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Gundelfingen

29.05.2018

Erinnerungen an die Hippie-Träume

Tiny Stricker (links) und eine seiner Hippie-Gruppen. Das Bild befindet sich auf der Rückseite seines Buches „Unterwegs nach Essaouira“. 

Mit „Unterwegs nach Essaouira“ bestätigt der Gundelfinger Tiny Stricker seinen Ruf als Pop-Art-Autor.

„Eines Tages, nachdem er eine kleine Summe angespart hatte, schrieb er auf einen Zettel, dass er auf Reisen gehe, setzte sich in den Orient-Express und war verschwunden.“ Heinrich Stricker aus Gundelfingen hat mit seinem neuen Buch „Unterwegs nach Essaouira“ die Aktivitäten, die Träume und die Enttäuschungen der Hippies faszinierend dokumentiert.

Seine Asienreisen hatten Stricker den Vornamen „Tiny“ eingetragen, und als Tiny Stricker wurde er zum Autor, der in Büchern wie „Trip Generation“, „Soultime“ und „Ein Mercedes für Täbris“ die Mentalität der 68er-Generation amüsant und kenntnisreich analysiert. Die marokkanische Stadt Essaouira wird für ihn und seine Freunde im neuen Buch zu einem Traumziel jenseits aller bürgerlichen Bindungen. Aber es geht weniger um den verklärten geografischen Ort. Erstrebt wird eine „leichte Lebensweise“, die sich mit einem romanhaften „Verschollen-Sein“ verbindet, von dem man sich „eine Periode nie gekannter Freiheit, ein Neugeboren-Sein“ verspricht.

Die Handlung spielt an verschiedenen Orten, die ausnahmslos typisch für Zentren oder Idyllen der Hippie-Bewegung waren. Die Leopoldstraße und eine als „77 Sunset Strip“ bezeichnete Unterkunft in München, ein ländliches Wohnidyll am Ammersee und die abenteuerlichen Schlupfwinkel in Essaouira sind Spiegelungen des Milieus von Jugendlichen, die sich zumeist aus bürgerlichen Verhältnissen gelöst hatten, um den Reiz der Bedürfnislosigkeit zu genießen.

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Im Mittelpunkt der Erzählweise steht eine Gestalt namens H., in der man den Autor Heinrich Stricker vermuten darf. Die Mitglieder der verschiedenen „Gruppen“ wechseln ständig, weil jede langfristige Ortsgebundenheit dem Traum von einem freien Leben widerspricht. Junge Frauen, denen fast ausnahmslos verklärende Adjektive zugeordnet werden, schließen sich an und verschwinden wieder. Erotische Verbindungen ergeben sich zwanglos. „Mit der Ankunft des schönen und schüchternen Mädchens (wobei ihre Schüchternheit sie zusätzlich verzauberte) war für H. der Traumbereich noch stärker geworden.“ Aber Hippie-Träume vertragen keine Dauer. Von einem kurzfristig eingebundenen Hippie-Mädchen heißt es: „…die jäh entdeckte Zuneigung behinderte sie auch, da sie eine übergroße Erwartung erzeugte.“ Gelegentlich entwickelt die Gruppe trotz aller Ablehnung von Arbeit und Stress erstaunliche Kreativität.

Es wird musiziert und komponiert. Die Produktionen „Road to Laramie“ und „Aluminium Wind“ erscheinen. Die Rhythmen gleichen einem „psychodelischen Regen“.

Der von deutscher Romantik inspirierte Traum, dass permanente Wanderung die Seele aus allen Fesseln löse, geht in Strickers Buch allerdings über in die Klage von der zeitlichen Endlichkeit der „On-the-Road“-Kultur: „Obwohl also die Gruppe in dieser Zeit eine neue, ungeheure Dynamik entwickelte, kündigte sich gleichzeitig [...] bereits ihre Auflösung an.“

Tiny Stricker ist mit „Unterwegs nach Essaouira“ abermals ein literarischer Nachruf auf ein Kapitel bundesrepublikanischer Kulturgeschichte gelungen. Probleme, die Ungebundenheit, Antibürgerlichkeit und „Highway“-Rausch zwangsläufig in den Bereichen Hygiene, Reisefinanzierung und zurückgelassene Eltern ergeben, werden zwar ausgeblendet. Aber beim Rückblick auf seine eigene Hippie-Erfahrung deutet Tiny Stricker immerhin an, dass die Sehnsucht nach einer „völlig mittellosen Lebensweise“ letztlich ein parasitäres Verhalten war.

Heinrich Stricker, Jahrgang 1949, bezeichnete sich in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung als „Hippie für drei Sommer“. Im Gegensatz zu anderen Langzeit-Hippies fand er bald wieder zurück ins bürgerliche Lager, studierte in München Anglistik/Amerikanistik und Germanistik, ging für zwei Jahre als Lektor nach England, war anschließend Lehrer in Bayern und ab 1980 übernahm er Aufgaben im Goethe-Institut.

Als er vor drei Jahren in den Ruhestand verabschiedet wurde, erschien er keineswegs in orientalischer Gewandung, sondern in Anzug mit Krawatte.

„Unterwegs nach Essaouira“, 110 Seiten, broschiert, Verlag p.maschinery

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