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Prozess

13.07.2010

Junge Türkin soll jahrelang gelitten haben

Ihr Körper ist von Narben übersät, Ohr und Nase deformiert. Eine junge Türkin aus Lauingen soll ein jahrelanges Martyrium durchlitten haben. Vier Angehörige stehen deshalb jetzt vor Gericht. Von Katharina Gaugenrieder

Ihr Körper ist von Narben übersät, Ohr und Nase deformiert, genauso wie die Oberschenkel. Manchmal, sagt die junge Frau, kann sie nachts vor Schmerzen nicht schlafen. Manchmal sind die Albträume der Grund. "Ich habe Angst vor meinem Ex-Mann und seiner Familie", sagt die 28-Jährige mit Tränen in den Augen.

Was die junge Türkin aus Lauingen in den vergangenen sechs Jahren durchgemacht hat, ist kaum vorstellbar. Ein Blick in die Anklageschrift zeigt: Sie wurde gedemütigt, eingesperrt, verprügelt, vergewaltigt - von ihrem eigenen Ehemann und dessen Familie.

Gestern saß die junge Frau in einem Augsburger Gerichtssaal den Menschen gegenüber, die ihr das Leben nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft sechs Jahre lang zur Hölle gemacht haben. Angeklagt sind neben dem Ehemann auch dessen Bruder und die Eltern. Mit regloser Miene hören sie an diesem ersten Prozesstag die Verlesung der Anklageschrift durch Staatsanwältin Beate Schauer. Darin ist von über einem Dutzend Fällen von schwerer Körperverletzung durch die Familienmitglieder die Rede. Die junge Frau, die 2001 in der Türkei mit ihrem ebenfalls türkischstämmigen Mann verheiratet wurde, durchlebte in ihrer neuen Heimat Lauingen ein wahres Martyrium. Immer wieder wurde sie mit Gegenständen geschlagen - einem Schuh, einem Duschkopf, einem Teller oder einem Staubsaugerrohr.

Junge Türkin soll jahrelang gelitten haben

Einmal soll sie der Schwiegervater mit einem Besenstil verprügelt, ein anderes Mal soll ihr Mann sie mit heißem Wasser verbrüht haben, weil seine Wärmflasche nicht die richtige Temperatur hatte. Immer wieder soll die junge Frau von ihrem Mann und dessen 28-jährigem Bruder mit Faustschlägen traktiert worden sein. Einmal, weil ihr eigener Bruder unversehens vor der Tür stand und sie sehen wollte, ein anderes Mal, weil ihr kleiner Sohn sich weigerte, etwas zu essen.

17 Punkte listet die 16-seitige Anklageschrift insgesamt auf. Sie zeichnet das Bild eines unberechenbaren Ehemanns, der mit einem Kugelschreiber auf seine Frau einsticht, weil sie die Wohnung in seinen Augen nicht ordentlich geputzt hat. Es ist das Bild eines Ehemannes, der seine Frau so lange mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe geschlagen haben soll, bis diese zu Bruch ging. Weil sie ihn ohne Grund angesprochen hatte. Der ihr den Oberarm gebrochen, sie mit dem Tod bedroht und vergewaltigt haben soll.

Angeklagte räumen Vorwürfe ein

Der 30-Jährige räumte die angeklagten Taten ebenso wie sein Bruder und seine Eltern am ersten Prozesstag vor dem Augsburger Landgericht ein und erklärte, dass es ihm leid tue. Auch sein Bruder entschuldigte sich gestern bei seiner Schwägerin: "Es tut mir leid. Wir haben Blödsinn gemacht, ohne nachzudenken." Die Schwiegermutter, ebenfalls wegen Körperverletzung an der Schwiegertochter angeklagt, erklärte vor Gericht: "Es wäre besser, wenn es nicht geschehen wäre."

Der 30-jährige Hauptangeklagte erklärte darüber hinaus, er wolle zur Schadenswiedergutmachung 15 000 Euro an seine Noch-Ehefrau zahlen, sein Bruder erklärte sich bereit, 10 000 Euro zu zahlen. Auch der Schwiegervater ist bereit, finanzielle Wiedergutmachung zu leisten. Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht des Geständnisses stellte das Gericht unter Vorsitz von Karl-Heinz Hauesler dem Hauptangeklagten eine Strafobergrenze von sechs Jahren und neun Monaten, dem Bruder vier Jahre und neun Monate, dem Schwiegervater drei Jahre und neun Monate und der Schwiegermutter 90 Tagessätze in Aussicht. Am 29. Juli wird der Prozess fortgesetzt. Von Katharina Gaugenrieder

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