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Kreis Dillingen
20.04.2017

Wie Heidi Ostermair mit einer Spenderlunge lebt

Lebensfroh und dankbar: Heidi Ostermair hat vor achteinhalb Jahren eine Spenderlunge bekommen. Die 42-Jährige muss diszipliniert sein und täglich zahlreiche Tabletten einnehmen.
Foto: Berthold Veh

Vor gut acht Jahren hat Heidi Ostermair die Spenderlunge eines hirntoten Menschen erhalten. 2013 begann ihr Körper, das Organ abzustoßen. Wie die Bissingerin heute lebt.

Auferstehung ist das große Thema an Ostern. Unsere Zeitung nimmt dies zum Anlass, in der Serie „Neues Leben“ über Menschen zu berichten, die sich am Ende fühlten und einen neuen Anfang erlebt haben.

An den Tag selbst, der sie zurück ins Leben gebracht hat, kann sich Heidi Ostermair gar nicht mehr genau erinnern. Im Dezember 2008 hatte die Bissingerin, die an der unheilbaren Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose leidet, nach einem Darmverschluss bereits drei Operationen hinter sich. Die heute 42-Jährige wog damals gerade noch 32 Kilo. „Ich war ziemlich apathisch“, sagt Heidi Ostermair. Und die Hoffnung auf eine Rettung war nicht mehr groß, denn die Kesseltalerin wartete bereits seit Jahren auf eine Spenderlunge. Die Prognose der Mediziner konnte schlechter kaum sein. „Ich hätte Weihnachten nicht überlebt“, sagt Heidi Ostermair. Doch dann kam die Wende.

Lungentransplantation dauerte zehn Stunden

Die Bissingerin erhielt gerade noch rechtzeitig die Lunge eines hirntoten Menschen. Und Professor Dr. Paolo Brenner, ebenfalls ein Bissinger, operierte Heidi Ostermair am Universitätsklinikum München-Großhadern. „Das war ein komplizierter Eingriff“, erinnert sich Brenner. Mehr als zehn Stunden hat die OP am 11. Dezember 2008 gedauert – Reanimation inklusive. Der erfahrene Chirurg setzte nacheinander die linke und rechte Lungenseite des Spenders ein, dessen Identität Ostermair nicht kennt. Der Weg zurück in den Alltag war lang. Fast zwei Monate blieb Ostermair an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Sie musste mehrere Monate liegen und danach wieder Muskeln aufbauen.

Heute ist von der lebensbedrohlichen Krise wenig zu spüren. Nur die Tablettenbox mit den sorgfältig einsortierten Medikamenten auf dem Küchentisch in ihrer Wohnung in Bissingen erinnert daran, dass Heidi Ostermair ein diszipliniertes Leben führen muss. Mehr als zwei Dutzend Tabletten nimmt die 42-Jährige täglich ein. Aber verglichen mit früheren Zeiten ist sie beinahe in einem Wohlfühlmodus, denn die Lebensqualität der gelernten Bürokauffrau war auf den Nullpunkt gesunken. Da blickte die Kesseltalerin bei jeder noch so kleinen Hustenattacke dem Tod ins Gesicht. „Ich konnte kaum mehr atmen, keine Treppen steigen – am Ende brauchte ich immer öfter das Sauerstoffgerät“, erinnert sie sich. „Ein richtiges Leben war das nicht mehr.“

Wer der Spender war, weiß sie nicht

Manchmal fragt sich Heidi Ostermair, wer ihr wohl seine Lunge gespendet hat. „Für mich hat das Leben durch den Spender neu begonnen“, sagt sie. Die 42-Jährige weiß nicht einmal, ob es eine Frau oder ein Mann war. „Einerseits würde mich das schon interessieren, wer es war. Andererseits hätte ich aber auch Angst vor der Reaktion der Angehörigen.“

Heidi Ostermair kann heute wieder ganz normal gehen. Sie arbeitet halbtags bei der Polizeiinspektion Dillingen und ist ihren Kollegen für das Verständnis dankbar, das sie dort in all den Jahren erfahren habe. Die Kesseltalerin empfindet eine Verantwortung dafür, gut mit ihrem geschenkten neuen Leben umzugehen. „Ich habe eine zweite Chance, und die will ich nutzen.“

Die lebensfrohe Bissingerin setzt Kaffee auf. An der Wand hängt ein Kalender, die Fotos darin zeigen ihre Neffen Luca, Fabio und Daniele. Mit ihnen spielt Heidi Ostermair gelegentlich Fußball. Und neben ihrer Familie, ihren Arbeitskollegen sind es vor allem die drei Buben, die Ostermair aufbauen. „Denen kann ich einfach nicht böse sein.“ Natürlich gebe es auch Tage, an denen es nicht so gut läuft. Etwa vor drei Jahren, als Heidi Ostermair letztmals in eine ernsthafte gesundheitliche Krise geriet. „Mein Körper begann damals, meine neue Lunge abzustoßen“, berichtet die Bissingerin. Sie nimmt Immunsuppressiva, die ein Abstoßen der Spenderlunge verhindern. Wie sich herausstellte, hatte Ostermair dabei ein bestimmtes Medikament nicht mehr vertragen.

Immunsystem darf Spenderorgan nicht abstoßen

Viele Patienten sterben in den ersten fünf Jahren nach einer Transplantation. Professor Brenner erläutert, dass etwa die Hälfte der Patienten die ersten zehn Jahre nach dem Eingriff überlebt. Die Immunsuppressiva würden immer besser. Und es gebe auch die Möglichkeit, eine zweite Lunge zu transplantieren, informiert Brenner. Der Bissinger, der immer wieder nach Hause ins Kesseltal kommt, freut sich, dass es seiner Patientin gut geht.

Heidi Ostermair hat nach all ihren Erfahrungen einen positiven Blick auf das Dasein. „Man lebt viel intensiver, denkt viel nach, und nimmt nichts mehr als selbstverständlich.“ Einen Organspende-Ausweis hat die 42-Jährige längst ausgefüllt. „Dadurch kann ich vielleicht auch einmal einem Menschen das Leben retten.“ Ein größeres Geschenk gebe es nicht. Auch Paolo Brenner rät, dass potenzielle Organspender einen Organspende-Ausweis ausfüllen sollten. Eine künstliche Lunge gebe es noch nicht.

Der christliche Glaube spielt für Heidi Ostermair eine wesentliche Rolle. Der Besuch der Osternacht in der Bissinger Pfarrkirche gehört für sie zum Fest dazu. Ihr gefällt es, wie Pater Georg die heiligen Messen gestaltet. Ob sie an die Auferstehung glaubt, die für Christen an Ostern im Mittelpunkt stand? Heidi Ostermair sagt: „Ich glaube an ein Weiterleben nach dem Tod.“ Nur das Wie sei für sie eine offene Frage.

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