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Wertingen

23.01.2021

Fährt im Zusamtal bald wieder das Bähnle?

Dieses vermeintlich letzte Schienstück tauchte bei Abrissarbeiten in Wertingen auf.
Foto: Mathias Wörle

Plus Die Reaktionen reichen von heller Begeisterung bis zu blankem Entsetzen: Was dran ist an den Plänen für eine Wiederbelebung der ehemaligen Verbindung Wertingen-Mertingen.

„5311: Prüfung erforderlich“, heißt es in der Spalte mit dem Titel „Reaktivierung sinnvoll?“. In der umfangreichen Auflistung des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) werden Mittelzentren im Bundesgebiet genannt, die ohne einen Bahnanschluss dastehen. Das Papier des Zusammenschlusses von rund 600 Firmen der Transportbranche zählt dabei, neben vielen weiteren Kommunen zwischen Flensburg und Sonthofen, auch Wertingen auf.

5311 ist die Streckennummer der ehemaligen Zugverbindung von Wertingen nach Mertingen

Hinter den Ziffern „5311“ steht die Streckennummer der ehemaligen Verbindung zwischen der Zusam-Metropole und Mertingen. Sie wurde vor fast zweieinhalb Jahrzehnten im Zuge der landesweiten Gleis-Stilllegungen gekappt und beinahe zur Gänze demontiert. Das hindert indes VDV-Präsident Ingo Wortmann keineswegs daran, in einem Vorwort der „qualifizierten Liste“ zu betonen: „Bei der Mehrzahl der Genannten lohnt es sich, auch nach näherer Prüfung, eine Wiederaufnahme des Verkehrs ernsthaft in Erwägung zu ziehen.“

Könnte damit auch dem von vielen Nutzern und Zuschauern einst liebevoll genannten „Bähnle“ wieder aufs Gleis geholfen werden? Die Zeiten dafür könnten laut Einschätzung des Kölner Lobbyverbandes momentan kaum günstiger sein, zumal selbst die Deutsche Bahn nach ihren massiven „Streichkonzerten“ der Vergangenheit im Nahbereich zum Rückwärtsgang angesetzt hat.

Martin Henke
Foto: Henke

Hinzu kommt die seit Jahren anhaltende Klimadebatte mit ihrer Suche nach umweltfreundlichen Transport-Vehikeln im Personenverkehr, die jenseits des Automobils auf Strecke gehen sollen. Und: „Mit der Änderung des Gemeindeverkehrs-Finanzierungsgesetzes des Bundes wurden die Rahmenbedingungen für Reaktivierungsprojekte erheblich verbessert.“ VDV-Hauptgeschäftsführer Martin Henke, der sich als Bahnfan 1993 auf die Lauer legte, um den ankommenden Schienenbus am Wertinger Bahnhof zu fotografieren, kündigt an: „Da könnte sich etwas bewegen.“

Damit meint der ehemalige Büroleiter beim Bundesverkehrsministerium neben dem „Prüf-Fall“ Zusamtal auch die vielen anderen ehemaligen Schienenstränge, wegen der sich Kommunen gerade eine Art Wettstreit um die heute üppigen Fördergelder von Bund und Ländern liefern. Ersterer ist gleich mit 90 Prozent der Projektsumme dabei, der die Vorschläge vom VDV immer wieder übernimmt.

Wertinger Bahnstrecke könnte bei der nächsten Listen-Auflage aufsteigen

Die „17-Kilometer-Idyllen-Strecke“, wie sie der erfahrene Bahn-Experte damals empfand, könnte schon bei der nächsten Listen-Auflage 2022 aufsteigen, wobei freilich „ganz genau hingeschaut werden muss, was nicht geht oder möglich ist.“ Wenn Letzteres zutreffen sollte, rechnet er überschlagsmäßig mit Aufwendungen zwischen 30 und 40 Millionen Euro für die Reaktivierung einer solchen Linie. „Stehen Gebäude im Weg, kann es natürlich teurer werden. Vermutlich hatte der VDV-Geschäftsführer den früheren Stationshalt in Wertingens Nachbarkommune Buttenwiesen im Sinn, in dessen Einzugsgebiet weitere Stopps eingelegt wurden.

Ausgerechnet einer, der es als Schüler einst genoss, per Bahn gen Wertingen mitzufahren und jede Tour „einfach klasse“ fand, hält die Wiederbelebungs-Ideen für unpassend und der Entwicklung Buttenwiesens eher „abträglich“: Bürgermeister Hans Kaltner verweist auf die bebauten Gebiete, die zahlreichen notwendigen Übergänge und Brücken. „Wir müssten attraktive Vorhaben wie etwa in Frauenstetten und im Kernort aufgeben“, findet er.

Die Eisenbahnfreunde würden sich über fahrende Züge im Zusamtal sehr freuen.
Foto: VDV

Einen ähnlichen Tenor wählt auch die neue grüne Gemeinderätin Maria Hagl, wohl wissend, dass ihre Partei in Bayern auf die wiedererweckten Linien abfährt. Die Diplom-Mathematikerin zählt als Pendlerin auf gute wie attraktive Fahrtzeiten im Fahrplan: „Aber wenn die so dünn ausfallen wie bei der alten Bahn, dann bleibt die neue genauso leer wie jeder Bus nach Wertingen.“ Damit würde die Neuauflage in der Kategorie Eisenbahn-Romantik stehen bleiben.

Signalfarbene Triebwägen in Wertingen sollen laut Museumsreferent lieber Geschichte bleiben

Die Zeiten der signalfarbenen Triebwagen sieht auch Wertingens langjähriger Museumsreferent besser im historischen Teil des Rathausschlosses aufgehoben als im Reisealltag des 21. Jahrhunderts. Bei den aufgetauchten Konzepten sieht Alfred Sigg einfach nur Rot. „Darüber kann es keine ernsthafte Diskussion geben, jeder weiß, dass die Streckenführung über Mertingen statt Meitingen zu den gröbsten Geburtsfehlern gehörte“, sieht der ehemalige Bähnle-Fahrgast als großes Problem.

Zum Hintergrund: Bei der Planung vor über hundert Jahren wurde die sinnvollere, aber aufwendigere Route über den Lechort wegen der schwierigen Umsetzung zugunsten einer Trasse im flachen Zusamtal aufgegeben. Viele der dortigen Anlieger freute es, besonders die Kinder.

Dieses Foto schoss der große Bahn-Fan und heutige VDV-Hauptgeschäftsführer Martin Henke 1993. Es zeigt einen Schienenbus am Wertinger Bahnhof, rechts daneben befindet sich der ehemalige Lokschuppen.
Foto: VDV

„Im Alter von fünf oder sechs Jahren haben wir in der Gegend der Gleise herumgetollt, einmal sind wir sogar vom Lokführer geschimpft worden, weil er sich Sorgen um uns machte“, blickt Verena Beese auf die Zeit am Frauenstettener Bahndamm zurück. Manchmal habe man das Ohr an die Schiene gelegt, um Zughören zu spielen. Die Mitarbeiterin der Wertinger Hauptverwaltung zeigt sich begeistert von einer ins Spiel gebrachten Neuauflage, auch weil sie ein „Pendelkind“ sei. „Schülerbeförderung mit der Bahn statt mit dem übervollen Bus – das wäre ein Segen fürs Zusamtal.“

Wertinger Bürgermeister hat gute Erinnerungen an die Bahn

Damit scheint die Frau mit Jahrgang 1980 auf gleicher Spur mit dem Chef des Hauses zu stehen. Denn anders als beim ehemaligen zweiten Bürgermeister Alfred Sigg zeigen die Signale bei Willy Lehmeier auf Grün: „Jeder Kilometer Schiene tut uns – angesichts der überlasteten Straßen – nur gut“, betont Lehmeier und erinnert sich an eine Lokomotive anlässlich der WERTA 1995: „Das war ein Riesen-Hype. Und schon damals dachte ich: Mei, so schlecht war die Schiene nicht.“

Apropos: Wie berichtet, wurden vor wenigen Wochen bei Erdarbeiten in der Nähe des Lagerhauses zufällig einige Gleisreste ausgegraben. Wenn das mal keine Botschaft darstellt.

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