Region Wertingen

25.07.2018

Insekten im Anflug

Copy%20of%20IMG_7679.tif
2 Bilder
Winzig klein sind die sogenannten Gewitterwürmchen (rechts und links der Bleistiftspitze), die auf der Haut krabbeln und kitzeln.
Bild: Schoen

Mit dem satten Obstjahr und der relativ milden Witterung scheinen auch Käfer, Mücken und Schmetterlinge Aufwind bekommen zu haben.

Noch sind Landwirte, Gärtner und ihre Hobbykollegen mitten in der Ernte. „Wenn’s so weiter läuft, könnte es ein Jahrhundertertrag bei Obst und Früchten werden“, mutmaßt Ottmar Hurler vom Amt für Landwirtschaft in Wertingen. Und mit den Früchten scheint sich dieses Jahr noch etwas anderes sehr gut zu entwickeln: die Insekten.

„Schuld“ sowohl an den guten Erträgen als auch an dem Aufwind der Insekten sei die Witterung. Laut Hurler blieb die extreme Kälte in diesem Jahr aus, nachdem die Pflanzen und Insekten zum Aufschwung angesetzt hatten. Ganz persönlich freut sich der Landwirtschaftsdirektor über die Vielfalt an Schmetterlingen, die er bei seinen Spaziergängen derzeit entdeckt.

Los ging es bereits mit einer massiven Blütezeit im Frühjahr – „als überall der Blütenstaub lag“, erinnert Hurler. Die Bienen selbst seien dann etwas spät gestartet. „Mein Jakob-Fischer-Apfelbaum stand in voller Blüte und kein Summen und Brummen war zu hören.“ Doch mit Verzögerung seien die Bienen und anderen Insekten dann zum Bestäuben gekommen. „Die haben fast einen Burnout bekommen, weil alles gleichzeitig intensiv geblüht hat.“

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

So sehr sich Hurler für und mit den Obstanbauern und Insektenliebhabern freut, so sehr betrübt ihn ein Umstand: „Im Wald machen uns Schädlinge große Sorgen, speziell der Borkenkäfer.“ Ein „gut und schlecht“ gibt es demnach für den landwirtschaftlichen Berater und Ausbilder nicht. „Die Natur richtet sich immer wieder von selbst ein.“ Somit hat sich für ihn auch die Diskussion über den „massiven Rückgang von Insekten“ mit diesem Jahr wieder relativiert.

Eine etwas andere Sicht hat hier Heidi Terpoorten. Die Grünen-Kreisrätin aus Binswangen, die zuhause einen speziellen Insektengarten pflegt, weist darauf hin, dass sich die Population von Insekten aufgrund der langen Hitzeperiode verändert habe. „Wir sehen immer mehr eingewanderte Insekten“, erzählt sie gegenüber unserer Zeitung. Das Taubenschwänzchen beispielsweise – es sieht aus wie ein Mini-Kolibri – fühle sich bereits heimisch hier. Dasselbe beobachtet sie bei Schmetterlingen und Vögeln. Die schwarzblaue Holzbiene (Yylocopa violacea) zähle mit einer Länge von bis zu 25 Millimetern zur größten Wildbiene Deutschlands. Terpoorten: „Sie tritt in den letzten Jahren ebenfalls vermehrt auf.“

Ob das alles mit dem Klimawandel zu tun hat, könne allerdings erst nach einer längeren Untersuchungsreihe festgestellt werden, sagt Terpoorten gegenüber unserer Zeitung. Mit Bewertungen müsse man vorsichtig sein. Fest stehe, dass aufgrund von Monokulturen und wegen des Einsatzes von Insektiziden das Insektensterben in den vergangenen Jahren massiv zugenommen habe. „Ich glaube, dass die Menschen sensibler geworden sind. Deshalb richten sie den Fokus darauf und entdecken plötzlich mehr dieser nützlichen Tierchen.“

Wem oder wozu die teils winzig kleinen Tierchen nützlich sind, ist für den Menschen nicht immer gleich erkennbar. Zumal sie überall hin krabbeln, fliegen, einen kitzeln, zwicken und stechen. Winzig klein sind beispielsweise die sogenannten Gewitterwürmchen, auch Flimmerchen genannt. Sie sollen Vorboten von Blitz und Donner sein und besonders bei schwülem Wetter sehr aktiv sein.

Ob winzig klein oder relativ groß – für Anja und Albert Eser aus Binswangen gibt es alljährlich vier Monate, in denen Menschen Insekten besonders auffallen. „Mai, Juni, Juli und August sind einfach extreme Monate“, erzählt die 46-jährige Anja Eser auf Anfrage unserer Zeitung. Seit 15 Jahren betreibt das Ehepaar einen kleinen Betrieb unter dem Motto „Insektenschutz Eser – und Plagegeister sind kein Thema mehr.“ Dabei bekämpfen die Esers nichts, sondern sie helfen zu schützen. Konkret spannen sie Schutznetze in Türen und Fenster. Und laut Anja Eser haben sie für jede(n) das passende Netz: Allergikergewebe, Klarsicht- oder Feinmaschgewebe. Eines verhindere sogar, dass Elektrosmog eintrete. Über etwas müsse man sich dabei allerdings klar sein: „Je dichter das Gewebe, desto mehr Insekten – selbst die allerkleinsten – bleiben draußen“, sagt Anja Eser. Gleichzeitig würde allerdings auch weniger Frischluft durchkommen. Ruft man in dem Binswanger Betrieb derzeit an, hört man als erstes: „Wir sind die nächste Zeit komplett ausgebucht.“ Nicht nur Tage, sondern Wochen müssten die Kunden derzeit, in der Hochsaison, einplanen. Zum einen gebe es Wartezeiten für die Gewebe. „Zum anderen sind wir ein kleiner Betrieb mit Maß- und Handanfertigung“, so Eser. Wer jetzt nicht zum Zuge kommt, den vertröstet Eser auf den Winter. Sie arbeiten immer an der Obergrenze. Ob sie dieses Jahr mehr zu tun hätten als sonst, können sie deshalb schwer beurteilen.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren