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Unterglauheim/Augsburg

15.07.2020

Gutachter: Findelkind-Mutter "instrumentalisiert" ihre Behinderung

Eine 32-Jährige steht vor dem Augsburger Landgericht, weil sie ihren Sohn ausgesetzt hat.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Plus Im Prozess um den ausgesetzten Säugling von Unterglauheim tauchen neue Vorwürfe gegen die Mutter auf. Ein Gutachter und der Staatsanwalt kritisieren das Verhalten der Angeklagten.

Dass sie ihren neu geborenen Sohn in einer Wiese in Unterglauheim ausgesetzt hat, steht fest. Das hat die 32-Jährige längst zugegeben. Am Dienstag taucht vor dem Augsburger Landgericht allerdings ein neuer Vorwurf auf, der die angeklagte Mutter aus dem Kreis Dillingen belastet. Zudem kritisieren ein Gutachter sowie der Staatsanwalt das Verhalten der Frau.

Ausgesetzter Säugling: Verletzungen als "Folge scharfer Gewalt"

Laut einer Sachverständigen für Rechtsmedizin wies der Bub bei seinem Auffinden Stichverletzungen auf – eine im Nacken und eine auf dem Kopf. Diese Wunden seien „eindeutig die Folge scharfer Gewalt“ und nicht durch das Einwirken eines Astes, eines Steines oder etwa einer Bettkante zu erklären.

Sehr wahrscheinlich stamme die Verletzung von einem scharfen Gegenstand, vermutlich einer Schere. Die Mutter hatte bei einem früheren Verhandlungstermin auf Nachfrage eingeräumt, nach der Geburt im Badezimmer ihrer Eltern die Nabelschnur mit einer Schere durchtrennt zu haben. „Ich denke, dass zwei Mal auf das Kind gestochen worden ist“, sagt die Gutachterin. „Ich wüsste keine andere Erklärung.“ Die dadurch entstandenen Verletzungen waren offenbar nicht gravierend. Zumindest hatte der Bub laut Aussagen der beteiligten Ärzte im Krankenhaus vornehmlich mit anderen Problemen zu kämpfen, etwa einer Blutvergiftung oder einem Nierenversagen. Auf die Wunden an ihrem Baby angesprochen, behauptet die Angeklagte: „Das ist mir selber ein Rätsel. Ich kann mich nicht daran erinnern.“

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Gutachter: Mutter instrumentalisiert geistige Behinderung

Zweifel daran, wie glaubwürdig das Verhalten der geistig behinderten Frau ist, äußert ein Psychiater im Rahmen seines Gutachtens. Zwar leide die Frau unter deutlichen kognitiven Einschränkungen. Sie würde diesen Umstand jedoch gelegentlich instrumentalisieren. Der Experte habe ausmachen können, dass die Frau bei seinen psychiatrischen Tests durch „gezielte Minderleistungen“ ihre Ergebnisse offenbar bewusst verschlechterte. Nur so sei die „heftige Fehlleistung“, die an das geistige Niveau eines Dementen erinnere, zu erklären. Auch der deutlich unterdurchschnittliche Wert 50 beim IQ-Test sei wohl durch eine „geringe Anstrengungsbereitschaft“ entstanden. Nichtsdestotrotz bescheinigt der Psychiater der Angeklagten aufgrund ihrer leichten intellektuellen Einschränkungen eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit.

Staatsanwalt: "Sie wollte das Kind töten"

Staatsanwalt Thomas Junggeburth wirft der Angeklagten in seinem Plädoyer vor, dass sie selbst bereits seit Dezember 2018 wusste, dass sie schwanger ist. Bis zur Geburt im Juli 2019 habe sie also Zeit gehabt, sich Gedanken zu machen, was mit dem Kind passiert. Den Säugling habe sie so versteckt, dass die Chancen gering waren, ihn zu finden. Die neuen Vorwürfe bezüglich der Stichverletzungen und auch das sonstige Verhalten der Frau lasse aus seiner Sicht nur einen Schluss zu: „Sie wollte das Kind töten“, so der Staatsanwalt. Nun, vor Gericht, versuche die 32-Jährige „schönzureden, was nicht schönzureden ist“. Die Frau hatte behauptet, gehofft zu haben, dass jemand ihr Kind findet. Junggeburth nennt die Argumentation der Angeklagten „maximal unplausibel“. An dem Ort, an dem sie ihr Kind abgelegt hatte, komme nur äußerst selten jemand vorbei.

Die Überlebenschancen des Jungen seien zudem deutlich verringert worden, indem die Mutter den Säugling nicht auf dem Weg, sondern einige Meter entfernt in einer Wiese versteckt hatte. Zudem hatte ihm die Frau das Handtuch weggenommen, in das der Kleine gewickelt war – und somit seinen einzig möglichen Schutz vor Sonne und Kälte. „Man kann ihr alles glauben, man muss es mitnichten“, sagt der Staatsanwalt in Richtung der Angeklagten. Positiv bewertet er ihr Geständnis sowie die Tatsache, dass die Frau nicht vorbestraft ist. Auch die geistige Behinderung sei strafmildernd zu berücksichtigen. Auf der anderen Seite sei der Mutter ein Angriff auf das höchste Gut, das Leben, vorzuwerfen. In der Summe fordert der Staatsanwalt eine Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten.

Verteidigerin: Mutter hat nicht gewollt, dass Kind stirbt

Verteidigerin Cornelia McCready argumentiert für ihre Mandantin, dass diese emotional abhängig von ihren Eltern ist. Diese hatten sich – aufgrund ihres eigenen Alters – gegen ein weiteres Kind ihrer Tochter ausgesprochen. Außerdem sei die Angeklagte emotional auf dem Stand eines Kindes. Das, was dem Säugling passierte, tue einem in der Seele weh und bedeutete sicher unsägliche Schmerzen für das Baby, so die Rechtsanwältin. Doch die Mutter habe mit Sicherheit nicht gewollt, dass das Baby stirbt. „Hätte sie das Kind wirklich töten wollen, hätte sie im Badezimmer der Eltern die Chance dazu gehabt“, sagt McCready in Bezug auf die neuen Vorwürfe hinsichtlich der Stichverletzungen. Die Verteidigerin fordert eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als drei Jahren.

Das Urteil wird am kommenden Dienstag, 21. Juli, verkündet.

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