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Höchstädt/Dillingen

05.09.2019

Erst Hartz IV, jetzt ein fester Job mit richtigem Gehalt

Hartz-IV-Empfängern können mit viel Geduld eines Arbeitgebers und Unterstützung des Jobcenters eine Festanstellung finden.
Bild: Ralf Hirschberger (dpa), Symbolbild

Menschen, die lange arbeitslos waren, können auf Kosten des Jobcenters eingestellt werden. Zwei Einrichtungen des BRK zeigen, wie es klappen kann.

Paul Köhler war sich sicher: „Keiner will mich haben.“ Der 58-Jährige konnte seinem erlernten Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nachgehen und fand nichts Neues. Im Landkreis Dillingen, wo die Arbeitslosenquote aktuell bei zwei Prozent liegt. „Ich war körperlich und psychisch am Ende. Man wird anders angesehen, wenn man arbeitslos ist. Wie ein Mensch dritter Klasse. Das spürt man.“ Dann wurde der Dillinger im Vielerlei in Höchstädt tätig. Und jetzt ist alles anders.

Im Vielerlei, das es seit zwei Jahren gibt, können Bedürftige Geschirr, Möbel, Elektrogeräte oder Bücher zum kleinen Preis kaufen. Alle Waren sind gespendet. Die Mitarbeiter holen die Sachen ab und sortieren sie. Manches wird geputzt, poliert oder ausgebessert und im Geschäft in der Herzogin-Anna-Straße angeboten.

Auch Unterwäsche ist in Dillingen gefragt

Beliebt sind dort zum Beispiel kleine Kleiderschränke für die Singlewohnung. Manches muss auch direkt entsorgt werden. Im Flickwerk, ebenfalls eine Einrichtung vom Bayerischen Roten Kreuz im Kreis Dillingen, werden vor allem Kleider, Geschirr, Dekoartikel, Schmuck, Unter- und Tischwäsche, Socken und Handtücher angenommen. Sowohl im Dillinger Flickwerk, das vor drei Jahren eröffnet wurde, als auch im Vielerlei arbeiten Menschen, die HartzIV bekommen. Projektleiter Andreas J. Weber betreut 15 so genannte Teilnehmer, seine Kollegin Biermeier acht.

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Die Anstellung sozial Schwacher wird gefördert, das hat nur einen Haken

Seit kurzem gibt es ein besonderes Programm, das die Anstellung der sozial Schwachen fördert – doch da ist einen Haken: „Sechs Jahre Hartz-IV-Bezug sind die Voraussetzung für die Förderung. Danach ist die Kondition für einen Acht-Stunden-Tag aber weg“, weiß Weber. Solche Kollegen bräuchten eine Einarbeitungszeit, hätten schnell einen Muskelkater und überhaupt kein Selbstbewusstsein mehr.

Im Vielerlei in Höchstädt von links Paul Köhler, Claudia Fichtner, Christine Biermeier, Andreas J. Weber und hinten Erich Heck.
Bild: Homann

Sie sind keine Mitarbeiter, sondern Teilnehmer und erhalten eine Mehraufwandsentschädigung in Höhe von 1,70 pro Stunde. Den meisten mache die Arbeit Spaß, der Kundenkontakt, das Verbessern eines Möbelstückes. „Wir gewähren ihnen einen Schutzraum, wo es okay ist, Fehler zu machen“, erklärt Claudia Fichtner vom BRK-Sozialzentrum. Für die beiden Chefs bedeutet das vor allem viel Geduld. „Ich hab das Om erfunden“, sagt Weber entspannt und zwinkert. „Das gehört in vielen Jobs dazu, nicht nur in meinem.“ Meint auch seine Kollegin Christine Biermeier, die durchaus mehrmals am Tag tief durchatmet und bis drei zählt, wie sie zugibt.

Ein Viertel der Teilnehmer in Dillingen und Höchstädt werden vermittelt

Erich Heck arbeitet seit mehr als einem Jahr im Vielerlei. 41 Jahre alt war er, als er seinen Job wie viele andere bei der Schließung einer Sontheimer Baufirma verlor. Danach fand er nichts mehr. Jetzt ist er 58 und Spezialist für Altpapier: „Jeden Karton reißt Erich in handtellergroße Stücke. Jeden“, lobt Weber. Er hofft, dass er für den 58-Jährigen – so wie für alle anderen auch – einen festen Job findet. Ein Viertel aller Teilnehmer werde vermittelt.

Bei machen ist schon der Arbeitsbeginn um 8 Uhr ein Problem

Doch manche Teilnehmer, die bei Weber oder Biermeier anfangen, hätten ganz andere Probleme: Sich vor der Arbeit zu duschen oder die Zähne zu putzen, sei für manchen Neuling erst mal nicht selbstverständlich – geschweige denn, um 8 Uhr morgens pünktlich in der Arbeit zu erscheinen. Zumal, wenn er oder sie aus einer Familie stammt, wo auch die Eltern oder Großeltern schon Sozialleistungen erhalten haben. „Manche wachsen in das System rein, wo es immer um 11 Uhr Frühstück gibt – jeden Tag – und keiner arbeiten geht“, weiß Weber. Dabei würden von Armut betroffene Kinder in der Schule sehr unter der Ausgrenzung leiden.

"Bedürftigkeit ist ein weiter Begriff" sagt der Leiter der Höchstädter Einrichtung

Auch dagegen können die Produkte in den beiden Geschäften helfen. „Wir haben Markenwaren. Da freuen sich die Eltern, wenn sie ihrem Kind für kleines Geld etwas Trendiges kaufen können“, sagt Biermeier. Auch für Senioren mit kleiner Rente, Aufstocker oder Alleinerziehende, die oft mit sehr, sehr wenig auskommen müssten, seien die beiden Einrichtungen sehr wertvoll. „Bedürftigkeit ist ein weiter Begriff“, sagt Weber dazu.

Fichtner, Weber und Biermeier hoffen, dass sich noch andere Arbeitgeber für das Projekt, Langzeitarbeitslose einzustellen, entscheiden können, weil sie wissen: „Wenn aus Teilnehmern Arbeitnehmer werden, dann macht das etwas mit den Menschen.“ Bei Paul Köhler hat das geklappt: Er ist jetzt fest angestellt. Er ist glücklich und dankbar für den Job. Jetzt bekommt er ein richtiges Gehalt – wenn es gut läuft sogar bis zur Rente.

Der Dillinger kann sich jetzt Träume erfüllen

Er habe nun ganz neue Möglichkeiten, könne mal ins Fußballstadion fahren. Nach Stuttgart, sein großer Traum. Wird er sich einen weiteren Wunsch erfüllen? „Ich habe so lange auf so eine berufliche Chance gewartet, das eilt jetzt nicht“, sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. Irgendwann will er sich aber einen Roller leisten. Bislang legt er die Strecke Dillingen – Höchstädt nämlich mit dem Rad zurück.

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