurde. Daran, wie bald darauf viele krank wurden. Und an den Moment, in dem die Großmutter einfach nicht mehr weiterkonnte. Gemeinsam mit einer Tante blieb sie in Pohrlitz zurück. Wenige Tage später starb sie, geschwächt von den Strapazen.

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Für Heinrich Kosteletzky, seine Mutter und die anderen ging es weiter. Richtung Österreich. Doch dann die Schreckensnachricht: Die Grenze war gesperrt worden. Schließlich kam die Familie in der Nähe von Melkovice bei einem tschechischen Bauern unter. Dort musste der Elfjährige schwer arbeiten. „Aber so komisch das klingt: Es hat mir Spaß gemacht.“ Zum Abendessen gab es auf dem Hof für alle immer Kartoffeln mit Milch. Noch heute, sagt Kosteletzky, isst er das gern. Von dort aus ging es später nach Furth im Wald. Den Gesundheitsschein, der damals für ihn ausgestellt wurde, hat Heinrich Kosteletzky immer noch. Ein vergilbter Zettel, mit teils verblichener Schrift, der unter anderem bestätigt, dass er entlaust wurde.

Von Furth im Wald kamen Kosteletzky und seine Mutter über Augsburg nach Lauingen. Das war im September 1946. Anschließend wurden sie in Eppisburg in einem Zimmer einquartiert. Nur acht Quadratmeter war es groß. Und für die beiden trotzdem etwas ganz Besonderes. War es doch dass erste eigene Reich nach der Vertreibung aus dem Haus, aus der Heimat.

Noch heute, 70 Jahre später, ist Brünn für Heinrich Kosteletzky Heimat. Auch wenn er den Großteil seines Lebens im Landkreis Dillingen verbracht hat. Mehrere Male war er später wieder in seiner Heimatstadt. Zum ersten Mal im Jahr 1976. „Da hat man den Hass der Tschechen noch deutlich gespürt. Aber das hat sich mittlerweile normalisiert.“ Auch Kosteletzky hat seinen Frieden mit seiner Geschichte gemacht. „Am Anfang hatte ich einen furchtbaren Hass auf die Tschechen“, sagt er. Jahrelang sei ihm kein tschechisches Wort über die Lippen gekommen. „Aber ich habe es überwunden. Die, die das zu verantworten hatten, sind tot. Und die jetzige Generation kann nichts dafür.“ Dass die Stadt Brünn sich kürzlich offiziell entschuldigt hat, sieht der heute 81-Jährige positiv. „Aber ich würde mir wünschen, dass die Tschechen auch die Benes-Dekrete für nichtig erklären. Das hat mit dem europäischen Gedanken nichts zu tun. Trotzdem: Ich habe einen Schlussstrich gezogen.“

Sicherlich, sagt Heinrich Kosteletzky, hat das, was er schon in so jungen Jahren erlebt hat, seinen Ehrgeiz geweckt. Und als Brünner habe man eben eine gewisse Sturheit. Von Eppisburg radelte er jahrelang nach Lauingen ins Gymnasium, wurde Lehrer, ließ sich in Unterbechingen nieder, gründete eine Familie, baute ein Haus. Mit viel Fleiß und Arbeit brachte er es schließlich bis zum Schulamtsdirektor in Günzburg. Ein Posten, den er bis zu seiner Pensionierung innehatte.

Zum 70. Jahrestag des Brünner Todesmarschs findet in der Stadt an diesem Wochenende eine Gedenkveranstaltung statt. Gerne wäre Heinrich Kosteletzky hingefahren. Schließlich ist er einer der Letzten, die dabei waren. „Aber das wäre mir einfach zu strapaziös.“ Die Geschichte wird ihn am Wochenende trotzdem beschäftigen. Und das Gedenken an all die Menschen, die den Marsch nicht überlebten.

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