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Unterliezheim

28.02.2020

"Ich hätte mir Sterbehilfe für ihn gewünscht"

Bisher hat der umstrittene Paragraf 217 des Strafgesetzbuches eine assistierte Sterbehilfe nahezu verhindert. Eine Unterliezheimerin hätte sich das für ihren Mann gewünscht.
Bild: Patrick Seeger, dpa (Symbolfoto)

Plus Der Mann einer Unterliezheimerin war schwer krank und litt fürchterliche Schmerzen. Die hätte ihm seine Frau gerne erspart. Die 66-Jährige hat in ihrem Leben inzwischen auch erfahren, wie ein Abschied ganz anders gelingen kann.

Irene Dratwa-Beck sieht ihren Mann noch daliegen: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“, hat er gesagt. Und gefleht, endlich sterben zu können“, erzählt die 66-Jährige am Telefon. Unser Bericht über das Sterbehilfe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat sie zu dem Anruf in der Redaktion veranlasst. „Wenn Menschen so leiden, sollte man das Siechtum beenden können. Bei meinem Mann war es ein Kampf. Ich habe es am eigenen Leib miterlebt. So etwas muss nicht sein.“

Es ist Frühling 2013. Im Winter hatte der damals 66-Jährige eine leichte Grippe gehabt. Weil das Paar schon länger eine Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate geplant hatte, ließ sich der Zuckerkranke zuvor noch mal durchchecken. Der Herzspezialist sagte: „Sie können bedenkenlos fliegen“, und die beiden brachen auf.

An der dritten Urlaubsstation in Abu Dhabi dann, Irene Dratwa-Beck saß schon im Reisebus, kam ihr Mann Heinz plötzlich rein und klagte: „Mir ist so komisch.“ Ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Die Ehefrau war sofort alarmiert. Ein Arzt wurde geholt und schickte ihren Mann direkt ins Krankenhaus. Nach viel hin und her brachte ihn ein Flugzeug nach Augsburg in die Uniklinik , seine Frau flog allein heim.

"Ich hätte mir Sterbehilfe für ihn gewünscht"

"Es war ein Martyrium" sagt die Frau aus Unterliezheim rückblickend

Immer wieder sei der 66-Jährige in der Folgezeit entlassen worden. „Ich habe ihn dann auf die Terrasse gesetzt und er sah zu, wie wir neue Garagen bekamen“, erinnert sich die 66-Jährige. Das Insulin wurde neu eingestellt. Die Sozialstation kam vorbei. Anfangs konnte sich ihr Mann auch noch selbst waschen und anziehen. „Mir ist nie aufgefallen, dass er nicht so gut beieinander war, aber er hatte schon sehr abgebaut“, erzählt sie nachdenklich am Telefon. Erst auf den Fotos hinterher habe sie bemerkt, wie schlecht es ihm schon zu Beginn der Reise ging. Aber er hätte den Urlaub niemals abgesagt.

Irgendwann sagte der Hausarzt zu ihr: „Machen Sie sich keine Hoffnung.“ Irene Dratwa-Beck konnte das kaum glauben. Ihr Mann litt an Lungenkrebs. Sie dachte, nur in einem Lungenflügel. Da hätte man bestimmt was machen können, meinte sie damals. „Inzwischen weiß ich, er hatte beidseitig Lungenkrebs. Das ist tödlich. Als sie losging, die Leiderei, da hätte man ihn erlösen sollen. Es war ein Martyrium.“ Deswegen kündigte die Frau ihre Arbeit, um mehr für ihren Heinz da sein zu können.

Vom Dillinger Kreiskrankenhaus ging es in die Augsburger Uniklinik

An weitere Unterstützung, etwa von Hospizhelfern, dachte sie nicht. „Ich war dauernd unterwegs, zwischen dem Krankenhaus und daheim.“ Mitte Mai 2013 wurde der Schwerkranke vom Dillinger Krankenhaus in die Uniklinik verlegt. Zwei Tage später, Dratwa-Beck kam gerade von einem Besuch bei ihm aus Augsburg zurück, sah sie ihren Anrufbeantworter daheim in Unterliezheim blinken: Das Klinikum hatte ihr mitgeteilt, dass ihr Mann soeben gestorben war. Damit hatte die Ehefrau so schnell gar nicht gerechnet. Es war der 14. Mai, knapp sechs Wochen nach dem Urlaub.

Immer wieder hatte sie sich seitdem gefragt, ob der Arzt die Erkrankung der Lunge nicht schon vor dem Urlaub hätte entdecken müssen. Ob man die Tage auf der arabischen Halbinsel nicht hätte sein lassen sollen. Ob man den Tod nicht hätte verzögern können. „Es sind noch immer so viele Fragen offen, die mir nie jemand wird beantworten können.“

Bild: Horst von Weitershausen

Die Unterliezheimerin wünscht sich generell mehr Diskussionen über das Lebensende. Man müsste mehr über das Thema reden, um von den verschiedenen Hilfemöglichkeiten oder auch der Sterbehilfe zu erfahren. Doch Pflegebedürftigkeit an sich sei auf keinen Fall ein Grund für eine Sterbehilfe ( Recht auf Sterbehilfe: Das bedeutet das Urteil zum selbstbestimmten Tod ). Wer nicht so fürchterlich leide, den dürfe man nicht einfach aus dem Weg räumen.

Der Vater war im Hospiz in Heidenheim

Inzwischen kennt Dratwa-Beck eine ganz andere Form des Abschieds: „Mein Vater hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs. Da wussten wir, es geht zu Ende. Wir waren vorbereitet.“ Der ambulante Palliativberatungsdienst hatte die Eltern besucht und über verschiedene Hospizeinrichtungen informiert. Seine letzte Lebenswoche verbrachte ihr Vater dann 2019 im Hospiz in Heidenheim. Es sei dort sehr schön gewesen, und die Mitarbeiter hätten sich rührend um die Patienten und ihre Angehörigen gekümmert. „Das war ein besserer Tod.“ Der Sterbenskranke hätte seinen Willen bekommen und die Mitarbeiter hätten sich darum gekümmert, dass die Schmerzen erträglich waren. Obwohl beide Eltern aus der Kirche ausgetreten waren, kam zuletzt auch noch ein Pfarrer. Dratwa-Beck meinte, ihr Vater hing förmlich an den Lippen des Geistlichen. „Ich hatte das Gefühl, das tut ihm gut.“ Ihr Vater sei friedlich eingeschlafen. Erst da hatte sie erfahren, wie anders das Lebensende eines Menschen auch verlaufen kann.

Vor allem die letzten zwei Tage im Krankenhaus hätte sie ihrem Mann Heinz damals gerne erspart. „Manchmal denke ich, man muss nicht alle Erfahrungen machen. Aber vielleicht kann man damit wenigstens anderen helfen, die auch so etwas durchmachen müssen. Ich hätte mir die Sterbehilfe für ihn gewünscht.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Das Thema geht uns alle an

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