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Medizin

21.03.2015

„Ich bin Legastheniker“

Quirin Ludwig ist Legastheniker. Seit vier Jahren geht er zu Annegret Sauer in die Praxis und lernt von ihr Strategien, um damit besser umgehen zu können. Dazu gehört auch, mit verschlossenen Augen, Perlen aufzufädeln.
Bild: Bronnhuber

Quirin Ludwig hat eine Lese- und Rechtschreibstörung. Er geht offen damit um und hat große Erfolge erzielt

Höchstädt Entspannt sitzt Quirin in dem schwarzen Ledersessel. Er schließt die Augen, nimmt in die rechte Hand einen dünnen Faden, mit der linken fädelt er Perlen auf. Blind. Langsam. Konzentriert. Die kleinen Kugeln berührt er dabei nur mit dem Daumen und dem Ringfinger. Nacheinander perlt er die Kette komplett auf und kann dabei genau sagen, welche Farbe die Perle hat, die er gerade in die Hand nimmt. Ohne Probleme. „Das kann ich gut, darin bin ich Profi“, sagt der Elfjährige und grinst. Er ist in dieser Übung so gut, dass er zusätzlich zu den Perlenfarben auch noch verschiedene Tierkarten darüberlegen kann. Er merkt sich dabei die Reihenfolge, kennt die Hintergrundfarben, weiß, welche Karte zu welcher Perle gehört. Was heute für Quirin eine Leichtigkeit ist, war vor einigen Jahren noch unmöglich. Denn: „Ich bin Legastheniker.“

Quirin lebt mit seinen Eltern und zwei Geschwistern, er ist der Zweitgeborene, in Höchstädt. Nur durch einen Zufall hat Mama Simone Ludwig bemerkt, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. Sie erzählt: „Ich wusste zwar, dass es Legasthenie gibt, konnte mir aber nichts darunter vorstellen. Ich habe dann aber eine Frau kennengelernt, die diese Störung hat. Als sie mir erzählt hat, wie sich das bei ihr ausdrückt, wurde ich hellhörig.“ Ganz genau habe sie zu Hause ihren Sohn daraufhin beobachtet, „bis mir ganz schnell klar wurde, dass Quirin auch Legastheniker sein muss.“ Ihr mütterlicher Instinkt gab ihr recht. Das ist nun über vier Jahre her. Seitdem ist der elfjährige Quirin in Behandlung. Bei Annegret Sauer ist er einmal in der Woche für 45 Minuten in der Therapie. Die 55-Jährige ist Diplom-Legasthenie-Trainerin und hat im November 2010 die Praxis „Legatrain“ in der Höchstädter Innenstadt übernommen. Quirin war einer ihrer ersten Patienten und ist gleichzeitig einer derjenigen, der am längsten in Therapie ist. „Ich rede aber nicht von Patienten oder Kunden. Das sind meine Kinder“, sagt Sauer. Und Quirin ist ein ganz besonderes.

Laut Sauer wurde bei dem fröhlichen und aufgeschlossenen Jungen eine ausgeprägte Form der Legasthenie festgestellt. Er hat sowohl eine Lese- als auch Rechtschreibstörung. Und trotzdem konnte er sich die erste Zeit in der Grundschule erfolgreich durchmogeln. „Er hatte Bombenzeugnisse“, sagt Mama Simone. Zwar sei das Deutschheft immer recht rot gewesen, und auch das Lesen sei nicht so flüssig gewesen wie gewünscht. „Aber wir haben immer gedacht, das wird schon noch. Jungs haben es ja nicht so mit Deutsch.“ Er wurde zwar nicht besser, aber Quirin hat seine ganz eigenen Methoden erfunden. Im Unterricht meldete er sich beispielsweise dann freiwillig zum Vorlesen, wenn er den Text schon fast auswendig konnte – viele Übungen kannte er von seinem älteren Bruder. Therapeutin Sauer erklärt: „Legastheniker arbeiten viel mit Mimik und haben ein wahnsinnig ausgeprägtes Gedächtnis. Zudem überlegen sie sich unbewusst hoch entwickelte Strategien, um nicht aufzufallen.“ Quirin war darin Meister. So gut, dass ihm lange selbst nicht aufgefallen ist, dass er ein wenig anders als seine Schulkameraden ist. „Ich hab da nichts gemerkt“, sagt er.

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Seit nun aber klar ist, dass er Legastheniker ist, hat sich nicht nur sein Leben verändert, sondern auch das der Familie, wie Simone Ludwig erzählt. „Für uns ist da überhaupt keine Welt zusammengebrochen. Mein Gott, es gibt Schlimmeres. Wir haben sofort ein Attest geholt und sind gleich zur Therapie gegangen. Jetzt wissen wir einfach auch, wie wir mit ihm umgehen müssen oder wie wir ihn besser verstehen können“, erzählt die 39-Jährige. Sei es, dass Quirin sofort, nachdem er sein Teller leer gegessen hat, den Tisch verlässt. Oder dass er bei Hausaufgaben machen oftmals aufsteht und hin- und herspringt. „Er muss sich einfach bewegen. Uns fällt das schon gar nicht mehr auf“, so Simone Ludwig. Weil die Höchstädter Familie nach der Diagnose sofort reagiert habe und Quirin seither in Therapie ist, habe er laut Annegret Sauer schon große Fortschritte gemacht. „Es war ein harter Weg mit vielen Tränen, aber wir haben vieles gemeinsam geschafft“, sagt Sauer. So viel, dass der Elfjährige mittlerweile das Sailer-Gymnasium in Dillingen besucht – es war sein ausdrücklicher Wunsch, wie die Mutter erzählt. Dort wüssten alle Lehrer und Schüler Bescheid, dank seines Attestes wird seine Rechtschreibung nicht bewertet. „Ansonsten wird er wie ein normaler Schüler behandelt, und das ist er auch“, so Ludwig weiter. In Mathe ist Quirin besonders gut – auch, wenn er für manche Textaufgaben einfach länger brauche. Weil er langsamer liest, weil er Buchstaben verdreht, Wörter nach Gehör aufschreibt.

In der Praxis von Annegret Sauer lernt Quirin seit vier Jahren nun Strategien, um besser im Alltag klarzukommen, um auf dem gleichen Level wie Gleichaltrige zu sein. Heilbar ist Legasthenie nicht. Es ist eine genetische Krankheit. Sauer sagt, dass circa fünf Millionen Menschen jeden Alters davon in Deutschland betroffen sind und: „In jeder Klasse haben im Durchschnitt zwei bis fünf Schüler solche Schwächen, davon geht man mittlerweile aus.“ Hauptsächlich sind es Buben. Bei den meisten sei die Störung aber nicht so ausgeprägt wie bei Quirin. In der Therapie macht Sauer ganz individuelle Übungen mit den Kindern – oder auch Erwachsenen. Die Dauer einer Therapie sei ebenfalls komplett von den einzelnen Menschen abhängig. Eine konstante, gute Beziehung zu den Trainern sei aber sehr wichtig.

Da Legastheniker laut Sauer mindestens durchschnittlich intelligent sind und sehr ausgeprägte kognitive Fähigkeiten haben, werden in der Therapie vor allem die Stärken der Personen herausgearbeitet. „Es geht um Motivation, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt.“ Oftmals, auch bei Quirin, sind zusätzlich die Fein- und Grobmotorik problematisch. Perlen auf eine Kette fädeln, wäre deshalb für den Elfjährigen vor vier Jahren kaum möglich gewesen. Nun macht er das mit links. „Mit dieser Übung wird das Gedächtnis auf Reihenfolge trainiert. Sodass er eben auch die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge aufschreiben kann.“ Die Therapie von Annegret Sauer läuft parallel zum Schulstoff. Gleichzeitig übt sie mit dem Höchstädter Bub auch Wortschatz und flüssiges Schreiben bzw. Reden. „Wir sind auf einem sehr guten Weg, Quirin hat sich sehr gut entwickelt. Ich bin mir sicher, dass er auch mal studieren wird.“

Mama Simone Ludwig ist sich zumindest sicher, dass Quirin nicht im Büro arbeiten wird – „wenn dann mit einer Sekretärin“, sagt sie und lacht. Auch der Elfjährige grinst. Über einen Beruf hat er sich noch keine Gedanken gemacht. Erst mal das Abi schaffen. Das kostet den Jungen genug Anstrengung. „Wir brauchen länger mit den Hausaufgaben und müssen mehr machen“, meint die Mama. Auch wenn ihr Sohn mittlerweile mit der Legasthenie umzugehen weiß, so wolle die Familie ihn aber weiter in der Therapie lassen, „bis er sattelfest ist“.

Weitere Info auch online unter

www.legatrain-hoechstaedt.de

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