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Fristingen

05.06.2018

Kehrt in Fristingen wieder Frieden ein?

Hier, im Dillinger Ortsteil Fristingen, sollte eine Wärmegenossenschaft das Dorf energetisch autark werden lassen. Doch das Projekt scheiterte krachend – trotz großen Einsatzes vieler Ehrenamtlicher. Nun stehen die ehemaligen Vorstandsmitglieder vor Gericht.
Bild: Andreas Schopf

Die Insolvenz der Nahwärme-Genossenschaft spaltet Fristingen nach wie vor. Am Dienstag steht das ehemalige Führungsteam vor Gericht.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Fristingen ein Paradebeispiel für dörfliche Gemeinschaft. Da hatten die Einwohner ein großes, gemeinsames Ziel. Dafür haben sie zusammen geplant und geschuftet, insgesamt rund 4000 Stunden – ehrenamtlich, versteht sich. Die Fristinger haben Leitungen verlegt, Mauern hochgezogen, Dach gedeckt, Wände geweißelt. So ist 2011 in einem dreiviertel Jahr ein komplettes Betriebsgebäude entstanden. Dieses sollte den Dillinger Ortsteil mittels Biogas energetisch unabhängig machen und Nahwärme für knapp 120 Haushalte in einer Genossenschaft liefern. Kurz vor dem Weihnachtsfest 2011 waren die ersten Haushalte angeschlossen, 2013 folgte die offizielle Einweihung. Politiker sprachen damals von einem „Leuchtturmprojekt“.

Was verheißungsvoll begann, scheiterte krachend. Nur ein Jahr nach der großen Eröffnungsfeier stellte sich das komplette Führungsteam nicht mehr zur Wahl, 2015 meldete die Genossenschaft Insolvenz an. Wie es zu alldem kommen konnte, darüber sind sie sich in Fristingen uneinig. Und nicht nur das. Die Pleite des einstigen Vorzeigeprojekts hat Risse in der Dorfgemeinschaft hinterlassen. Zumal der Fall nun ein Gericht beschäftigt.

Am Dienstag müssen sich die zwei ehemaligen Vorstands- sowie drei Aufsichtsratsmitglieder vor dem Augsburger Landgericht verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, durch ihr Verhalten der Genossenschaft Schaden zugefügt zu haben. Im Raum steht eine Forderung der Insolvenzverwalterin von 300000 Euro. Im Falle einer Verurteilung müssten die fünf Männer das Geld aus der eigenen Tasche aufbringen. Die Lage ist angespannt. „Für mich wäre ein solcher Betrag existenzbedrohend“, sagt einer der Männer, der sich aufgrund des laufenden Verfahrens nur anonym äußern möchte. Ein anderer betont, dass er bis dato bereits 60000 Euro aus seinem Privatvermögen in das Projekt gesteckt hat. Auch die einzelnen Mitglieder der Genossenschaft hätten mindestens ihre Einlage von 3000 Euro verloren, mancher bis zu 15000 Euro. „Wir haben ehrenamtlich so viel geleistet, wir wollten nur das Beste für die Gemeinschaft“, sagt der Mann. „Wie es gelaufen ist, tut sehr weh.“

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Für Mitglieder des ehemaligen Führungsteams ist daran vor allem einer schuld: Der Biogasbauer Bernhard Joas, der die Wärme für die Genossenschaft liefern sollte. Er habe bewusst seinen Vorteil gesucht, die Vertragslage für sich ausgenutzt, heißt es. „Wir sind über den Tisch gezogen worden“, schimpft einer der Angeklagten. Konkret geht es um die Mengen der gelieferten Wärme. Joas habe nur die vertragliche Mindestmenge bereitgestellt, nicht den Betrag, der als Normalmenge ausgemacht war. So habe er das Projekt zum Scheitern gebracht, lautet der Vorwurf.

Joas wehrt sich dagegen. Zu vertraglichen Details will er sich nicht äußern. Aber er sagt: „Ich kann mir nichts vorwerfen.“ Im Gegenteil: Er habe das Wärmenetz bis heute weiterbetrieben, während der Vorstand sich aus der Verantwortung genommen und sich zurückgezogen habe. „Da werden unwahre Dinge behauptet, um von der eigenen Unfähigkeit abzulenken.“ Joas spricht von einem „Komplott“ und „Stimmungsmache“ gegen sich.

Die Fronten sind verhärtet. Das wirkt sich offenbar auch auf das Zusammenleben in Fristingen aus. Von mehreren Seiten ist zu hören, dass das Dorf gespalten ist. „So mancher ist nicht mehr im öffentlichen Leben aktiv“, beobachtet einer der Ex-Vorstände. Er spricht von Mobbing und übler Nachrede. Auch er selbst lasse sich „nicht mehr sehen“.

Ähnliches beobachtet Winfried Wunderle. Der 63-Jährige ist seit seiner Geburt Fristinger, war früher einmal Vorsitzender der Schützengesellschaft. Im Dillinger Ortsteil kennt er sich aus. „Viele Leute hier sind sich nicht mehr grün“, sagt er. Es werde nicht mehr gegrüßt auf der Straße, zum Teil ignoriere man sich. „In Fristingen gibt es keine Solidarität mehr, was sehr schade ist in so einem kleinen Dorf.“ Zum Einkaufen und in die Kirche fahre er mittlerweile woandershin, sagt Wunderle. „Ich wohne hier, aber ich bin weit entfernt, ein Fristinger zu sein.“

Kann der Gerichtsprozess dazu beitragen, dass in Fristingen wieder Frieden einkehrt? Wunderle glaubt es nicht. „Der Konflikt schwelt seit Jahren, die beiden Seiten sind zu weit auseinandergedriftet.“ Es brauche die Mithilfe eines Mediators, der von allen akzeptiert ist. Wunderle ist sich sicher: Nur so kommen die zerstrittenen Parteien wieder an einen Tisch.

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