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Opfer

11.11.2018

Forderndes Gedenken ohne Anklage

Mit einer feierlichen wie berührenden Gedenkveranstaltung ist in Binswangen an die Gräueltaten der Deutschen an der jüdischen Gemeinde vor 80 Jahren erinnert worden. 

In der Binswanger Synagoge findet eine berührende Gedenkveranstaltung statt. Wie vor allem junge Schüler mit der fürchterlichen Geschichte umgehen.

Mit einer feierlichen wie berührenden Gedenkveranstaltung ist in Binswangen an die Gräueltaten der Deutschen an der jüdischen Gemeinde vor 80 Jahren erinnert worden. Mit mehr als 170 Besuchern und viel Prominenz in der nüchtern gehaltenen Synagoge wurde auch der zahlreichen Opfer in der Region gedacht. Die Mitgestaltung durch junge Frauen und Männer zweier Gymnasien des Landkreises verlieh der abendlichen Veranstaltung des Förderkreises Synagoge Binswangen e.V. unter dem Vorsitzenden Anton Kapfer eine ganz besondere Note. Sie dürfte den Teilnehmern noch lange als passender Beitrag zum bundesweiten Erinnern an die Pogromnacht in Erinnerung bleiben. Denn die Schüler trugen abwechselnd die schlimmen Schicksale von jüdischen Familien im Zusamtal vor, die mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 ihren verhängnisvollen Anfang nahm und mit der Pogromnacht 1938 den ersten schrecklichen Höhepunkt einleitete.

Besuch war ein Herzenswunsch 

Bei allen Wortbeiträgen der sehr engagierten Schüler sowie der anderen Redner fiel auf, dass der Schwerpunkt auf dem Erinnern an die Taten der Deutschen und nicht etwa nur dem bloßen Anklagen lag. So wie es die Holocaust-Überlebende Hanna Zimmermann bei ihrem Besuch des Gotteshauses im vergangenen Frühjahr gefordert hatte. Auf deren Worte damals hob der Erste Vorsitzende des passionierten Vereins gleich zu Beginn ab, als er von den Eindrücken der 94 Jahre alten Dame erzählte: „Der Besuch war ihr Herzenswunsch und sie teilte uns mit, dass sie noch nie so eine schöne Synagoge gesehen habe.“

Tatsächlich präsentiert sich mit dem Gotteshaus in der Judengasse und seinen ersten Wurzeln im 18. Jahrhundert ein ansehnliches Gebäude, dessen Außengestaltung die Umgebung dominiert und mit dem gotischen Treppengiebel sowie dem prächtigen Hauptportal aus Sandstein gen Westen steht. „Ein Juwel“, so soll die begeisterte Besucherin laut Anton Kapfer reagiert haben. Sie war im Frühjahr mit Schülern aus der Region zusammengekommen, um von ihren Erlebnissen, unter anderem in Auschwitz, zu berichten. So oblag es bei der Gedenkveranstaltung in Binswangen wiederum den jungen Leuten, die Erinnerung an die Zerstörung und Ermordung eines ganzen Volkes wachzuhalten. Im Rahmen von Projektarbeiten hatten sich Schüler vom Gymnasium Wertingen und St.-Bonaventura-Gymnasium in Dillingen lange mit den äußerst tragischen Familiengeschichten von Binswanger und Buttenwiesener Juden beschäftigt. Dabei wurden sie sachkundig von dem bekannten und studierten Historiker Johannes Mordstein betreut, worauf Vorstand Kapfer in seiner Dankesrede an alle Mitwirkenden hinwies. In musikalischer wie choraler Hinsicht waren dies das Bläserensemble des Musikvereins Binswangen unter der Leitung von Konrad Bühler und der Chor des Musicalprojekts 86 Buttenwiesen mit Johanna Wech.

Unter die Haut 

Sänger wie Musiker verstanden es, in den Pausen zwischen den unter die Haut gehenden Berichten von den Familien Schwarz und Müller (Binswangen) sowie Lamm und Lammfromm (Buttenwiesen) eine würdige Brücke des Nachdenkens und Einwirkens zu bauen. Kein Wunder, dass der Abschluss mit dem gemeinsam angestimmten Lied „Schalom, der Friede sei mit euch“ von minutenlangem Beifall honoriert wurde. Zuvor hatte Landrat Leo Schrell an „das dunkelste und schändlichste Kapitel der deutschen Geschichte“ erinnert und die Verfolgung wie Vernichtung der jüdischen Bevölkerung gegeißelt, die auch die Zerstörung einer jahrhundertelangen jüdischen Kultur und die Auslöschung der jüdischen Religion bedeutet hätten. „Wehret den Anfängen“, rief der Kommunalpolitiker in den voll besetzten Gebetsraum, der durch seine Tieferlegung unter das Straßenniveau noch höher wirkt. Damit wollte Schrell auf die aktuellen Entwicklungen mit neuen erschreckenden Parolen eingehen: „Doch erinnern allein wäre zu wenig. Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit müssen wir aufstehen.“ Und: Zivilcourage gegenüber Populisten zu zeigen sei „unsere Alternative“. Gegen eine Werteveränderung sprach sich auch Buttenwiesens Bürgermeister Hans Kaltner aus, der wie Binswangens Amtskollege Anton Winkler ebenfalls an der Gedenkstunde teilnahm.


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