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Dillingen

23.01.2016

Islamische Gebote in Dillingen?

Ein 60-jähriger Syrer soll einen Mann angestachelt haben, seine Frau zu schlagen, weil sie zum Deutschkurs gehen wollte.
Bild: dpa

Einem Syrer wird vorgeworfen, Flüchtlinge und Ehrenamtliche bedroht zu haben. Ein Einzelfall? Was Experten aus der Region über die Integrationsbereitschaft sagen

Er habe sich als islamischer Gelehrter gesehen, habe die Meinung vertreten, dass die Scharia über dem deutschen Gesetz steht. Wenn Dieter Kogge darüber spricht, was in einer Dillingen Flüchtlingsunterkunft vorgefallen ist, wie ein syrischer Asylbewerber die anderen Flüchtlinge und auch die Helfer bedroht haben soll, merkt man ihm an, dass ihn die ganze Sache sehr bewegt hat. Er spricht viel, schnell, energisch. „Die Ehrenamtlichen sagten, sie hätten Angst“, erzählt Kogge, Beauftragter des Landratsamtes, der zwischen der Behörde, den Asylbewerbern und den Ehrenamtlichen koordiniert.

Der etwa 60-jährige Syrer hätte die Scharia, das religiöse Gesetz des Islam, propagiert und versucht, dieses auch durchzusetzen. Flüchtlingsfrauen etwa habe er von der Teilnahme an Integrationskursen abhalten wollen. „Eine Frau wurde geschlagen. Sie sollte nicht allein in einen Deutschkurs gehen. Der Syrer hatte den Ehemann der Frau dazu angestachelt“, sagt Kogge, der selbst versucht hat, mit dem Flüchtling zu reden, ihm deutlich zu machen, dass er seine konservativen Vorstellungen nicht auf andere übertragen könne. Inzwischen wurde der Mann in einen anderen Landkreis verwiesen.

Ans Licht kam die Geschichte, weil sich eine Ehrenamtliche beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge beklagt hatte. Das wiederum leitete den Fall weiter an die Polizei. Aktuell wird gegen den Syrer ermittelt. „Es wurde offensichtlich, dass er sich nicht integrieren möchte. Er war nicht bereit, sich nach unserem Wertesystem zu richten“, sagt Thomas Rieger, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Nord. Allerdings habe er nicht den Status eines sogenannten Gefährders, der nun ständig unter Beobachtung stehe. Ermittelt werde wegen Gewalttaten innerhalb der Familie. Trotz dieser Vorfälle hält die Familie, die nach wie vor in Dillingen lebt, weiter zu ihm. „Seine Frau und die Kinder haben sich stark mit ihm solidarisiert. Wir wünschen uns, dass sich die Menschen integrieren, aber nun ist es so, dass die ganze Familie noch reaktionärer geworden ist“, sagt Asylkoordinator Kogge. Die Ehrenamtlichen hätten eigentlich einen guten Zugang gehabt, gerade zu den Töchtern. Jetzt würde ihnen christliche Missionierung vorgeworfen. „Die Familie ließ die Ehrenamtlichen nicht mehr hinein. Das war für die Helfer sehr frustrierend, weil sie schon so viel investiert hatten“, sagt Kogge. Er glaubt, dass dieser Vorfall ein Einzelfall ist. Seit er im September mit seiner Arbeit anfing, habe er so etwas noch nicht erlebt. Ähnlich sieht das auch Andreas Foldenauer von der Abteilung Kommunales, Sicherheit und Ordnung am Landratsamt Dillingen. „In dieser Dimension ist das ein atypischer, singulärer Fall. So etwas hatten wir noch nicht“, sagt er.

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Um die Integration der Flüchtlinge nach vorne zu treiben, braucht es nach Ansicht von Georg Schrenk, Koordinator der Unterstützergruppe Asyl in Dillingen, noch mehr Integrationsmaßnahmen. Von einer Verfassungsänderung mit einem Zusatz zur Einhaltung der deutschen Leitkultur, wie sie die bayerische CSU vorgeschlagen hatte, hält Schrenk, der für die Freien Wähler im Dillinger Stadtrat sitzt, nichts. „Aus meiner Sicht brauchen wir keine Verfassungsänderung. Im Grundgesetz steht alles drin. Und wir erwarten, dass sich die Flüchtlinge an dieses Gesetz halten. Es kommt darauf an, dass den Flüchtlingen unsere Art der Kultur erklärt, vorgelebt und verständlich gemacht wird“, sagt er. Dafür brauche man Fachpersonal – diese Aufgabe könne man nicht allein den Ehrenamtlichen überlassen. Den Willen, sich zu integrieren, habe er sehr unterschiedlich erfahren: „Viele, die ich treffe, sagen, sie wollen sich integrieren. Andere wollen sich nur durchschlängeln. Zum Teil kommt es auch auf den Bildungshintergrund an. Es gibt wirklich viele, die vorwärtskommen wollen. Und andere, die selbst nach Monaten außer ‚Hallo‘ kein deutsches Wort kennen,“ berichtet Schrenk. Er warnt allerdings vor Generalisierungen. Das gelte auch dann, wenn es um Probleme im Umgang mit Frauen geht. „Männer aus dem arabischen Raum haben ein anderes Frauenbild. Aber es gibt große Unterschiede. Natürlich haben wir extreme Meinungen, aber auch Männer, bei denen es überhaupt keine Schwierigkeiten gibt.“

Wolfgang Plarre, der sich in Wertingen für asylsuchende Menschen engagiert, hat die Erfahrung gemacht, dass sich die große Mehrheit der Flüchtlinge integrieren möchte, Arbeit suchen und selbst Geld verdienen will. „Oft sind Sprachbarrieren dafür ein Hindernis“, sagt Plarre. Und nur diejenigen mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit bekämen staatlich geförderte Kurse. Insgesamt reichten die Kurse aber nicht aus. „In Wertingen versuchen wir, das mit Ehrenamtlichen aufzufangen“, sagt Plarre. „Aber von staatlicher Seite ist eindeutig mehr Förderung nötig.“

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