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29.02.2016

Frauen managen ein ausgebuchtes Schullandheim

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Den Überblick nicht verlieren: Heimleiterin Nicole Heindel und Heike Burkard jonglieren im Büro mit großen Zahlen. 200000 Buchungen gehen jährlich hier ein.

Weltfrauentag Sie trösten Kinder, reparieren Wasserhähne, kochen vegan und machen eine halbe Million Umsatz. Warum es im Bliensbacher Schullandheim keine Frauenquote braucht

Wertingen Die Heizung ist ausgefallen. Kinder rennen Nicole Heindel entgegen, als sie morgens um sieben Uhr das Schullandheim in Bliensbach betritt. Die Heimleiterin erkennt schon an den Reaktionen, dass etwas vorgefallen sein muss. Sie weiß, was zu tun ist. Zunächst schaut sie im Heizungsraum selbst nach dem Fehler und geht nach einem ausgeklügelten Notfallplan vor. An diesem Tag ist der Hausmeister wegen Krankheit nicht greifbar.

Alltag im Bliensbacher Schullandheim. Montag und Freitag ist immer besonders viel los. Denn an diesen Tagen reisen die meisten Besucher an oder packen ihre Sachen. Dann müssen auch noch die Bettwäsche gewechselt und die Zimmer gereinigt werden. Dazwischen klingelt im Büro immer wieder das Telefon. Nicht selten klopft jemand gleichzeitig ungeduldig an die Tür. Schüler wollen Geld wechseln für den Getränkeautomaten, fragen nach Tischtennisschlägern oder klagen über das eine oder andere Wehwehchen, Lehrer und Gruppenleiter erkundigen sich nach Ausflugszielen.

Nicole Heindel kennt das alles auch aus Sicht einer Schülerin: „Ich erlebte hier 1983 selbst mit meiner eigenen Klasse Besinnungstage.“ Damals war gerade das frühere Waisenhaus umfangreich zu einem Gästehaus umgebaut worden. Bis heute führt ein eingetragener Trägerverein das Schullandheim. Dessen Geschäftsführer Hubert Götz vom Landratsamt ist neben Hausmeister Hermann Dollinger der einzige Mann im Team.

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Bayernweit einzigartig sind in Bliensbach wohl der Snoozelenraum, ein Raum für alle Sinne, sowie das Wasserklangbett. Das Carbonlabor gehört ebenfalls zu den außergewöhnlichen Bildungsangeboten weit und breit. Ein weiterer Anziehungspunkt ist der Hoch- und Niedrigseilgarten „clip“, ein erlebnis- und heilpädagogisches Projekt, das von der benachbarten St. Gregor-Stiftung betrieben wird.

Auch wenn letzterer in Eigenregie geführt wird, muss das zehnköpfige Team um Nicole Heindel darüber Bescheid wissen. „Wir helfen den Gruppen bei der Planung des Aufenthalts und vermitteln Kontakte“, so Heindel. Im vergangenen Vierteljahrhundert hat die Mannschaft ein umfangreiches Netzwerk aufgebaut – zu Förstern und Jägern, zur Polizei und Feuerwehr, zu Museumsleitern und Stadtführern im Landkreis Dillingen sowie darüber hinaus.

Nicole Heindel ist nicht die einzige Frau im Haus. Drei Kolleginnen unterstützen sie im Büro, fünf weitere Frauen sorgen in der Großküche für das leibliche Wohl der Besucher. Die Arbeiten gleichen fast denen eines großen Hotelbetriebes. Seit 2002 wurden in Bliensbach fast 200000 Buchungen getätigt. Jährlich werden etwa eine halbe Million Euro umgesetzt. Die Zahlen sprechen für sich und lassen eine große Verantwortung erkennen. 2013 klaffte beispielsweise ein großes Loch im Haushaltsplan. Es war entstanden durch gestiegene Energiekosten sowie durch verändertes Buchungsverhalten. Viele Klassen verweilen im Gegensatz zu früher nur noch eine halbe Woche im Schullandheim. Gezielte Sparmaßnahmen und eine moderate Gebührenanpassung führten das Haus wieder in die schwarzen Zahlen. Mittlerweile müssen sich Interessenten sputen, wenn sie in Bliensbach unterkommen wollen. „2017 sind bereits viele Termine ausgebucht“, weist Mitarbeiterin Heike Burkard auf ihren Kalender.

Noch nie sei es in der Vergangenheit zu größeren Zwischenfällen gekommen. Das Sicherheits- und Brandschutzkonzept habe sich bewährt. Gewerbeaufsichtsamt, TÜV, Lebensmittelpolizei sowie der Wasserwart sind regelmäßig zu Kontrollen im Haus.

Der Tag beginnt jeweils mit einer kleinen Dienstbesprechung in der Küche. Hier wechseln sich fünf Frauen in zwei Schichten ab. „Jede soll die Arbeitsgänge nachvollziehen können“, erklärt Heindel. Dass auch mal eine Köchin ranmuss, wenn eine Türe klemmt oder wenn ein Feueralarm versehentlich ausgelöst worden ist, gehört zum Alltag. Denn das Büro ist nur bis 14 Uhr besetzt. „Wir müssen Allrounder sein“, sagt die 48-jährige Heimleiterin – vor 90 Schülern reden können, gleichzeitig von Technik, veganem Essen und vom Putzen etwas verstehen. Im Schullandheim könne man erleben, was Frauen leisten. „Leider wird unsere Leistung oft unterschätzt“, bedauert Nicole Heindel. Der Internationale Frauentag, der bereits 1911 ins Lebens gerufen worden ist, sende deshalb heute noch ein wichtiges Signal.

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