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Dillingen

13.01.2021

Kreis Dillingen: Auch die Nieren sind nicht vor Corona sicher

Eine Patientin bei der Dialyse - die Menschen sind Hochrisikopatienten. Im Dillinger Nierenzentrum werden zahlreiche chronische Dialysepatienten versorgt.
Bild: Arno Burgi (dpa)/Symbolbild

Plus Dr. Ulrike Bechtel leitet das Dillinger Nierenzentrum. Um die Hochrisikopatienten im Haus vor Corona zu schützen, gilt seit Monaten ein aufwendiges Hygienekonzept. Anfangs waren daran auch einige Bürger aktiv beteiligt.

Als Dr. Ulrike Bechtel 1998 die Dialysestation am Dillinger Kreiskrankenhaus übernahm, gab es in Dillingen noch keine Nephrologen, also Fachärzte für Innere Medizin, Nierenerkrankungen und Bluthochdruck. Die Spezialistin behandelte anfangs vier chronische Dialysepatienten. Heute werden von ihrem Facharztteam drei Mal pro Woche 112 Patienten in Dillingen dialysiert und im Schnitt rund 700 Sprechstundenpatienten pro Quartal betreut, viele davon Organ-transplantiert. Es kommen noch stationäre Patienten dazu. Und alle gehören zur Risikogruppe (Organspende: Papa braucht dringend eine Niere).

„Unsere Sorge war im Frühjahr groß, dass sich das Coronavirus über die Dialyse von einem Pflegeheim ins nächste ausbreiteten könnte“, sagt Dr. Bechtel rückblickend. Doch das ist nicht passiert, ergänzt sie sehr zufrieden. Weder in der ersten noch in der zweiten Welle infizierte sich jemand im Nierenzentrum. Dahinter steckt ein aufwendiges Hygienekonzept.

In unserer Zeitung bat die Ärztin um Maskenspenden für das Dillinger Nierenzentrum

Als im März kaum Masken verfügbar waren, startete sie in unserer Zeitung einen Aufruf und bat um genähte Masken für die Dialyse-Patienten. „An dem Tag, als der Aufruf drin war, kamen schon zig Spenden. Das ging noch Tage so weiter – sodass wir alle Patienten versorgen konnten“, erzählt die Ärztin dankbar. Ihr Team trägt Schutzvisiere, erst mit OP-Masken, seit Herbst mit FFP2-Masken – wie inzwischen auch die Patienten, deren Masken seit Dezember die Krankenkassen zahlen. Alle Mitarbeiter machten ein Mal pro Woche einen Antigentest. Jeder, der das KfH-Nierenzentrum betritt, wird nach Symptomen und Kontakten befragt, außerdem wird seine Temperatur gemessen. Die Patienten, die morgens dialysiert werden, begegnen der Gruppe, die am Nachmittag kommt, nie. Wer stationär im Krankenhaus behandelt wird und nur für die Dialyse ins KfH kommt, wird im zweiten Stock behandelt; die ambulanten Patienten im ersten Stock.

So hoch ist die Impfquote der Mitarbeiter im Dillinger Nierenzentrum

Inzwischen sind 80 Prozent von Bechtels Team auch gegen das Coronavirus geimpft. Demnächst findet die zweite Impfrunde statt. Die Chefin ist stolz auf die hohe Impfquote. Man habe im Vorfeld viel über die Impfstoffe, das Zulassungsverfahren und Qualitätsprüfungen gesprochen. Das habe zu einem hohen Problembewusstsein im Team geführt. „Bislang hat unser Schutzkonzept offensichtlich gegriffen, sodass sich der große Aufwand lohnt. Jedes Leben zählt.“

Dr. Ulrike Bechtel
Bild: Cordula Homann

Die Belastung des gesamten medizinischen und pflegerischen Personals und der Ärzteschaft sei seit bald einem Jahr massiv und immer weiter gestiegen – doch in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland sei das nicht mehr genügend präsent. „Wir bräuchten mehr Schülerinnen und Schüler auf den Pflegeschulen (Wie kann man Pflegekräfte für die Zukunft richtig ausbilden?) Um dafür junge Menschen zu gewinnen, wäre einerseits ein besseres Gehalt notwendig. Andererseits aber ist auch mehr Wertschätzung der pflegenden Berufe in der Bevölkerung wichtig.“

Ein großer Wunsch der Dillinger Ärztin an Wirtschaft, Industrie und Handel

Alle Menschen können helfen, die Belastung in den medizinischen Einrichtungen zu reduzieren, indem sie ihre Kontakte minimieren. Doch im medizinischen Bereich ist der direkte Kontakt zum Menschen weiterhin unersetzbar. Einen Ultraschall oder eine Blutentnahme, auch Dialysebehandlungen könne man nicht telefonisch durchführen. Bechtel vermisst aber klare politische Hygiene-Vorgaben an die Wirtschaft. Schüler tragen Masken und lüften – oder dürfen wie derzeit gar nicht in die Schule. Erwachsene dagegen treffen im Büro und in der Werkhalle täglich Angehörige zahlreicher Haushalte, halten weiterhin berufliche Meetings und Konferenzen ab und legen den Mantel und den Mund-Nasen-Schutz ab. Das sei grundverkehrt.

„Gerade in geschlossenen Räumen fühlt sich das Virus doch wohl. Sie sollten drinnen den Mantel ablegen und die Maske aufbehalten, Meetings auch innerhalb der Firma auf Videokonferenzen umstellen – und sich im besten Fall auch beruflich nicht mehr persönlich mit Kollegen treffen“, empfiehlt Dr. Bechtel. Die Welt sei so eng vernetzt. Ohne Barrieren wie die AHA-Regeln im privaten wie im beruflichen Leben könne man das Coronavirus nicht eindämmen (Führungswechsel am Dillinger Krankenhaus).

Das Team des Dillinger Nierenzentrums ist auch im Krankenhaus nebenan aktiv

Neben den ambulanten und stationären Dialysepatienten gibt es seit Ausbruch der Corona-Pandemie noch eine dritte Gruppe, um die sich das Nierenzentrum kümmert. Denn bei einem schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung, wenn Patienten beamtet werden, erleidet ein Drittel von ihnen ein akutes Nierenversagen. Dann greift eine Mitarbeiterin Bechtels zur mobilen Dialyse-Maschine und rollt diese hinüber ins Krankenhaus auf die Intensivstation.

Das Nierenzentrum liegt auf dem Gelände des Dillinger Kreiskrankenhauses St. Elisabeth.
Bild: Cordula Homann

Erholt sich der Patient von der Corona-Erkrankung, dann muss er meistens auch nicht weiter zur Dialyse. „Die Nachsorge von Covid-Erkrankten mit akutem Nierenversagen erfolgt dann weiter ambulant in der Fachsprechstunde des KfH-Nierenzentrums“, erklärt Dr. Bechtel. So können langfristige Folgeschäden an den Nieren verhindert werden.

Für die transplantierten und dialysepflichtigen Patienten hofft sie auf die baldige Impfung. Das Impfzentrum im Landkreis ist ihren Worten zufolge exzellent organisiert und eng mit den medizinischen Einrichtungen im Landkreis vernetzt. „Wir hoffen, dass die konsequente Einhaltung der Coronaregeln und die Impfung der Bevölkerung in einigen Monaten für uns alle wieder eine Rückkehr zur Normalität möglich macht.“

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