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28.02.2008

Gewinnmaximierung statt Gesundheit?

Wie geht es mit unserem Gesundheitssystem weiter? Diese Frage stand in den Gesichtern der rund 300 Gäste geschrieben, die sich am Dienstagabend im Speisesaal des Höchstädter AWO-Seniorenzentrums drängten.

SPD und Freie Bürger Höchstädt hatten hier zu einem Informations- und Diskussionsabend zu den einschneidenden Veränderungen im Gesundheitssystem eingeladen. Diese wollen die Bayerischen Hausärzte nicht länger hinnehmen und deshalb aus dem kassenärztlichen System aussteigen.

Die Bestsellerautorin und Dozentin Renate Hartwig referierte unter dem Titel "Der dressierte Patient - verraten und verkauft!" über das Sterben der Hausarztpraxen und die Folgen für die Patienten. "Ein Horrorszenario, wie wir es aus dem amerikanischen Gesundheitssystem kennen, das Menschen sterben lässt, die sich keine Behandlung leisten können, ist keine schwarzmalerische Zukunftsvision. Das ist bereits jetzt Realität", betonte sie.

Beweise dazu hatte Hartwig gleich parat: Der 72-Jährige, dem keine Augentropfen genehmigt werden, obgleich er ohne dieses Medikament erblindet. Die 80-Jährige, die sich wund liegt, weil die spezielle Matratzen-Auflage nicht von der Kasse genehmigt wird. Und die Hausärzte, denen bei Vetos der Kassen die Hände gebunden sind. "Wenn Ihr Hausarzt zum Hausbesuch kommt, bekommt er dafür nach neuerlichen Kürzungen 1,31 Euro für die Behandlung. Verschreibt er zu teure Medikamente, haftet er mit dem Privatvermögen", erzürnt sich Hartwig. Dabei sei es ein Trugschluss, dass unsere Krankenkassen leer seien. "Die Krankenkassen machen jährlich einen Umsatz von 179 Milliarden Euro. Davon werden lediglich 15 Prozent für die ambulante Versorgung aufgewendet. Dabei interessiert mich schon, wo der Rest des Geldes versickert", fragte Hartwig.

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Sie informierte die Besucher über die Kapitalgesellschaften, die sich in Deutschland im großen Stil bei den Krankenkassen und Krankenhäusern einkaufen. "Die DAK hat mit der amerikanischen Aktiengesellschaft Healthways einen Vertrag zur Betreuung chronisch Kranker in Bayern und Baden-Württemberg abgeschlossen. Was wir erleben, ist der Einstieg in ein amerikanisches Gesundheitssystem, das als das unsozialste der westlichen Welt gilt."

Bisher seien die Hausärzte die Hüter unserer Daten. "Sie sollen zielgerichtet wegrationalisiert werden. An ihre Stelle sollen Case-Manager, Care-Manager und Chronical-Care-Manager treten, die von zentralisierten Call-Centern aus die Patienten zu Medizinischen-Versorgungs-Zentren (MVZ) schicken", sagte Renate Hartwig.

Dr. Jürgen Arnhardt, der mit Dr. Hermann Ditz, Dr. Klemens Kügel und Dr. Sigurd Mackenrodt gekommen war, betonte: "Die Argumentation von kurzen Wegen für Patienten und geballter Kompetenz unter einem Dach, klingt für den Patienten im ersten Moment gut. Jedoch wird man damit zu einer Aktie der Konzerne, die diese MVZs finanzieren. Sie wollen nicht heilen, sie wollen Gewinnmaximierung. Grundlegendes, wie die freie Arztwahl, eine ärztliche Versorgung nach bestem Wissen und Gewissen und unabhängige Ärzte gehören dann bald der Vergangenheit an."

Hartwig erklärte: "Die Ärzte werden mit unglaublichen Methoden und Mitteln von der Politik und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mundtot gemacht." Es müsse Druck von den Kommunalpolitikern kommen, da viele Landtags- und Bundestagsabgeordneten das Thema Gesundheitspolitik scheuten. Auf die Frage, was die Kassenpatienten tun könnten, um dem laut Arnhardt "mafiosen Gesundheitssystem" Einhalt zu gebieten, rief Renate Hartwig zur Aufklärung der Betroffenen und zur Solidarisierung mit den Hausärzten auf.

Die anwesenden Hausärzte betonten gleichermaßen: "Unseren Patienten empfehlen wir eine kritische Hinterfragung der Verwendung ihrer Versichertengelder durch die Krankenkassen. Außerdem raten wir, Maßnahmen von Politik und Kassen, wie die beschlossene Einführung der elektronischen Gesundheitskarte, die gegen den Widerstand aller unabhängigen Patienten- und Ärzteorganisationen durchgesetzt werden soll, nicht widerstandslos hinzunehmen."

Treten die Ärzte aus dem kassenärztlichen System aus und legen so die medizinische Grundversorgung lahm, zu der die Krankenkassen gesetzlich verpflichtet sind, müssen diese handeln und mit den Hausärzten neue und faire Verträge ausarbeiten. "Im Landkreis Dillingen sind derzeit 71,4 Prozent der Hausärzte bereit, ihre Kassenzulassung zurückzugeben", erklärt Arnhardt.

Info: Die Hausärzte des Kreises laden am Montag, 3. März, zu einem weiteren Vortrag mit Renate Hartwig um 19.30 Uhr im Stadtsaal Dillingen ein.

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