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Brauchtum

22.05.2018

In Altenbaindt geht der Wasservogel um

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Traditionell zu Pfingstmontag zieht der Wasservogel durch Altenbaindt. Das Dorf erhält die schwindende Tradition aufrecht, die sich so kaum noch in Nordschwaben findet. Den Brauch gab es auch in bayerischen und schweizerischen Gebieten, sagt der Volkskundler René Brugger.
Bild: Jonas Voss

Nur noch wenige Orte in Nordschwaben feiern das Fest zu Pfingsten. Es hat eine lange Tradition, seine Ursprünge liegen im Dunkeln.

Timo Kaltenstadler schwitzt. Und die vielen dunkelgrünen Buchenzweige kitzeln ihn unter der Nase – wie ein Kokon umgeben sie Timo. Etwa zwei Stunden dauere die Verwandlung vom 16-Jährigen in Jogginghose und Pullover hin zum urtümlichen Wasservogel, schildert Dorfbewohner Helmut Osterlehner. Seit mehr als zehn Jahren schmückt der engagierte Dorfbewohner nun den Hauptdarsteller dieses Festes zu Pfingstmontag. Bindet Zweig für Zweig, bis lediglich ein paar Augen aus dem dichten Gestrüpp blicken. Er vollendet den Ornat des Fabelwesens mit einer Krone aus gelb blühenden Hahnenfüßen. Etwa 220 Zentimeter hoch ist das Kostüm. Traditionell bilden nur Buben den Wasservogel-Zug.

„Der Brauch ist in den Quellen seit dem 18. Jahrhundert belegt“, erklärt der Volkskundler René Brugger aus Bachhagel. Sein Ursprung sei nicht zweifelsfrei zu bestimmen, am wahrscheinlichsten seien aber Flurumritte als Fundament des Brauchs. Dabei umritt man die Grenzen des Dorfs und kontrollierte sie. „In der Literatur ist belegt, dass Rossknechte daraus einen Heischebrauch gemacht haben“, erläutert Brugger. Sie haben wohl hauptsächlich Naturalien bei der lokalen Bevölkerung erbettelt. In einer Quelle von 1861 berichtet ein Dr. Götz vom Vogelreiten als Wettrennen zwischen Buben. Eine Deutung als Fruchtbarkeitssymbol sei möglich, aber weniger wahrscheinlich.

Der Wasservogel wird auf seinem Zug durch Altenbaindt von fünf Gefährten begleitet. Jakob Schneider trägt den verzierten Baum, der das Kommen des Vogels ankündigt. Die Rutenträger sind in diesem Jahr Eliah Schneider, Luis Gäßler und Hannes Gäßler. Jan Steiner ist der Korbträger – er sammelt die Spenden der Leute ein, an deren Tür die Gruppe ihren Spruch aufgesagt hat. Dabei können Münzen und Scheine gegeben werden, aber auch Eier oder Butter. Die Truppe darf am Ende ihres Umzugs die Gaben unter sich verteilen. Ehe es so weit ist, müssen sie vorsichtig sein. Denn jeder Wohltäter hat das Recht, das Fabelwesen mit Wasser zu bespritzen. Ob aus einer kleinen Spritzpistole, einem Eimer oder dem Gartenschlauch. Dem Schutz des Wasservogels haben sich die Rutenträger verschrieben. Beim Zug durchs Dorf schießt ein Wasserschlauch zwischen Bäumen hervor, es regnet kübelweise aus dem Fenster eines Wohnhauses und andere schleichen sich von hinten an. Einfach machen die Buben es den Angreifern nicht; und wehe dem, der sich von den Ruten erwischen lässt. Die drei verteilen eifrig Hiebe auf entblößte Waden und Rückansichten. An diesem traditionellen Fest nimmt fast die gesamte Dorfgemeinschaft teil – viele begleiten die fünf Buben bei ihrem Umzug und feuern wahlweise die Wasserspritzer und Rutenträger bei ihrem Treiben an. Es wird gelacht, zahlreiche Erinnerungsfotos geschossen, einige Feiertags-Ausflügler gesellen sich interessiert hinzu. Das Fest hat Seltenheitswert, in Nordschwaben ist es neben Altenbaindt nur noch in Unterbissingen und Buch zu erleben.

„Nach dem Umzug treffen wir uns beim Festort, den die Dorfgemeinschaft errichtet hat“, sagt Holzheims Bürgermeister Erhard Friegel. Dort werde bis in den späten Nachmittag gefeiert – das Fest zum jährlichen Umzug gebe es nur alle zwei Jahre. Die Dorfgemeinschaft kann sich jedenfalls an kein Jahr ohne erinnern – abgesehen vom Krieg.

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