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18.06.2009

"Ich vermisse den Alkohol nicht"

Dillingen Seit 17 Jahren ist Paulus Gruber trocken. Zuvor war der Polizeibeamte lange alkoholabhängig. Als etwas schüchterner junger Mann wollte er sich zunächst Mut antrinken, verlor später aber die Kontrolle und trank ohne bestimmten Grund. Vor allem seine Familie litt unter seiner fortschreitenden Alkoholsucht: Kurz vor seiner erfolgreichen Therapie wollte ihn seine Frau mit den beiden gemeinsamen Kindern verlassen, gab ihm aber eine zweite Chance. Heute hilft der lebensfrohe 58-Jährige in seiner Selbsthilfegruppe Alkoholkranken ihre Sucht zu überwinden. Für die Aktionswoche der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. zum Thema "Alkohol? Kenn dein Limit" haben wir mit Paulus Gruber über seine ehemalige Alkoholabhängigkeit und die Volksdroge Nummer eins gesprochen.

Was ist ihr Lieblingsgetränk?

Gruber: Ich trinke gerne Multivitaminsaft und Apfelschorle.

Hätten Sie das vor 20 Jahren auch gesagt?

"Ich vermisse den Alkohol nicht"

Gruber: Nein, bestimmt nicht. Da hätte ich wahrscheinlich mit einem dieser berühmten Dummsprüche geantwortet und gesagt: Zu einem Mann gehört ein Bier.

Zu dieser Zeit waren sie alkoholabhängig. Mit was haben Sie sich betrunken?

Gruber: In meiner Freizeit habe ich acht bis zwölf Bier am Tag getrunken. Dazu kamen einige Gläschen Schnaps. Während des Dienstes blieb ich allerdings abstinent. Denn es passte für mich absolut nicht zusammen: ein Polizeibeamter, der trinkt.

Wieviel muss man trinken, damit man als alkoholsüchtig gilt?

Gruber: Das kann man nicht an der Menge festmachen. Wenn man abhängig ist, drehen sich alle Gedanken nur noch um das Suchtmittel. Natürlich schädigt übermäßiger Alkoholkonsum den Körper. Für eine Frau kann etwa ein Bier täglich gesundheitliche Folgen haben.

Haben Sie selbst erlebt, wie sehr der Alkohol ihren Körper schädigt?

Gruber: Ja. Kurz nach meinem 40. Geburtstag brach ich mit einer Bauchspeicheldrüsenentzündung im Dienst zusammen. Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass meine Leberwerte extrem hoch waren. Nachdem ein Bekannter an einer solchen Entzündung verstorben war, hatte ich Angst, ebenfalls daran zu sterben und habe ein halbes Jahr ohne Alkohol gelebt.

Ein halbes Jahr waren Sie trocken und haben dann wieder begonnen zu trinken. Warum?

Gruber: Als mir der Arzt mitteilte, meine Leberwerte wären wieder völlig in Ordnung und gegen ein Gläschen Wein wäre deshalb nichts einzuwenden. Dann ging's wieder los. Zudem war für mich damals ein Alkoholiker ein schmuddeliger Penner, der verwahrlost auf der Parkbank lümmelt. Der war ich nicht. Danach wurde ich sogar befördert. Da dachte ich mir: 'So schlimm kann's ja nicht sein.'

Es war also bei Ihnen nicht die viel zitierte Schnapspraline, die wieder Appetit auf Alkohol gemacht hat?

Gruber: Nein. Es ist auch nicht so, dass ein ehemaliger Trinker nach einer solchen Praline sofort wieder rückfällig wird. Wenn er eine alkoholhaltige Praline isst, er aber gar nicht wahrnimmt, dass er gerade Alkohol zu sich genommen hat, greift er deshalb nicht wieder regelmäßig zur Flasche. Allerdings: Wenn er bewusst eine Schnapspraline genießt und merkt, es ist OK, wird es kritisch.

Warum?

Gruber: Weil er dann das Gefühl hat, kontrolliert Alkohol trinken zu können.

Gelingt das einem ehemaligen Alkoholiker?

Gruber: Nein, das glaube ich nicht. Man kann schnell nicht mehr einschätzen, wann es genug ist. Alkoholismus ist eine Krankheit, die nicht heilbar ist. Man kann nur ihren Verlauf anhalten.

Das haben Sie vor 17 Jahren getan. Was hat letztendlich den Ausschlag gegeben, wieder aufzuhören?

Gruber: Im April 1992 habe ich im Suff meine Frau bedroht. Sie hat die Polizei gerufen und meine Kollegen haben mich dann eingeliefert. Meine Rettung: Schon zwei Tage darauf habe ich mich entschlossen, eine Langzeittherapie zu machen. Das halbe Jahr in der Einrichtung habe ich genutzt und an mir gearbeitet.

Heute leiten sie sogar eine Selbsthilfegruppe des Kreuzbundes und gehen sehr offen mit ihrem ehemaligen Alkoholproblem um. Wie reagieren andere darauf?

Gruber: Durchweg positiv. Nicht nur meine Familie ist stolz auf mich, dass ich aufgehört habe zu trinken, auch meine Geschwister, meine Mutter, meine Schwiegereltern. Und viele respektieren meine Krankheit. Wenn zum Beispiel auf Feiern im Bekanntenkreis eine Runde Schnaps serviert wird, bekomme ich stattdessen eine Tafel Nussschokolade.

Wie gelingt es Ihnen so lange abstinent zu sein, wo doch der Alkohol ständig präsent ist?

Gruber: Ich vermisse den Alkohol nicht. Im Gegenteil, seit dem Vorfall hatte ich keinen Druck mehr, Alkohol trinken zu müssen. Für mich wirkt allein der Geruch davon jetzt abstoßend.

Erinnern Sie sich noch an Ihren letzten Rausch?

Gruber: Sogar sehr genau. Der Tag meines letzten Rausches ist für mich wichtiger als der Geburtstag, weil an diesem Tag ein neues Leben begonnen hat. Interview: Yvonne Salvamoser

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