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Frauenriedhausen

12.10.2019

Martin Frank: Ein Standesbeamter, der Ja zum Kabarett sagt

Ein Bauernsohn aus Niederbayern, der Kabarett macht und dabei Opernarien schmettert: Martin Frank war Gast im Theater in Frauenriedhausen.
Bild: Hans Gusbeth

Plus Auch der niederbayerische Bauernbub Martin Frank erlebt den Stadt-Land-Konflikt. Umso hilfreicher ist die Bodenständigkeit seiner Oma

Auf dem Standesamt passieren manchmal die seltsamsten Sachen. Manche promovieren dort, andere nobilitieren sogar. Dass jemand dort sein Ja-Wort dem Kabarett gibt, ist eher selten. Es sei denn, er ist Standesbeamter im niederbayerischen Markt Hutthurm und heißt Martin Frank. Der sagte Nein zu seinem sicheren Job im Rathaus und vermählte sich kurzerhand mit dem Kabarett.

Der Bauernbub und die Großstadt-Boheme

Das hatte zur Folge, dass der bodenständige Bauernbub auf die Schollen einer weniger bodenständigen Großstadt-Boheme der Schauspieler und Sänger geriet. Dieser Kulturschock stürzte ihn in eine Livestyle-Sinnkrise und gleichzeitig auf den fruchtbaren Boden des Stadt-Land-Konflikts. Den beackert er seit nunmehr vier Jahren kabarettistisch auf den Brettl-Bühnen insbesondere in Bayern, am Mittwochabend erstmals im TiF in Frauenriedhausen. Dort in der schwäbischen Provinz fühlt sich der 27-Jährige mit „dörflichem Migrationshintergrund“ aus dem „Land der angeborenen Emotionslosigkeit“ sichtlich heimisch.

Mit Mozart-Arien zum Milcheinschuss

Schnell hat er den praktischen Rat zur Hand, die Milchproduktion im Stall durch Mozart-Arien zu steigern. Als ausgebildeter klassischer Sänger könne er sogar den Milcheinschuss fördern und bittet zur Beweisführung eventuell anwesende Schwangere auf die Bühne. Den großspurigen Heldentenor aus der Oper Carmen („Auf in den Kampf Torero“) stutzt der als „Kabarettist getarnte Mini-Opernsänger“ auf ein realitätsnahes niederbayerisches „Baba, schau hi, da liegt a doade Ratz“.

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Die bäuerlichen Lebensweisheiten seiner Oma („wenn der doag net geht, war’d Hef’n z´bled“) ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Leben und sein Programm. Auch das rücksichtslose Verhalten der großstädtischen Ellenbogengesellschaft muss sich daran messen lassen. Beim Einsteige-Gedränge in der U-Bahn kommt ihm Omas Spruch in den Sinn: „Z’erst kommen d’Rindviecher, dann kimmst Du.“ Auf dem ländlichen Friedhof muss er sich dagegen vor „läufigen Rentnerinnen“ in Acht nehmen, die per Gießkannentrick mit ihm Anbandeln wollen.

Vom Marmeladenbrot über Mieten und Milchpreise

Überhaupt hat er es mit den Rentnern, die ihm vormittags im Hallenbad mit der „Schwimmnudel im Strömungskanal“ begegnen. Vielleicht, weil er sie überzählig, aber noch nicht übergriffig in seinem Publikum weiß. Und vielleicht animiert er sie deshalb mit der Arie „Dunkelrote Rosen“ zum Schunkeln auf den harten TiF-Bänken und Stühlen. Er vergleicht die Ökobilanz von esoterisch-angehauchtem Superfood mit einem stinknormalen Marmeladenbrot, geißelt gnadenlose Mieten und gnadenlose Milchpreise und mutmaßt, dass man nach Genuss der billigsten Billigstwurst aus der Discounter-Plastikverpackung irgendwann „selbst zum Grunzen anfängt“. Dabei beweist die aktuelle Realität leider, dass man vielleicht schon vorher tot ist, bevor man zum Grunzen anfängt.

Martin Frank ist ein Entertainer, der viel über sich und seine Herkunft erzählt, über seine Grenzgänge, sein Leben zwischen Kunst und Landwirtschaft, Bodenständigkeit und Abgehobenheit, Stadt und Land. Hinter seinen Gags, Sprüchen, Aphorismen verpackt er leicht, locker, niederbayerisch bemerkenswert viel Gesellschaftskritik, die am Mittwoch bisweilen durch allzu krachledernes, vorauseilendes Schenkelklopflachen übertönt wird. In Zeiten heftiger Diskussionen über die vermeintlich abgehängte Provinz, vermittelt Martin Frank dem Publikum mehr als einmal das Gefühl, dass weniger das Land abgehängt ist, als die Großstadt.

Nächster Gast beim Lauinger Kabarettherbst ist Benjamin Eisenberg am Samstag, 19. Oktober.

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