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Landkreis Dillingen

22.06.2019

Initiative im Kreis Dillingen: Damit der Ortskern nicht ausstirbt

Rege Bautätigkeit in Pfaffenhofen – mitten im Ort entstehen neue Gebäude oder werden saniert. Wer in unseren Dörfern in Zukunft noch leben kann, damit beschäftigt sich derzeit ein Projekt des Regionalentwicklungsvereins „Donautal-Aktiv“.
Bild: Franz Käsinger

Der Verein Donautal-Aktiv hat im Kreis Dillingen Kampagne initiiert gegen die Verödung der Ortsmitte und die Abwanderungstendenz vom Land. Warum das Thema derzeit wieder ganz aktuell ist:

Der Siedlungsdruck steigt, gleichzeitig verwaisen Ortskerne immer mehr. Was können kleine Kommunen tun, damit sie in Zukunft für die Menschen noch interessant sind?

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Andrea Zangl: Die Kommunen müssen selber etwas dagegen tun, in der Dorfgemeinschaft gemeinsame Strategien entwickeln. Dafür haben wir von Donautal-Aktiv das Entwicklungsnetzwerk „Neues Wohnen auf dem Land“ gegründet, mit dem Ziel, selbstbestimmtes Wohnen auf dem Land zu ermöglichen, Jugendliche durch geeigneten Wohnraum im Ort zu halten und eine Aushöhlung im Kern zu vermeiden.

Wie gehen Sie dabei vor?

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Zangl: Wir sind derzeit in den Kommunen unterwegs, um sie für das Thema zu sensibilisieren. Aktuell haben wir vor Kurzem unser Konzept im Gemeinderat Laugna vorgestellt. Wir erklären dabei, wie man entsprechende Projekte anstoßen kann, wie sie umgesetzt und finanziert werden können. Dabei gibt es auch Zuschüsse. Unserem Verein Donautal-Aktiv stehen 200000 Euro an Fördermitteln bis zum Jahr 2022 aus dem Leader-Programm der Europäischen Union bereit, das ländliche Regionen unterstützt.

Was war Ihre Intention für das Projekt?

Zangl: Es ist der demografische Wandel. Wir beschäftigen uns schon seit 2014 damit und stellen fest, dass sich die Altersstrukturen ändern und gleichzeitig die Bedürfnisse in der Gesellschaft. Auf dem Land gibt es eine Abwanderungstendenz bei jungen Leuten – von zwei jungen Menschen kommt nur einer zurück, junge Frauen wandern mehr ab als Männer. Die Aushöhlung der Ortskerne nimmt zu. In den Dörfern gibt es sehr große Anwesen, in denen oft nur mehr ein Mensch lebt, oder die leer stehen.

Wie die Kommunen darauf reagieren

Was ist Ihre Erfahrung – wie reagieren die Kommunen auf diese nicht ganz neue Entwicklung?

Zangl: Oft wissen die Kommunen nicht recht, wie sie reagieren sollen. Bei Leerstand kommt man nicht an die Eigentümer ran, die ihre Häuser an irgendjemand verkaufen, der irgendetwas damit macht. Deshalb ist es notwendig, dass es zwischen Bürger und Kommune eine neutrale Person gibt, die vermittelt. Wir schlagen vor, dafür einen Entwicklungslotsen oder Mobilisierer einzusetzen. Ein weiteres Problem ist, dass es innerorts oft keine oder veraltete Bebauungspläne gibt, die Gestaltungsmöglichkeiten einschränken. Die Dörfer müssten also neu durchgeplant werden, es müsste überlegt werden: „Was will ich dort und was nicht“.

In den Gemeinderäten gibt es derzeit ein umstrittenes Stichwort – die „Verdichtung“ – Flächeneinsparung. Ist das im Entwicklungsnetzwerk auch ein Thema?

Zangl: Nicht direkt, aber es passt zum Thema. In entsprechende Überlegungen muss der Dorfcharakter einbezogen werden. Man muss aufpassen, dass der nicht verloren geht und das Dorf nicht eine beliebige Siedlung wird. Das ist für die Kommunen eine schwierige Gratwanderung. Im Allgäu sind sie in diesen Fragen aufgrund des Tourismus schon ein bisschen weiter. Da gibt es einen Entwicklungsleitfaden für Dorfränder und Dorfkerne. Das könnten wir uns auch als Maßnahme im Projekt vorstellen. Den gibt es bei uns bisher noch nicht.

Lothar Kempfle: Unser Projekt bezieht sich ja auf das „Wohnen auf dem Land“ und ist vor allem darauf ausgerichtet, für ältere und junge Menschen adäquaten Wohnraum zu schaffen, um für sie das Dorf als Lebensraum zu erhalten. Junge Leute finden auf dem Dorf keine Zwei-Zimmer-Wohnung, wie sie es brauchen. Und es gibt auf dem Dorf auch einen Verlust an alten Menschen, weil das Pflegeangebot nicht realisierbar ist und sie deshalb irgendwohin ins Seniorenheim müssen. All das tut kleinen Dörfern nicht gut – die Frage ist, wie man die Menschen halten kann. Damit beschäftigt sich unser Projekt.

Welche Kommunen sind dabei?

Welchen Umfang hat das Projekt inzwischen, beteiligen sich Kommunen aus dem Landkreis?

Zangl: Wir wollen das Thema sozusagen zuerst mal mit „Modellkommunen“ durcharbeiten, das heißt, es können sich zehn bis 15 Kommunen beteiligen. Bisher haben wir acht Zusagen. Im Landkreis sind Wertingen, Laugna, Höchstädt, Blindheim, Haunsheim und Holzheim dabei. Und auch im Kreis Günzburg, für den wir ja auch zuständig sind, gibt es Kommunen, die zugesagt haben. Man muss bedenken: Das Projekt ist ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen wird. Wer mitmachen und entsprechende Fördermittel erhalten will, muss sein Projekt bis Ende 2020 beantragen.

Nochmals zum Thema Nachverdichtung, das jüngst in Rieblingen und Frauenstetten die Gemeinderäte vor Probleme stellte. Steckt da nicht Zündstoff für Konflikte drin?

Lothar Kempfle: Unser Projekt hilft, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie das Dorf in der Zukunft aussehen könnte. Natürlich bewegt das Thema Nachverdichtung, und viele Dinge sprechen auch dafür. Wichtig aber ist: Wie mache ich es? Man muss die Leute mitnehmen, sonst gibt es Konflikte. Wir von „Donautal-Aktiv“ können bei der Bewusstseinsbildung helfen und aufzeigen, dass Handlungsbedarf herrscht. Dabei spielt auch das Thema Umnutzung von alter Bausubstanz eine Rolle.

Wie sieht Ihr Konzept dafür in der Praxis aus?

Kempfle: Wir helfen den Kommunen bei der Wissensvermittlung. Zum Beispiel mit Exkursionen zu guten Praxisbeispielen, mit dem Angebot von Fachreferaten oder mit dem Einsatz von Entwicklungslotsen, die wir auch schulen. Aber auch für Einzelpersonen gibt es Angebote. Zum Beispiel Bau-Beratungsgutscheine für Eigentümer. Ein Hausbesitzer kann sich bei von uns ausgesuchten Architekten einmalig beraten lassen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Beliebigkeit ist kein Rezept

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